"Abraxas" das zweite Album von Santana, erschien 1970. Bemerkenswert ist das etwas mystische Cover, für das ein Werk des 1932 in
Hamburg geborenen Künstlers Mati Klarwein ausgewählt wurde. Das Bild mit dem Titel
"Annonciation" (Ankündigung) entstand 1962 und ist eine provokative
Interpretation des Moments, in dem Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria die
Geburt Jesu ankündigt. Da ich im Besitz eines großformatigen Kunstdrucks
(plattensigniert, Auflage 9.800 Exemplare) bin, den ich einscannen konnte,
lassen sich Details hier viel klarer erkennen als auf dem vergleichsweise grob gedruckten Plattencover.
"Annonciation" war zunächst Bestandteil des "Aleph Sanctuary", eines würfelförmigen, als Tempel aller Religionen gedachten Raumes mit 68 Bildern, darunter auch einigen biblischen Motiven wie diesem. Congaspieler Michael Carabello hatte sowohl die Idee für das Cover, als auch für den Albumtitel "Abraxas". Neben dem Cover für Miles Davis' "Bitches Brew" hat es wohl am meisten zu Klarweins internationalem Bekanntheitsgrad beigetragen.
"Annonciation" steckt voller Symbole und humorvoller Ideen. Auf einige von ihnen möchte ich in diesem Beitrag gerne einmal hinweisen.
"Annonciation" war zunächst Bestandteil des "Aleph Sanctuary", eines würfelförmigen, als Tempel aller Religionen gedachten Raumes mit 68 Bildern, darunter auch einigen biblischen Motiven wie diesem. Congaspieler Michael Carabello hatte sowohl die Idee für das Cover, als auch für den Albumtitel "Abraxas". Neben dem Cover für Miles Davis' "Bitches Brew" hat es wohl am meisten zu Klarweins internationalem Bekanntheitsgrad beigetragen.
"Annonciation" steckt voller Symbole und humorvoller Ideen. Auf einige von ihnen möchte ich in diesem Beitrag gerne einmal hinweisen.
Frauen und Mati
Klarwein verwendete keine Fotos als Vorlagen für seine
Frauenbilder. Er brauchte die erotische Spannung echter Modelle in seinem
Atelier. Für den roten, tätowierten Engel Gabriel posierte eine Frau mit ihrem
linken Knie auf einem Stuhl, die sich an einem Band festhielt, welches von der
Decke hing. Es war ein Bauernmädchen aus Guadeloupe, keine Tänzerin (wie der
Maler betont). Durchtrainiert war sie vom Gemüse schleppen. Klarwein
entdeckte sie in einer Kunstschule, wo sie für Studenten Modell saß.
Mit dem rechten Zeigefinger deutet der Engel zum Himmel auf
das Aleph-Symbol, den ersten Buchstaben des hebräischen Alphabets, welches für
den Anfang steht. Die Conga dient der Ankündigung, denn Trommeln benutzte man
in Afrika seit jeher zur Kommunikation.
Die dunkelhäutige, nackte Maria – als Modell diente eine Muse Klarweins – ist umgeben von Zeichen der Fruchtbarkeit wie
dem geöffneten Ei, aus dem Blumen sprießen, und üppigen Früchten. Die weiße
Taube vor ihr steht für Reinheit, für die unbefleckte Empfängnis. Dass die
Conga eine Linie zwischen dem Schoß der Maria und dem Kopf mit Hut (Josef) bildet, ist kein Zufall.
Dieser zeigt nämlich Mati Klarwein selbst, der nach eigenen
Worten in dem Alter von Frauen besessen war.
Ein zweites Mal taucht sein
Gesicht hinter der Mauerecke links von Marias Kopf auf.
Das Bild auf dem Tisch
rechts von Maria zeigt den Kopf des Engels mit vertauschten Farben – blaue Haut
und rote Tattoos – und auf dem Rahmen die Worte Abdul und Mati – so nannte
Klarwein sich mit Vornamen. Die hebräische Inschrift rechts des Gesichts ist ein Zitat aus den Schriftrollen Salomons und lautet "Everything is Nonsense" (Buch Kohelet 1,2: "Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch.").
Die Wodaabe
Die drei herausgeputzten Menschen hinter dem linken
Selbstporträt sind Wodaabe-Tänzer. Sie stehen für die Heiligen Drei Könige.
Werner Herzog porträtierte sie 1990 im Dokumentarfilm "Wodaabe – Hirten der
Sonne". Es handelt sich um ein Nomadenvolk, das überwiegend in Niger lebt.
Ihr traditioneller, jährlicher Höhepunkt ist ein mehrtägiges Brautwerbungsritual, bei dem die Männer sich aufwändig schminken und kleiden und in einem Tanzwettbewerb antreten, während die Frauen die Wahl haben. Besonders attraktiv sind Männer für die weibliche Jury, wenn sie ein Auge still halten und mit dem anderen rollen können, weshalb Klarwein sie mit entsprechenden Grimassen in Szene gesetzt hat.
Ihr traditioneller, jährlicher Höhepunkt ist ein mehrtägiges Brautwerbungsritual, bei dem die Männer sich aufwändig schminken und kleiden und in einem Tanzwettbewerb antreten, während die Frauen die Wahl haben. Besonders attraktiv sind Männer für die weibliche Jury, wenn sie ein Auge still halten und mit dem anderen rollen können, weshalb Klarwein sie mit entsprechenden Grimassen in Szene gesetzt hat.
Die Bucht
Unterhalb der Conga ist die Bucht von Deià (Cala de Deyà)
auf Mallorca zu sehen.
Klarwein lebte mehrere Jahre lang auf der Insel (und starb dort 2002). Von seinem Atelier aus blickte er auf die hier eingefangene Bucht mit ihren Häusern und einem offenen Fischrestaurant sowie den Terrassenfeldern.
Klarwein lebte mehrere Jahre lang auf der Insel (und starb dort 2002). Von seinem Atelier aus blickte er auf die hier eingefangene Bucht mit ihren Häusern und einem offenen Fischrestaurant sowie den Terrassenfeldern.
Der Name
"Abraxas" ist ein symbolträchtiger Begriff und der
Name einer antiken Gottheit, nämlich des Herrn sämtlicher Himmel, von denen es
nach gnostischem Glauben genau 365 gibt. Zu jedem gehört ein Tag des
Jahreslaufs. Nicht zufällig hat das Wort "Abraxas" (vermutlich durch
einen Buchstabendreher aus "Abrasax" entstanden) den Zahlenwert 365
im griechischen Alphabet (α
+ β + ρ + α
+ ξ + α + ς
= 1 + 2 + 100 + 1 + 60 + 1 + 200 = 365) und besteht aus der magischen Menge von
sieben Buchstaben.
"Abraxas" begegnet den Musikern in der Erzählung
"Demian" von Hermann Hesse, einer damaligen Kultlektüre junger
Amerikaner, die sie auf dem Cover sogar zitieren. Der Wortlaut im Original (6.
Kapitel): "Ich stand davor und wurde vor innerer Anstrengung kalt bis in
die Brust hinein. Ich fragte das Bild, ich klagte es an, ich liebkoste es, ich
betete zu ihm; ich nannte es Mutter, ich nannte es Geliebte, nannte es Hure und
Dirne, nannte es Abraxas". Mehrfach heißt es dort, dass Abraxas sowohl
Gott als auch Teufel sei, dass er die lichte und die dunkle Welt in sich trage.
Und indem Santana sich ausdrücklich auf dieses Buch und diese Gestalt bezieht,
pflegt die Band unterschwellig ihr Image, aufregend anders, wild, exotisch, gar
einen Hauch dämonisch zu sein – wie die afrikanischen Wurzeln ihrer Musik. Man
kann es sich heutzutage kaum vorstellen, aber damals hat Santana tatsächlich
dieses Flair um sich verbreitet.
Das Logo
Außerdem taucht auf "Abraxas" erstmals der
ausdrucksvolle Santana-Schriftzug auf, fortan ein Erkennungszeichen der Band.
Er stammt von Robert Venosa, der später auch das Cover von "Oneness" und das Logo von Carlos Santanas kurzlebigem Plattenlabel "Guts & Grace" entwirft. Mehr darüber gibt es hier.
Er stammt von Robert Venosa, der später auch das Cover von "Oneness" und das Logo von Carlos Santanas kurzlebigem Plattenlabel "Guts & Grace" entwirft. Mehr darüber gibt es hier.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen