Sonntag, 24. Mai 2020

Miles Davis with Benny Rietveld – Live Around The World (CD 1996)

Während der Aufnahmen zum Album „Spirits Dancing In The Flesh“ (1990) findet der in den Niederlanden geborene und später auf Hawaii lebende Bassist Benny Rietveld zu Santana. Bis heute gehört er der Band an.

Benny Rietveld 2010
Weniger bekannt dürfte sein, dass er kurz zuvor – nämlich 1988/89 – Miles Davis auf dessen Welttournee begleitete. Dokumentiert ist dies auf der 1996 erschienenen CD „Miles Davis. Live Around The World“.


Benny Rietveld wirkt bei acht von elf Tracks mit, darunter wunderbaren Songs wie „In A Silent Way“, „Human Nature“, „Amandla“ und „Time After Time“. Miles Davis ist gut drauf, lacht sogar bisweilen.

Nicht dabei ist der Bassist beim letzten Stück „Hannibal“. Dies stammt allerdings auch nicht von der genannten Tour, sondern von Miles Davis‘ letztem Auftritt in der Hollywood Bowl am 25. August 1991. Hier klinge die Trompete wie nicht mehr von dieser Welt – da können sich schon die Nackenhaare aufstellen, heißt es in den Liner Notes. Wenige Tage später erleidet der Musiker einen Schlaganfall. Am 28. September 1991 verstirbt Miles Davis.

Montag, 18. Mai 2020

Michael Shrieve & David Beal – The Big Picture (CD 1989)

Dieses Album ist Steve Lammé gewidmet, dem Erfinder des Elektronischen Schlagzeugs. Es ermöglicht Schlagzeugern, praktisch jeden aufgenommenen Ton abzuspielen, indem sie entsprechend programmierte Sensorflächen anstelle von Schlagfellen betätigen. Dadurch können sie Melodien und vielfältige Klänge erzeugen und erhalten ein erheblich erweitertes Spektrum an Möglichkeiten.


Genau dies nutzen Michael Shrieve und David Beal. „The Big Picture“ ist fast ein reines Percussion-Album, obwohl die Songs durchaus melodiös und teils ein wenig sphärisch klingen. Bei einem Stück sind Streicher hinzugemischt. Weitere Overdubs stammen unter anderem von den Perkussionisten Michael Carabello und Victor Pantoja, die wir – wie Michael Shrieve – von Santana kennen.

Daneben spielen Shrieve und Beal auch gewöhnliche, akustische Drums. So kommt die Musik zwar ein bisschen avantgardistisch und experimentell rüber, ist aber durchaus gefällig und gut hörbar. Melodiöse Drums begleiten rhythmische Drums – ganz einfach.

Freitag, 15. Mai 2020

Jorge Santana gestorben

Gestern, am 14. Mai 2020, ist Jorge Santana im Alter von 68 Jahren gestorben.

Jorge Santana, Carlos Santana, Carlos Hernandez

Wie sein älterer Bruder Carlos spielte er Gitarre. Er war Mitbegründer der Latinrock-Gruppe Malo, trat auch bei den Fania All-Stars auf und tourte ab und zu mit Santana. Jorge Santana veröffentlichte zudem einige Solo-Alben.

Donnerstag, 7. Mai 2020

Alle Santana-Songs: 675 Titel auf 50 Alben aus 50 Jahren

Auf welchem Santana-Album wurde der Song „The Creator Has A Master Plan“ hinzugefügt? Wie viele Versionen von „Black Magic Woman“ gibt es auf offiziellen Tonträgern? Solche Fragen tauchen immer wieder auf. Da wäre eine komplette Übersicht hilfreich.


Hier finden Sie die Songs von 50 Alben aus 50 Jahren. Das sind immerhin 675 Titel, alphabetisch aufgelistet mitsamt dem jeweiligen Album. Ausgewertet habe ich alle offiziellen (sowie einige weitere) CDs und LPs – vom Debütalbum (1969) bis einschließlich „Africa Speaks" (2019), darunter auch Sondereditionen mit Bonus Tracks, soweit mir bekannt und in meiner Sammlung vorhanden. Reine Best-Of-Scheiben habe ich ignoriert – sie würden die Liste nur unnötig aufblähen. Einige Compilations mit neuen Songs sind allerdings dabei. Und Live-Mitschnitte sowieso.

Dass es nun genau 50 Alben aus 50 Jahren sind hat sich ohne Absicht freundlicherweise einfach so ergeben. Es sind die folgenden Alben, die ich in meinem Buch „Carlos Santana und Band“ vorgestellt habe, ergänzt um seitdem hinzugekommene Neuerscheinungen (*):

1. Santana: Santana
2. Santana: The Woodstock Experience*
3. Santana: Abraxas
4. Santana: Tanglewood 1970*
5. Santana: Santana III
6. Carlos Santana, Buddy Miles: Carlos Santana & Buddy Miles! Live!
7. Santana: Caravanserai
8. Carlos Santana, Mahavishnu John McLaughlin: Love Devotion Surrender
9. Santana: Welcome
10. Santana: Lotus (Complete Edition*)
11. Devadip Carlos Santana, Turiyah Alice Coltrane: Illuminations
12. Santana: Borboletta
13. Santana: Amigos
14. Santana: Festivál
15. Santana: Moonflower
16. Greg Errico, Carlos Santana, Herbie Hancock, Lee Oskar: Giants
17. Santana: Inner Secrets
18. Carlos Santana: Oneness
19. Santana: Marathon
20. Devadip Carlos Santana: The Swing Of Delight
21. Santana: Zebop!
22. Santana: Shangó
23. Carlos Santana: Havana Moon
24. Santana: Beyond Appearances
25. Santana: Freedom
26. Santana: Blues For Salvador
27. Santana: Viva Santana!
28. Santana: Spirits Dancing In The Flesh
29. Santana: Milagro
30. Santana: Sacred Fire
31. Carlos Santana, Jorge Santana, Carlos Hernandez: Santana Brothers
32. Santana: Dance Of The Rainbow Serpent
33. Santana: Live At The Fillmore '68
34. Santana: Supernatural
35. Carlos Santana, Bill Laswell: Divine Light
36. Santana: Shaman
37. Santana: Ceremony
38. Santana: Food For Thought
39. Santana: All That I Am
40. Carlos Santana, Wayne Shorter: Live From The 1988 Montreux Jazz Festival
41. Santana: Ultimate Santana
42. Santana: Guitar Heaven*
43. Santana: Shape Shifter*
44. Santana: Corazon*
45. Santana: Corazon • Live From Mexico 2014*
46. Santana: Santana IV*
47. Santana: Santana IV • Live At The House Of Blues, Las Vegas*
48. The Isley Brothers & Santana: Power Of Peace*
49. Santana: In Search Of Mona Lisa*
50. Santana: Africa Speaks*

Viel Spaß beim Stöbern.

Donnerstag, 23. April 2020

Gregg Rolie – Roots (CD 2001)

Gregg Rolie war schon bei den frühesten Anfängen Santanas mit von der Partie. Seine Hammond-B3 und sein Gesang prägten die Musik maßgeblich. Nach „Caravanserai“ verließen er und Neal Schon Santana, um Journey zu gründen. Später startete Gregg Rolie eine erfolgreiche Solo-Karriere. Seit einigen Jahren ist er zudem Dauergast bei dem Ex-Beatle Ringo And His All Starr’s.


„Roots“ erschien 2001. Der Titel scheint Programm zu sein. Wer Rolies Wurzeln bei Santana sucht, wird leicht fündig. Mitwirkende auf diesem Album sind nämlich unter anderem Michael Carabello (Congas, Percussion), Neal Schon (Lead Guitar bei „Breakin‘ My Heart“), Alphonso Johnson (Bass Guitar) und Adrian Areas (der Sohn von José „Chepito“ Areas – Timbales, Bongos, Percussion).


Die Musik ist meist nicht so weit weg von Santana, man lausche nur „Down To Rio“, „Ordinary Man“, „Going Home“ (was auch der Abraxas Pool spielt), „Breakin‘ My Heart“ und dem wunderbaren „Orient Express“. Das ist einfach feine, gefühlvolle, warme und fröhliche Musik. Bei „Roots“ fühlt sich ein Santana-Fan wirklich wie zu Hause – ein sehr schönes Album.

Dienstag, 21. April 2020

Michael Shrieve, Kevin Shrieve, Klaus Schulze – Transfer Station Blue (CD 1986)

Michael Shrieve dürfte wohl so ziemlich jeder von seinem legendären Schlagzeugsolo bei „Soul Sacrifice“ im Woodstock-Film kennen. Sein Einfluss auf Carlos Santana kann kaum überschätzt werden, denn er weckte Carlos' Interesse für Jazzmusiker wie Miles Davis und John Coltrane. Vermutlich ist es vor allem Michael Shrieve zu verdanken, dass Santana die wunderbaren Alben „Caravanserai“, „Welcome“ und „Borboletta“ erschaffen konnte. Bezeichnend ist, dass diese inspirierte und spirituelle Phase ihr jähes Ende fand, als er sich nach „Borboletta“ spontan verabschiedete.

Michael Shrieve verließ Santana 1974 für eine Solo-Karriere, die ihn in recht unterschiedliche Bereiche der Musik führte. Er begleitete diverse Jazzmusiker, die Rolling Stones, ehemalige Santana-Kollegen und driftete beispielsweise auch in elektronische Sphären wie das Projekt Go mit Stomu Yamashta, Steve Winwood, Al Di Meola und Klaus Schulze oder weitere Projekte mit dem deutschen Elektroniker Klaus Schulze. Hierzu gehört „Transfer Station Blue“.


Auf dieser CD spielen also Michael Shrieve (Schlagzeug, Timbales, Simmons Electronic Drums), Kevin Shrieve (Gitarren, Wurlitzer Electronic Piano), Klaus Schulze (Synthesizers: Yamaha C.S. 80, Fairlight GDS, PPG Wave 2.3) sowie auf dem Titelsong Will Lee (Bass), Sammy Figueroa (Congas) und Hiram Bullock (Rhythmusgitarre).

Die Titel sind „Communiqué: ‚Approach Spiral‘“ (13:28), „Nucleotide” (4:48), „Transfer Station Blue“ (12:08) und „View From The Window“ (7:17). Alles klingt vor allem nach Klaus Schulze – entspannende Ambient Music mit spannenden Schlagzeug-Akzenten. Der Titelsong gerät sogar fast ein wenig rockig. Ein sehr schönes Album.

Montag, 20. April 2020

Neal Schon plays Jimi Hendrix: Paul Rodgers & Company – The Hendrix Set (1993)

Am besten spielt natürlich Jimi Hendrix seine eigene Musik. Es gibt jedoch einige Gitarristen, die das ebenfalls prima hinbekommen, allen voran Gary Moore und Steve Ray Vaughan. Dass auch der Ex-Santana- und ewige Journey-Gitarrist Neal Schon Hendrix-Titel im Repertoire hat, wurde mir erst kürzlich bewusst, als mir die CD (genau genommen EP, weil sie nur rund 22 Minuten Musik enthält) „The Hendrix Set“ von Paul Rodgers And Company in die Hände fiel.


Paul Rodgers (Lead Vocals) kennen wir als Sänger von Free und Bad Company. „And Company“ sind Neal Schon (Gitarre), Todd Jensen (Bass) und Deen Castronovo (Drums). Aufgenommen wurden die Songs live in Miami, Florida am 4. Juli 1993.


Die Stafette beginnt mit „Purple Haze“. Sehr anständig. „Stone Free“ wird etwa ab der Mitte zu einem Medley aus „3rd Stone Frome The Sun“ (Hendrix), „I Feel Free“ (Cream) und „Gypsy Queen“ (Santana – beginnend mit dem Übergang von „Black Magic Woman“ zu „Gypsy Queen“, der ja dem „3rd Stone“ entnommen ist). Klasse gemacht. „Little Wing“, „Manic Depression“ und „Foxy Lady“ lassen ebenfalls Hendrix wieder auferstehen. Neal Schon mischt seinen eigenen Sound hinein, spielt aber dennoch sehr Hendrix-mäßig. Auch die Kollegen machen ihre Sache gut. Hervorgehoben sei Deen Castronovo, der beim Groove von „3rd Stone from the Sun“ die filigranen Drum Pattern von Mitch Mitchell gekonnt nachempfindet. Und so ist diese Scheibe hörens- und empfehlenswert, nur leider nicht mehr leicht zu finden.

Sonntag, 9. Februar 2020

Michael Carabello – The Primitive Medicine Sessions Vol. 1 (2018)

Michael Carabello war der allererste Congaspieler bei Santana. Er war überhaupt der erste Musiker der Band vom Debütalbum und von Woodstock, der auf Carlos Santana traf und mit ihm Musik machte. Die anderen – Gregg Rolie, David Brown, José „Chepito“ Areas und Michael Schrieve – fanden erst im Lauf der Zeit zu Santana. Es dauerte wohl fast drei Jahre, bis sie alle glücklich versammelt waren. Neal Schon kam zum dritten Album hinzu.

Das großartige Eröffnungsstück „Singing Winds, Crying Beasts“ auf dem zweiten Album „Abraxas“ stammt von Michael Carabello. Im Woodstock-Film fällt er durch seinen Afro-Haarschnitt und seinen Fu-Manchu-Bart auf. Beide sind lange verschwunden. Congas spielt er noch immer. Er ist nach wie vor mit Carlos Santana und anderen Musikern der frühen Band (Gregg Rolie, Michael Shrieve, Neal Schon) befreundet und war auch bei „Santana IV“ (2016) und weiteren gemeinsamen Projekten dabei.


Am 31. Oktober 2018 veröffentlichte er ein Solo-Album: „The Primitive Medicine Sessions Vol. 1“. Naja, Album ist übertrieben. Es sind vier Songs, die auch nur auf diversen Plattformen als Download zur Verfügung stehen. Aber sie lohnen sich: „Es‘ Sae“ heizt kräftig los – ein Rausch mit spanischer Flamencogitarre, Kastagnetten und einem Gesang, der irgendwo zwischen Spanien, Arabien und Persien anzusiedeln ist. „Cry Of The Whale“ driftet sphärisch in Jazz und Ambient Music, ist aber ebenfalls von einem flotten Rhythmus getrieben. Da Angaben zu den Musikern leider fehlen, kann ich nur vermuten, dass wir an der Gitarre hier und auf den nächsten beiden Stücken Neal Schon hören. „Something Must Change“ ist eine berührende Ballade mit inspirierender Gitarre und sehr ansprechenden Vocals – ein kritischer Blick auf den Umgang der Gesellschaft mit Obdachlosen. „Cafe Bello“ groovt rockig und extrem tanzbar vor sich hin.

Das sind vier wirklich feine und abwechslungsreiche Stücke, unbedingt empfehlenswert. Bedauerlich ist lediglich, dass ich keine weiteren Infos finde. „Primitive Medicine, Vol. 2“ erscheint übrigens 2022.

Freitag, 27. Dezember 2019

Caravanserai – die Bedeutung des Albumtitels

Die drei Santana-Alben „Caravanserai“ (1972), „Welcome“ (1973) und „Borboletta“ (1974) sowie die parallel eingespielten Soloalben mit John McLaughlin (1973) und Alice Coltrane (1974) entstehen in der kreativsten und anspruchsvollsten Phase von Santanas Schaffen. Schlagzeuger Michael Shrieve ist der entscheidende Impulsgeber. „Caravanserai“ ist mein Favorit, zum Nebenbeihören viel zu kostbar. Schöner kann Musik für mich nicht sein.

Caravanserai (1972)
Gesonderte Würdigung verdient das von Joan Chase gestaltete traumhafte Cover von „Caravanserai“ mit einer Karawane vor tiefstehender Sonne. Auf der Rückseite zieht die Karawane unter dem Mond (oder was immer das Licht darstellt) durch die Wüste. Das passt vorzüglich – es ist genau die Landschaft, in die ich mich durch diese Musik am ehesten hineinversetzt fühle. Karg und herb, trocken und schnörkellos, rein und unverfälscht. Das unnatürliche Blau und der körnige Druck machen die Szene irreal und nicht wirklich greifbar … wie in einem Traum oder einer anderen Sphäre  …

Caravanserai – aufgeklappt
Innenseite meiner LP-Klapphülle
Die Worte auf dem Cover einschließlich des Yogananda-Zitats (dies allerdings nur auf der LP) empfinden die Schwünge arabischer Schriftzeichen nach. Das ist prima gemacht und stimmig. Denn eine Karawanserei war im arabisch-persischen Raum und im Osmanischen Reich ein Karawanenhof – eine Herberge für Reisende auf den Karawanenstraßen. Diese waren meist mit Pferden oder Kamelen unterwegs. Im ummauerten Hof fanden die Reisenden mit ihren Tieren und Waren Unterkunft und Schutz. Aber das ist nur die oberflächliche Bedeutung des Albumtitels „Caravanserai“.

Arabische Schrift
Arabischen Schriftzeichen nachempfunden
Zitat von Paramahansa Yogananda auf der Innenseite der LP-Klapphülle
Auf der Innenseite der LP-Klapphülle wie auch im Booklet neuerer CD-Ausgaben findet sich besagtes Zitat des indischen Yogi Paramahansa Yogananda, dessen Werke Carlos und Michael Shrieve in jener Zeit lesen. Sie meditieren und beschäftigen sich intensiv mit fernöstlichen Lehren – Vorlieben, die ihr Vordringen in den Jazz begleiten. Sie wollen ihre Kreativität und Ausdrucksmöglichkeiten erweitern. Der spirituelle Weg hilft ihnen tatsächlich, wie „Caravanserai“ und die nächsten Alben eindrücklich belegen.

Eternal Caravan Of Reincarnation
Paramahansa Yogananda nutzt das Bild der Karawane für den ewigen Kreislauf der Wiederverkörperungen einer Seele (der erste Titel des Albums heißt „Eternal Caravan Of Reincarnation“ – deutsch: „Ewige Karawane der Wiederverkörperung“). Die Seele geht so oft durch Leben und Tod oder Diesseits und Jenseits, bis sie einen Ort der Ruhe und des inneren Friedens findet. Diesen bezeichnet der Yogi als Karawanserei.

Freitag, 16. August 2019

Zu Santanas 50-jährigem Woodstock-Jubiläum

Es war der 16. August 1969, also heute vor genau fünfzig Jahren. Am zweiten Tag des legendären Woodstock-Festivals, einem Samstag, spielte Santana ab 14 Uhr – früher als geplant. Die chaotischen Zustände zwangen die Veranstalter zu kurzfristigen Verschiebungen, weil Künstler einfach nicht pünktlich eintrafen.

„Wir kamen per Hubschrauber an und organisationstechnisch war es ein Katastrophengebiet“, erzählt Carlos über das Festival. „Jeder, der etwas zu essen hatte, teilte es. Alle Schnellstraßen im Umkreis von ungefähr 80 Kilometern waren gesperrt. Es war wie in einem Orson-Welles-Film, wenn die Zeit stillsteht. Überall auf den Schnellstraßen parkten Autos. Die Normalos der Welt sind bis heute schockiert, dass so etwas stattfinden konnte. Und ohne Krawalle. Wir kamen etwa um elf Uhr morgens an, und zuerst sah ich Jerry Garcia. Wir blickten beide über dieses Meer aus lebendigen Leibern. ‚Mann, sieh dir das an.‘ Ich sage: ‚Einfach unglaublich.‘ Er sagt ‚Ich glaube, so was gibt’s nie wieder. Es heißt, das sind 450.000.‘ ‚Wow.‘ ‚Wann spielst du?‘ Ich sage: ‚Eigentlich sind wir so um vier Uhr nachmittags dran.‘ ‚Wir sollen nach euch spielen und gehen nicht vor zwei Uhr morgens rauf. Ihr werdet wohl nicht vor Mitternacht spielen.‘ So kam eins zum anderen, und ich nahm ein bisschen Meskalin. Ich dachte mir: ‚Wenn ich es jetzt nehme, bin ich wieder unten, wenn ich spielen soll und dann ist alles ok‘, so ungefähr. Ganz falsch! Kaum hatte ich es genommen und kam auf den Trip, sehe ich ein Gesicht vor mir, das mir sagt: ‚Ihr müsst jetzt auf die Bühne. Wenn ihr jetzt nicht spielt, dann überhaupt nicht, klar?‘“ (in: Woodstock. Chronik eines legendären Festivals, S. 122)

„Wir widersprachen nicht, wir griffen einfach nach unseren Instrumenten und gingen auf die Bühne. (…) Ich tat eben die ersten Schritte im ersten Stadium des LSD-Trips, in dem die Dinge schmelzen, wenn du sie betrachtest. Doch ich hatte schon früher im Drogenrausch gespielt, darum war ich mir sicher, dass ich es schaffen würde. Ich nahm die Gitarre und schloss sie an, aber ich weiß noch, dass ich dachte: ‚Was jetzt kommt, wird nicht das sein, was ich wirklich kann.‘ Wenn ein Trip plötzlich beginnt, gehst du mit Warpgeschwindigkeit auf die Reise, und die winzigsten Dinge nehmen kosmische Proportionen an. Auch das Gegenteil ist möglich, und auf einmal ist alles gleich groß. (…)

"The Woodstock Experience" – Box mit 2 CDs und Poster
Als wir die Bühne betraten, sahen wir, dass sie uns ganz nahe beieinander aufgestellt hatten. Das war großartig, weil wir das von zu Hause kannten. Unsere Roadies waren also durchgekommen. Ich glaube, das war das Beste, was uns an diesem Tag passierte: Wir konnten einander wirklich sehen und spüren und verirrten uns nicht. Dann kündigte uns jemand an, und wir sahen die riesige Menge vor uns. Unser Album sollte erst in der folgenden Woche herauskommen, und ‚Jingo‘ lief noch nicht im Radio. Wer nicht aus der Bay Area stammte oder für Columbia Records arbeitete, hatte also noch nie von uns gehört. Es war eine Sache, vor einer so gewaltigen Menschenmenge zu spielen, aber eine andere, ihr völlig unbekannt zu sein. Doch ich hatte andere Gedanken im Kopf.

Der Rest unseres Auftritts spielte sich wie im Nebel ab – im dicken Nebel. (…) Ich war high und dachte: ‚Gott, ich bitte dich nur um eines: dass ich im Takt bleibe und sauber spiele.‘ Ich konzentrierte mich auf die üblichen Gegenstände, die mir halfen, im Einklang mit der Band zu bleiben: Bass, Hi-Hat, kleine Trommel und Basstrommel. ‚Denk nicht an die Gitarre‘, sagte ich zu mir. ‚Beobachte sie nur.‘ Sie verwandelte sich in eine elektrische Schlange, die sich drehte und wand. Das bedeutete, dass die Saiten sich lockern würden, wenn ich die Gitarre nicht gerade hielt. Immer wieder befahl ich der Schlange, sich nicht zu bewegen, und betete dafür, dass sie sich nicht verstimmte.

Später sah ich mich auf Fotos und im Woodstock-Film. Die Grimassen, die ich beim Spielen schnitt, erinnerten mich daran, dass ich versuchte, die Schlange zum Stillhalten zu zwingen. (…) In Woodstock spielten wir nur fünfundvierzig Minuten, aber es fühlte sich doppelt so lange an. Jeder Ton, den ich spielte, schien als Blutkörperchen zu beginnen, das in einer Ader durch meinen Körper floss. Mir war, als spiele sich alles langsam ab; ich spürte, wie die Musik in mir aufstieg und aus meinen Fingern floss. Ich schaute zu, wie ich auf der Gitarre einen Ton anschlug und wie die Schwingung in den Tonabnehmer eindrang und sich durch die Schaltung im Inneren des Instruments und das Kabel bis in den Verstärker ausbreitete, dann durch dessen Lautsprecher ins Mikrofon und durch das Kabel in die großen Lautsprecher an der Seite der Bühne und von dort hinaus in die Menge und auf den Hügel hinauf, wo sie abprallte und als Echo zurück zur Bühne kam.“

An die erste Hälfte des Auftritts kann Carlos sich absolut nicht mehr erinnern. „‚Fried Neckbone‘ spielten wir als Zugabe, das weiß ich noch genau. Und natürlich ‚Soul Sacrifice‘, das auch im Film zu hören und zu sehen ist. Ich höre heute noch die Menge schreien und klatschen. Ich ging von der Bühne und drehte mich um. Gregg [Rolie] war noch oben, und seine Siegermine schien zu sagen: ‚Ja! Wir haben’s geschafft!‘ Dann fing Bill [Graham] seinen Blick auf und bedeutete ihm, sich noch einmal umzudrehen, als wolle er sagen: ‚Nicht so schnell – schau dir die Menge an. Genieß diesen Moment!‘ Gregg drehte sich um und machte ein Gesicht wie ein kleines Kind – total verzückt. Ich drehte mich ebenfalls um und machte es ihm nach. Ich glaube, Bill war vermutlich stolzer auf uns als wir selbst, weil wir alle ein wenig verstört waren“ (in: Der Klang der Welt, S. 222 f.).

CD mit dem kompletten Auftritt von Santana in Woodstock
Ich werde mir heute Abend natürlich den kompletten Mitschnitt des Santana-Auftritts in Woodstock anhören …