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Dienstag, 30. April 2024

Geben und Nehmen bei „Taboo“ (1971)

Zuletzt hatte ich nicht soviel Zeit wie gewünscht, mich mit Santana zu beschäftigen, weil ich neben meiner gewohnten Arbeit ein Buch über meine recht abenteuerliche Weltreise („Per Anhalter durch die Wüste“) geschrieben habe.


Derweil sind mir jedoch zwei Documentaries aufgefallen, in denen ein gewisser JCM „The Making of Santana III (1971)“ und „The Untold Story Behind Santana‘s Caravanserai (1972)“ sehr facettenreich erzählt. Beide Beiträge wurden im Februar 2024 veröffentlicht. Ich kann sie Santana-Fans nur ans Herz legen.

Neben vielen Details erfahren wir beispielsweise, dass die Anfangsakkorde des Songs „Taboo“ auf „Santana III“ Golden Earring zum markanten Intro von „Radar Love“ (1973) inspirierten (23:03 – unverzeihlich, dass ich darauf nicht selbst schon gekommen bin). Eine spätere Passage im Song erinnert stark an „Whole Lotta Love“ (1969) von Led Zeppelin (23:40). Richtig spannend. Schaut unbedingt mal rein!

Freitag, 18. November 2022

Joan Chase & Heavy Water Light Show

Auf dem Cover von „Santana III“ (1971) bietet die psychedelische Collage bunte Szenen wie aus einem Drogenrausch – bizarre Halluzinationen, leuchtende Galaxien und explodierende Sterne. Genauso explodiert die Musik. Und die Drogen erweisen sich für die Musiker als wachsendes Problem – aber das ist eine andere Geschichte.



Das Cover stammt von den Künstlerinnen Joan Chase und Mary Ann Mayer von der Heavy Water Light Show. Sie verwenden Dias mit farbigen Ölen zwischen den Glasplättchen, die bei Wärme langsam durcheinander fließen, und verbinden die dabei entstehenden Lichteffekte mit Fotos und Filmsequenzen. Solche psychedelischen Liquid Light Shows kommen um 1966 auf, sind in jener Zeit als Bühnenhintergrund sehr beliebt und ihre Motive eignen sich offensichtlich auch gut für Schallplatten.

Die Heavy Water Light Show ist außer für Santana auch für Bands wie Jefferson Airplane und die Grateful Dead tätig und präsentiert ihre Kunst einige Jahre später in Planetarien.



Joan Chase wird zudem die Cover von „Carlos Santana & Buddy Miles! Live!” und „Caravanserai“ (beide 1972) gestalten.



Auch das Cover von „Caravanserai“ ist eine Collage. „Ich denke, es war Joan Chase, die eine Reihe von Dias an die Wand projizierte“, erinnert sich Carlos Santana. „Und ich sagte … oh, dies hier … und das da drüben … die rote Sonne oder Mond oder was immer das ist … mit der Karawane und den Kamelen … damit visualisierten wir die Musik und das gesamte Konzept“.

Mehr zum Cover habe ich bereits in einem älteren Post geschrieben.

Dienstag, 11. Oktober 2022

50 Jahre Caravanserai

Am 11. Oktober 1972 – heute genau vor 50 Jahren – erschien das wunderbare Album „Caravanserai“ von Santana. Aus diesem Anlass möchte ich einige Passagen aus meinem Buch „Sechs Jahrzehnte SANTANA“ zitieren:

Bereits das Zirpen am Anfang von „Eternal Caravan Of Reincarnation“ löst angenehme, entspannende Gefühle aus, denn es vermittelt die Stimmung sommerlicher Wärme (vor allem, wenn hier im Norden trister Winter herrscht). Erst nach 34 Sekunden steigt Hadley Calimans Saxophon ein und unterstreicht diesen ruhevollen Eindruck, gefolgt von Tom Rutleys akustischem Bass. Daraus entwickelt sich ein jazziger Titel, der sanft vor sich hin swingt. Neal Schon zupft verträumte Akkorde. Carlos und James Mingo Lewis sorgen für leise Percussion – Chimes und Glöckchen lassen ein wenig von „Singing Winds, Crying Beasts“ [von „Abraxas“] durchschimmern. Und Michael Shrieve schafft mit seinen wunderbar zurückhaltend und doch abwechslungsreich gespielten Drums und Cymbals eine gewisse Struktur.

Original Album (1972)
Die Anregung für diesen Einstieg stammt vom atmosphärischen Eröffnungssong „Astral Traveling“ von Pharoah Sanders‘ Album „Thembi“. Hier sind ebenfalls Naturgeräusche hineingemischt. Carlos spricht mit dem Toningenieur Glen Kolotkin über seinen Wunsch, das Album mit Naturklängen beginnen zu lassen. Kolotkin: „Da hab‘ ich genau das Richtige – in meinem Garten geht ein Grillenchor ab. Du glaubst gar nicht, was für einen Lärm die veranstalten“. So kommen diese winzigen „Musiker“ zu ihrem ersten Engagement von immerhin fast zwei Minuten. Allerdings beansprucht Michael Shrieve die Idee gleichermaßen für sich. „Ich wollte Zikaden und den Klang nächtlicher Stille am Anfang der Platte haben. (…) Dann ließ ich Hadley Caliman für geraume Zeit spielen, einfach Harmonien und solche Dinge, die ich zu dem bearbeitete, was ihr hört. Allein dieses kleine Saxophon-Intro brauchte mehr als zwanzig Schnitte. Man musste das Band per Hand schneiden – Pro-Tools gab es noch nicht. Als Nächstes bestimmen Tom Rutleys Bass sowie die jazzig schwellenden Becken und sachte Metallklänge den Sound und Wendy Haas kommt rein am Fender Rhodes Piano mit Vibrato …“.

Digitally Remastered Edition (2003)
Clive Davis von Columbia Records hält das Album für Karriere-Selbstmord und versucht, Carlos zu überreden, „mit der Band eine andere Richtung einzuschlagen. Aber wir hatten ‚Caravanserai‘ vollendet, und es war zu spät, das Ruder herumzureißen. ‚Sorry, aber ich muss einfach fragen‘, sagte Clive. ‚Warum willst du das machen?‘ Ich muss hinzufügen, dass er geduldig und kein bisschen aggressiv war, einfach sehr nett. Ich fragte: ‚Warum will ich was machen?‘ Er sagte ‚Also, eins ist doch glasklar: Auf diesem Album ist weit und breit keine Single zu finden. Es ist nichts drauf, was im Radio ein Hit werden könnte. Man könnte meinen, ihr kehrt euch selbst den Rücken zu. Der Jazz ist großartig, aber es gibt bereits einen Miles Davis und einen Weather Report. Warum seid ihr nicht einfach Santana?‘ ‚Es bleibt, wie es ist, Mann‘, sagte ich. ‚Es ist ein Gesamtkunstwerk. Das ganze Ding ist eine Single‘“.

Hybrid-SACD (2011)
Carlos weiß selbst, dass das Album ein Drahtseilakt ist. Indes … „Ich muss die Musik spielen, die aus meinem Herzen kommt. Nachdem ich ‚Caravanserai‘ fertig hatte, nach den ersten drei Alben, haben einige Leute es schlecht gemacht. Jahre später haben viele von ihnen zugegeben, dass es sie lehrte, Musik auf eine andere Weise zu hören. Es war seiner Zeit voraus, aber ich kann nicht auf alle warten. Um dich weiterzuentwickeln, musst du eine Gelegenheit ergreifen und von allem lernen. Die Kritik interessiert mich nicht wirklich“.

Siehe auch: 50 Jahre „Song Of The Wind“ und Die Bedeutung des Albumtitels

Donnerstag, 5. Mai 2022

50 Jahre „Song Of The Wind“

Am 5. Mai 1972 – heute vor genau 50 Jahren – wurde der „Song Of The Wind“ für das vierte Santana-Album „Caravanserai“ aufgenommen. Alle anderen Titel waren längst im Kasten, als die Musiker sich an dieses Stück machten. Es ist die Krönung eines herausragenden Albums.


Schlagzeuger Michael Shrieve erzählt: „Carlos und Neal spielten wunderbar und waren sehr glücklich über ihre Ergebnisse. Üblicherweise fängst du bei den Aufnahmen mit den Basic Tracks an, also mit Schlagzeug und Bass. Danach brauchst du kein Schlagzeug mehr. Der Gitarrist, der Sänger oder wer auch immer können auf dieser Grundlage ihre Soli verbessern. Und am Ende des Abends im Studio hatten sie so unvergleichliche Sachen aufgenommen, dass ich dachte ‚Wow, ich hätte mit ihnen spielen sollen‘. Und ich war fest entschlossen, dies zu tun. Doch es ging nicht. Ohne Computertechnik kannst du das eigentlich nicht machen. Denn wenn du die Basic Tracks versaust, kannst du die komplette Aufnahme ruinieren. Nachdem alle gegangen waren sagte ich also zum Toningenieur: ‚Ich werde die ganze Nacht lang daran arbeiten. Ich übe, wie ich spielen möchte zu dem, was Carlos und Neal bereits hingelegt haben. Also sei morgen früh hier und lass es uns machen‘. Ich habe das niemandem aus der Band erzählt. Glen Kolotkin war sehr besorgt, denn wenn ich es vergeigt hätte, hätten sie wohl ihn beschuldigt, obwohl ich es verdient hätte. Er meinte: ‚Bitte Michael, mach das nicht‘. Ich antwortete nur: ‚Sei morgen früh hier. Ich sage dir, wann.‘ Ich arbeitete die Nacht durch und sagte: ‚Schmeiß das Aufnahmeband an‘ und legte los. Ich fügte meinen Teil zu dem hinzu, was sie zu den vorhandenen Basic Tracks gespielt hatten. Und es wurde großartig“. So folgt beim „Song Of The Wind“ also das Schlagzeug den Gitarren – und nicht umgekehrt, wie eigentlich üblich.


Shrieve versuchte, im Stil von Jack DeJohnette wie bei „First Light“ mit Freddie Hubbard zu spielen, einem Song, den auch Carlos schätzt. In seinem 8 x 10 Fuß kleinen, schallgedämmten Übungsraum zuhause in der Bay Street feilte er also die Nacht hindurch an einem ausdrucksstarken Spiel. Seine damalige Lebensgefährtin Wendy Haas erklärte ihn für verrückt. Gewiss mit einem Augenzwinkern – schließlich ist sie selbst Musikerin (und auf diesem Album am Piano ebenfalls dabei).

Und Carlos‘ Freundin (und spätere Frau) Deborah: „Ich hörte ‚Song Of The Wind‘ immer und immer wieder und versuchte zu ergründen, welche Gitarre Carlos und welche Neal Schon spielte. Es fühlte sich an, als würde ich fliegen, als sie sich mit ihren Soli abwechselten. Die Musik schwebte mit Schichten aus Rhythmus und Melodie, wie ich sie noch nie zuvor gehört hatte“.


Für mich ist dieser Song ein zeitloses Meisterwerk, bei dem man jedes Instrument einzeln genießen kann und der nie langweilig wird, weil es darin so viel zu entdecken gibt. Am besten entfaltet er sich, wenn man ihn im Anschluss an die vier Titel davor hört. „Eternal Caravan Of Reincarnation“, „Waves Within“, „Look Up (To See What’s Coming Down“, „Just In Time To See The Sun“ und „Song Of The Wind“ fließen nahtlos ineinander und schaffen eine Stimmung, in der das Lied des Windes einfach nur verzaubert …

Freitag, 27. Dezember 2019

Caravanserai – die Bedeutung des Albumtitels

Die drei Santana-Alben „Caravanserai“ (1972), „Welcome“ (1973) und „Borboletta“ (1974) sowie die parallel eingespielten Soloalben mit John McLaughlin (1973) und Alice Coltrane (1974) entstehen in der kreativsten und anspruchsvollsten Phase von Santanas Schaffen. Schlagzeuger Michael Shrieve ist der entscheidende Impulsgeber. „Caravanserai“ ist mein Favorit, zum Nebenbeihören viel zu kostbar. Schöner kann Musik für mich nicht sein.

Caravanserai (1972)
Gesonderte Würdigung verdient das von Joan Chase gestaltete traumhafte Cover von „Caravanserai“ mit einer Karawane vor tiefstehender Sonne. Auf der Rückseite zieht die Karawane unter dem Mond (oder was immer das Licht darstellt) durch die Wüste. Das passt vorzüglich – es ist genau die Landschaft, in die ich mich durch diese Musik am ehesten hineinversetzt fühle. Karg und herb, trocken und schnörkellos, rein und unverfälscht. Das unnatürliche Blau und der körnige Druck machen die Szene irreal und nicht wirklich greifbar … wie in einem Traum oder einer anderen Sphäre  …

Caravanserai – aufgeklappt
Innenseite meiner LP-Klapphülle
Die Worte auf dem Cover einschließlich des Yogananda-Zitats (dies allerdings nur auf der LP) empfinden die Schwünge arabischer Schriftzeichen nach. Das ist prima gemacht und stimmig. Denn eine Karawanserei war im arabisch-persischen Raum und im Osmanischen Reich ein Karawanenhof – eine Herberge für Reisende auf den Karawanenstraßen. Diese waren meist mit Pferden oder Kamelen unterwegs. Im ummauerten Hof fanden die Reisenden mit ihren Tieren und Waren Unterkunft und Schutz. Aber das ist nur die oberflächliche Bedeutung des Albumtitels „Caravanserai“.

Arabische Schrift
Arabischen Schriftzeichen nachempfunden
Zitat von Paramahansa Yogananda auf der Innenseite der LP-Klapphülle
Auf der Innenseite der LP-Klapphülle wie auch im Booklet neuerer CD-Ausgaben findet sich besagtes Zitat des indischen Yogi Paramahansa Yogananda, dessen Werke Carlos und Michael Shrieve in jener Zeit lesen. Sie meditieren und beschäftigen sich intensiv mit fernöstlichen Lehren – Vorlieben, die ihr Vordringen in den Jazz begleiten. Sie wollen ihre Kreativität und Ausdrucksmöglichkeiten erweitern. Der spirituelle Weg hilft ihnen tatsächlich, wie „Caravanserai“ und die nächsten Alben eindrücklich belegen.

Eternal Caravan Of Reincarnation
Paramahansa Yogananda nutzt das Bild der Karawane für den ewigen Kreislauf der Wiederverkörperungen einer Seele (der erste Titel des Albums heißt „Eternal Caravan Of Reincarnation“ – deutsch: „Ewige Karawane der Wiederverkörperung“). Die Seele geht so oft durch Leben und Tod oder Diesseits und Jenseits, bis sie einen Ort der Ruhe und des inneren Friedens findet. Diesen bezeichnet der Yogi als Karawanserei.

Mittwoch, 16. Januar 2013

Aquarell Caravanserai

Nun habe ich mit der Aquarellmalerei begonnen. Selbstverständlich musste eins der ersten Bilder das Cover meines Lieblingsalbums nachempfinden. Hier also mein zweites Aquarellbild – meine Version von Caravanserai.


Technik: Aquarell – Format: 10 x 15 cm – Datum: 14. Januar 2013