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Montag, 20. Mai 2024

Santana – Dance of the Rainbow Serpent (1995)

Bill Graham spricht von seinen beiden musikalischen Lieben – Latin und Blues. „Als ich Santana zum ersten Mal im Fillmore hörte, war es, als hätten diese beiden Lieben sich gepaart und ein Kind bekommen. Über die Jahre habe ich die Entwicklung dieser Band, dieses Sounds, dieses Geistes gesehen und gespürt. Sie ist reif und zugleich ewig jung, voller Unschuld und Schuld, Leidenschaft und Ruhe. Das Wesen von Santana provoziert meine Sinnlichkeit. Es gestattet meinem Herz, sich in die Höhe zu schwingen und befiehlt meinem Körper, sich zu bewegen. Das ist das Höchste, wozu ein Künstler mit seiner Ausdruckskraft mich bringen kann“.


Bill Graham trägt maßgeblich zur Entwicklung der Band bei. Er fördert sie, gibt ihnen Chancen und öffnet Türen. Im Booklet zu diesem Album kommt Carlos mehrfach auf seinen Freund zu sprechen, der nun schon seit einigen Jahren nicht mehr lebt.


Herz, Seele, Geist – so sind die drei CDs dieses schönen Sets aus dem Jahr 1995 betitelt. Es besticht nicht nur durch seine Aufmachung mit einem umfangreichen, aufwendig gestalteten Booklet, sondern hat auch musikalisch viel zu bieten. Es enthält bekannte Hits und weniger bekannte, ebenfalls sehr schöne Santana-Songs (besonders hervorheben möchte ich „Song of the Wind“ und „Flame-Sky“). Außerdem eine Reihe von Aufnahmen, die bislang nur auf Alben anderer Musiker oder auf Konzertmitschnitten zu finden sind – sowie zweieinhalb bislang unveröffentlichte Titel (den „halben“ gibt es bis dahin nur auf Video/DVD).


Gerade höre ich mir diese Compilation mal wieder an. Und ich muss feststellen: Wenn ich nicht bereits Santana-Fan wäre, würde ich es bei dieser Zusammenstellung ganz gewiss werden.

Donnerstag, 30. März 2023

Wie die Band SANTANA zu ihrem Namen kam

Die Anfänge von Santana liegen im Jahr 1966, als die Musiker Carlos Santana (Gitarre), Michael Carabello (Congas), Gregg Rolie (Hammondorgel und Gesang), Tom Fraser (Rhythmusgitarre), Danny Haro (Schlagzeug) und Gus Rodriguez (Bass) sich zusammentun.

Eines Tages im Februar 1967 ruft jemand aus dem Fillmore an, wie Carabello erzählt, und sagt, dass sie die Band gerne an einem Dienstagabend sehen möchten. Dienstags dürfen lokale Musiker vor Publikum spielen. Und er fragt, wie seine Band überhaupt heißt – doch sie hat noch keinen Namen. Michael überlegt schnell: „Hmmm, Carabello Band … ich weiß nicht. Wie wäre es mit Santana Blues Band?“, denn sie sind große Fans der Butterfield Blues Band. Nach Carabellos Schilderung ist der erste Bandname also eine spontane Eingebung am Telefon.

Das „offizielle“ Gründungsdatum der Santana Blues Band liegt somit im Februar 1967.

Der erste offizielle Auftritt der Santana Blues Band unter diesem Namen findet am 1. März 1967 im „The Ark“ in Sausalito statt – einem zum Tanzschuppen umgebauten Fährschiff, das vertäut im Hafen liegt. Für den zweiten Auftritt am 17. März in der Winchester Cathedral in Redwood City wird „Santana Blues“ bereits auf einem Konzertplakat angekündigt. Hier erhält die Band eine Gage in Höhe von 75 Dollar. Im Publikum befindet sich ein junger Schlagzeuger namens Michael Shrieve, der sofort den Wunsch verspürt, irgendwann bei dieser Band einzusteigen.

Am 17. Juni 1967 ist die Santana Blues Band – wie schon am Vortag – als Vorgruppe für The Who gebucht. Doch Danny und Gus sind nicht mit dem erforderlichen Engagement bei der Sache – sie kommen zu ihrem Auftritt im Fillmore zu spät, weil sie ihren Eltern noch helfen müssen. Carlos ist richtig sauer und Bill Graham kocht. Ein Jahr lang dürfen sie nicht im Fillmore auftreten. Dazu Carlos: „Die Santana Blues Band stand auf Bills schwarzer Liste. Ich konnte es nicht fassen. Ich hatte nie einen Gig verpasst! Verspätungen waren kein Teil meiner DNS. Meine Mom und mein Dad hatten mir eingebläut, was Pünktlichkeit bedeutet: eine halbe Stunde zu früh zu kommen, wenn man eine Verabredung hat. So denke ich heute noch, und meine Band weiß das“.

Die Verspätungen haben weitere Konsequenzen. So etwas geht einfach nicht! Obwohl Danny und Gus seine ältesten Freunde sind, muss Carlos sich von ihnen trennen, wenn er als Musiker vorankommen will – eine schmerzhafte Entscheidung. Auch Tom Fraser scheidet aus. Michael Carabello macht vorübergehend Platz für Marcus Malone. Das Schlagzeug übernimmt Bob Livingston und am Bass kommt David Brown hinzu.

Gregg Rolle, David Brown, Carlos Santana, Bob Livingston, Marcus Malone
(Foto aus der Legacy Edition von „Santana“)
Nach genau einem Jahr endet der Bann von Bill Graham. Als sie am 16. Juni 1968 endlich wieder im Fillmore auftreten dürfen, legen sie das „Blues Band“ im Namen ab, nennen sich fortan also einfach Santana.

1969, während der Arbeit am Debütalbum und noch vor Woodstock, verlassen Marcus Malone und Bob Livingston die Band. Michael Carabello kehrt zurück. Michael Shrieve (Schlagzeug) und José „Chepito“ Areas (Timbales und Percussion) sorgen für einen Qualitätssprung.

Die Band trägt zwar Carlos‘ Namen. Musikalischer Chef scheint freilich oftmals Gregg Rolie zu sein, dessen Hammond B3 Orgel gemeinsam mit seinem Gesang viele Songs dominiert. Seine Bedeutung kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Man muss eigentlich nur genau hinhören, um das zu erkennen. Ein Jammer, dass viele denken, Carlos hätte bei den frühen Hits gesungen – und dass sie Greggs Namen nicht einmal kennen. Das findet er selbst nicht wirklich fair. In einem Interview 50 Jahre später (2019) meint er: „Hast du irgendwelche unserer Auftritte gesehen? Warst du jemals bei einem Konzert? Es ist immer dasselbe. Wir haben uns Santana genannt, weil das ein cooler Name ist, der sich gut liest und der ausdrückt, was damals geschah. Ja, Carlos stand vorne in der Mitte. Und so dachte jeder, dass er der Chef sei. Doch das stimmt nicht. Die Band war wirklich eine Band. Deshalb klappte es so gut“.

Was wäre wohl geschehen, wenn die Band sich ursprünglich nach einem anderen Mitglied der Gruppe benannt hätte – beispielsweise The Rolies oder Carabello Band? Ich denke Carlos hat großes Glück, dass Santana seinen Namen trägt, den er einfach mitnehmen kann, als die anderen sich nach und nach aus der Band verabschieden. Das schafft Kontinuität. Und so erbt Carlos gewissermaßen den gemeinschaftlich erarbeiteten Ruhm der ersten Jahre und kann darauf aufbauen. Wäre ein anderer Musiker der Namenspatron gewesen, hätte Carlos nach dessen Abgang für seine verbleibende Formation womöglich einen neuen Namen finden müssen. Das hätte definitiv einen Bruch bedeutet und der direkte Bezug zu Woodstock und den ersten drei Alben bis zur Trennung wäre dabei verloren gegangen.

Offen gestanden bin ich froh, dass uns ein derartiger Wirrwarr erspart geblieben ist und dass die Geschichte so lief, wie wir sie kennen.

Anmerkung: In meinem Buch „Sechs Jahrzehnte SANTANA“ erzähle ich diese Geschichte noch wesentlich ausführlicher.

Dienstag, 8. März 2022

The Butterfield Blues Band – East-West (1966)

Die Butterfield Blues Band prägte Santana in deren Anfangszeit entscheidend. Mindestens Carlos Santana und Michael Carabello waren große Fans des Ensembles mit Paul Butterfield, Michael Bloomfield, Elvin Bishop, Jerome Arnold, Billy Davenport und Mark Naftalin. Als sie Anfang 1967 einen Namen für ihre eigene Band brauchten, nannten sie sich Santana Blues Band – in Anlehnung an die Butterfield Blues Band. Erst im Juni 1968 wurde der Name auf Santana gekürzt.


Auf „East-West“, dem zweiten Album der Butterfield Blues Band (1966), befindet sich als Titelstück ein ausgedehnter Jam ohne Intro und Outro. Er beginnt und endet abrupt. Dazwischen braust die Musik 13 Minuten und 10 Sekunden lang recht konturlos, doch voller Spannung und gespickt mit diversen Soli vor sich hin. Dieser Song hatte enormen Einfluss auf die Rockmusik – und auf Santana. Er öffnete die Tür für ausschweifende Improvisationen, die sich unter Rockmusikern der Westküste zunehmender Beliebtheit erfreuten und zu wichtigen Elementen der psychedelischen Musik
 wurden.


Frühe Liveaufnahmen von Santana folgen dem Muster von „East-West“, wie auf „Live At The Fillmore 1968“ überdeutlich zu hören. Bei Konzerten funktionierte das wunderbar. Ein Song konnte problemlos 30 Minuten dauern. „Jingo“ kam immerhin auf 9:38.


Als schließlich Plattenaufnahmen anstanden, wurde den Musikern gesagt, dass sie dafür nicht Musik brauchen, sondern Songs. Sie mussten ihre Titel plattentauglich kürzen und arrangieren, wobei Bill Graham und Alberto Gianquinto ihnen halfen. Aber sie lernten schnell. Auf ihrem Debütalbum ist beispielsweise „Jingo“ auf 4:21 komprimiert. Die ersten Sporen jedoch verdiente Santana sich mit Endlosjams im Stil von „East-West“.

Freitag, 25. Dezember 2020

Santana – Fillmore East 1971 (CD 2020)

Bill Graham schließt das New Yorker Fillmore East wenige Tage vor dem Fillmore West, nämlich am 27. Juni 1971. Heute befinden sich im Gebäudekomplex Apartments und im ehemaligen Eingangsbereich eine Bankfiliale. Nur eine Gedenktafel links davon, ein mit Mosaik verzierter Mast am Straßenrand und viele wunderbare, im Fillmore East aufgenommene Livealben erinnern an die legendäre Konzerthalle. 2020 kommt eine weitere Veröffentlichung hinzu – diesmal von Santana.


Denn Anfang April 1971, unmittelbar bevor es nach Europa geht, spielt Santana an drei Abenden im Fillmore East. Der letzte Auftritt vom 3. April, damals vom Radiosender WNEW-FM live übertragen, wird uns nun mit passabler Tonqualität auf dieser CD präsentiert.

Angaben zu den Musikern fehlen. Vermutlich spielt hier die seinerzeitige Santana-Belegschaft. „Chepito“, der wegen einer Erkrankung vorübergehend durch Coke Escovedo vertreten wurde, ist dem Vernehmen nach wieder dabei und Coke ebenso, was einmal mehr für ein imposantes Percussion-Spektakel sorgt. Damit dies auch wirklich gebührend zur Geltung kommt, bildet „Soul Sacrifice“ mit einem knackigen Intro hier den Opener.

Da das dritte Album erst im Oktober erscheinen wird, sind „Jungle Strut“, „Toussaint L‘Overture“ und „Everybody‘s Everything“ neu für das Publikum. „Jungle Strut“ mit zwei Lead-Gitarren von Carlos Santana und Neal Schon neben der heißen Orgel von Gregg Rolie macht ordentlich Dampf, so dass die anschließende Stille im Publikum eigentlich nur mit Sprachlosigkeit erklärt werden kann. Und so ruft Rolie etwas erstaunt „Why is so quiet?“

Es folgt die als Dreierpack sich etablierende Sequenz „Black Magic Woman/Gypsy Queen/Oye Como Va“ mit einem Aussetzer bei „Black Magic Woman“ (Funkstille von 1:10 bis 1:16). Beim Übergang zu „Gypsy Queen“ setzt der Bass etwas zu früh ein, was aber eher den Hörer als die Band irritiert.

„Waiting“ weist in der Mitte ein auffälliges Timbales-Solo auf. Bei „Samba Pa Ti“ gibt es einige Unaufmerksamkeiten. „Toussaint L‘Overture“ ist besonders nah an der späteren Albumversion und springt direkt in „Evil Ways“, bei dem mittendrin das Publikum zum Tanzen animiert wird und die Band locker improvisiert.

„Everybody‘s Everything“ serviert uns ein ungewöhnliches Cuica-Solo. Dieses brasilianische Instrument, hier begleitet vor allem von den Cowbells, wird uns – wesentlich ausgefeilter gespielt – auf „Caravanserai“ wieder begegnen. „Gumbo“ als gewaltiges Finale beschließt einmal mehr das Konzert und das Album.

Sonntag, 8. Januar 2017

Santana Live At The Fillmore 2008

Eine ganze Reihe von Santana-Konzertmitschnitten ist mittlerweile neben den offiziellen DVDs erschienen, beispielsweise “Hammersmith ’76” vom 16. Dezember 1976 im Hammersmith Odeon in London, ”The Nagano Session” mit Jeff Beck und Steve Lukather vom 1. Juni 1986, “At Budokan – Live In Tokyo” vom 21. Mai 1991 oder ”At Udo Music Festival” in Shizuoka, Japan, vom 23. Juli 2006. Stellvertretend für diese und weitere sei “Live At The Fillmore” vom 20. und 21. Mai 2008 vorgestellt, weil Carlos Santana hier an seine alte Wirkungsstätte in San Francisco und gewissermaßen an den Geburtsort von Santana zurück kehrt.


Denn bis 1968 betreibt Bill Graham das Fillmore Auditorium in der Fillmore Street, Ecke Geary Boulevard. Hier nimmt er die Santana Blues Band unter seine Fittiche und fördert die jungen Musiker. Aufgrund von Rassenunruhen in der Nachbarschaft zieht er um und gründet das Fillmore West im ehemaligen Carousel Ballroom in der Market Street, Ecke South Van Ness Avenue. Dessen Ende 1971 zelebriert der langjährige Santana-Freund und Manager mit einem mehrtägigen Abschiedskonzert, von dem unter anderem das 3-LP-Set ”The Last Days Of Fillmore” zeugt. Darauf spielt Santana neben vielen anderen Bands wie den Grateful Dead, Jefferson Airplane, Hot Tuna, Quicksilver Messenger Service und It’s A Beautiful Day. Es ist auch ihr eigenes Abschiedskonzert, bevor die Originalbesetzung auseinander bricht.

1994 wird das sanierte Fillmore Auditorium in der Fillmore Street als The Fillmore wiedereröffnet. Dort also – unter mindestens acht imposanten Kronleuchtern – entsteht die vorliegende Aufnahme des Santana-Heimspiels. An ”The Last Days Of Fillmore” erinnern einige Takte des Songs ”Greensleeves”, die Carlos vor ”Smooth” seiner Gitarre entlockt. Das sentimentale ”Greensleeves” folgte damals nämlich als letzter Titel des Albums Bill Grahams “Goodbye”.

Die DVD ist ein sauberer Mitschnitt eines besonders stimmungsvollen Auftritts. Bild und Ton sind einwandfrei. Keine Extras, kein Brimborium, keine Gäste, allerdings auch lediglich spärliche Informationen. Einfach nur 94 Minuten mit feiner Musik zum Genießen. Und wenn man um die Bedeutung des Ortes für Carlos weiß und andere Details kennt, kann man erahnen, warum er ”I Love You Much Too Much” mit so besonders großer Inbrunst und offensichtlicher Rührung spielt – und im Anschluss ”Somewhere In Heaven”. Denn von dort schaut Bill Graham zu. ”I Love You Much Too Much” war einer seiner Lieblingstitel. Carlos hat ihn daher auch bei der Trauerfeier für seinen Freund nach dessen Hubschrauberabsturz 1991 gespielt.