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Montag, 26. Januar 2026

Michael Shrieve – Two Doors (2 CDs 1995)

Heute möchte ich ein weiteres Album des ehemaligen Santana-Drummers Michael Shrieve vorstellen. Eigentlich sind es zwei: „Deep Umbra“ entstand im Mai 1995 mit Shawn Lane (Guitar, Voice) und Jonas Hellborg (Bass). „Flying Polly“ wurde im November 1993 mit Bill Frisell (Guitar) und Wayne Horvitz (Organ) aufgenommen. Das sind also die beiden Türen, durch die wir hier gehen, um auf Pfaden zwischen Jazz, Rock und Fusion zu wandeln.


„Deep Umbra“ bietet mitunter recht sphärische Klänge, etwa bei „Sorcerer“. Bei „The Smiling Tarshishm“ finde ich besonders auffällig, wie langgezogene Sounds die Basis für die Drums liefern, während es meist doch eher umgekehrt ist – indem nämlich Drums die Grundlage für alles andere bilden. So wie hier ist es freilich völlig okay, weil der Schlagzeuger auf „seinem“ Soloalbum natürlich im Vordergrund stehen darf. Das differenzierte Spiel von Michael Shrieve kommt durchweg sehr klar rüber, belohnt den Hörer und erzeugt gemeinsam mit den anderen Instrumenten eine stets präsente Spannung. Anfangs fand ich die Musik ein wenig herb, irgendwie leicht schräg, und musste mich erstmal reinhören. Inzwischen jedoch gefällt sie mir richtig gut.


„Flying Polly“ ist teilweise etwas experimenteller geraten. Mehrere sehr kurze Fragmente von weniger als einer Minute und Schnipsel zwischen einer und zwei Minuten sind eher kleine Intermezzi – Ideen, die zumindest hier nicht weiter ausgebaut wurden. Ihnen stehen extralange Songs gegenüber wie das zwölfminütige „Queen Bee“. „Stella“ und „Stella (Reprise)“ kommen zusammen auch auf über zwölf Minuten und bilden vielleicht das Highlight der CD, die mich insgesamt aber weniger zu überzeugen vermag als „Deep Umbra“.

Frisell und Horvitz haben auch auf „Fascination“ (1994) mit Shrieve gearbeitet, welches ebenfalls im November 1993 in denselben Studios in Michaels Heimatstadt Seattle eingespielt wurde, vermutlich also bei ebendiesen Sessions. Während „Deep Umbra“ ungefähr auf einer Ebene mit „Fascination“ steht, wirkt „Flying Polly“ für mich ein bisschen wie Resteverwertung, ist aber trotzdem gut hörbar.


„Two Doors“ wurde auch als Reissue mit einem orientalisch anmutenden Cover aufgelegt, welches mir persönlich besser gefällt als das ursprüngliche. Es läuft unter dem Titel „Two Doors ‚In the Palace of Dreams‘“ und enthält nach meinen Recherchen nur eine CD. Die Musik scheint jedoch identisch und vollständig zu sein.

Dienstag, 21. Oktober 2025

The Rolling Stones feat. Michael Carabello (1981)

Das Album „Tattoo You“ der Rolling Stones erschien 1981. Sein Vorgängeralbum „Emotional Rescue“ (1980), bei dem übrigens der Ex-Santana-Schlagzeuger Michael Shrieve als Perkussionist mitwirkte, spielte die Band ganz normal in mehreren eigens dafür anberaumten Sessions ein. „Tattoo You“ hingegen besteht es aus Songs, die über die Siebzigerjahre verstreut entstanden und nun aus der Schublade geholt wurden. Denn die Stones brauchten für ihre anstehende Tour ein neues Album, hatten jedoch keine Zeit mehr, ein solches aufzunehmen. Sie griffen also auf vorhandenes Material zurück. Auch Songs aus den Sessions für „Emotional Rescue“ befinden sich darunter. Trotzdem klingt „Tattoo You“ sehr homogen und stimmig.


Meine alte LP enthält zwar die Lyrics, aber keinerlei Credits. Bei späteren Ausgaben sind die Credits offenbar unvollständig. Wenig bekannt ist daher, dass Michael Carabello – Santanas Ur-Perkussionist – mit Congas, Cowbells, Claves, Guiro und Cabasa an den Aufnahmen in New York City beteiligt war (siehe hier).

Carabello zählt die Songs „Start Me Up“, „Heaven“ (vermutlich ist es aber nicht „Heaven“, sondern „Slave“) und „Waiting on a Friend“ auf. „Als Congaspieler musst du diese großen, schweren Dinger schleppen. Ich marschierte fünf Blocks weit mit drei Congas, Mann. Ich kam also an und war erstmal fertig. Und dann sah ich Keith Richards – einen meiner Helden – in den Raum gehen. Charlie Watts – noch einer meiner Helden – ging ebenfalls rein und am nächsten Tag machten wir die Aufnahmen. Ich erinnere mich, dass Mick [Jagger] mir sagte, was ich spielen sollte. Das ist lustig, (…) denn er ließ mich einige Sachen ausprobieren und dann fragte ich, ob wir es mal so versuchen könnten, wie ich es machen würde. Ich meine … eigentlich fragt man die Rolling Stones nicht, ob man sein eigenes Ding machen darf. Aber er sagte ‚Klar‘ und das waren die Aufnahmen, die auf diesen drei Songs landeten. Ich fühlte mich sehr geehrt, mit einer der größten Rock‘n‘Roll Bands aller Zeiten zu spielen. Und ich bin der einzige Conguero aus San Francisco, der mit ihnen gespielt hat“.

Mit „Slave“ und „Waiting on a Friend“ begleitet er zwei der für mich stimmungsvollsten und schönsten Songs der Stones.

Dienstag, 1. Oktober 2024

David Crosby – If I Could Only Remember My Name (1971)

Das erste Soloalbum von David Crosby ist alles andere als ein Soloalbum. Viele Kollegen besuchten ihn während der Aufnahmen in den Wally Heider Studios in San Francisco und machten einfach mit – siehe die Liste unten. Musiker von den Grateful Dead, Jefferson Airplane und Santana sowie Neil Young und andere gaben sich die Klinke in die Hand und trugen zur Musik bei. Und so ist von dem vielleicht geplanten Folkrock gar nicht mehr viel übriggeblieben. Die Songs entwickeln sich zu eher rockigen Jamsessions, in denen es nicht immer geordnet zugeht, und driften gelegentlich in psychedelische Gefilde ab. Ich bin begeistert darüber, „If I Could Only Remember My Name“ entdeckt zu haben.



Kritiker konnten mit dieser seltsamen Musik seinerzeit nicht viel anfangen. Das änderte sich freilich im Laufe der Jahrzehnte und inzwischen ist die Scheibe hoch angesehen und gilt als wegweisend.


Wally Heider Studios? Falls es da bei dem einen oder anderen Fan klingelt … in diesen Studios entstand Santanas zweites Album „Abraxas“ (1970). Daher ist nicht verwunderlich, dass Michael Shrieve und Gregg Rolie an ihren Tatort zurückkehrten. Michael Shrieve hat Track 5 „What Are Their Names“ mitgeschrieben und spielt Schlagzeug. Bei Track 7 „Song with No Words (Tree with No Leaves)” ist er ebenfalls dabei und Gregg Rolie spielt das Piano. Daher hat sich das Album auch für meinen Santana-Blog qualifiziert. Die Congas in Track 1 „Music Is Love“ spielt allerdings niemand von Santana, sondern Neil Young.


Und hier die Credits, die ich im Internet recherchieren musste, da sie auf der CD fehlen:
  • David Crosby – vocals, guitars
  • Graham Nash – guitar, vocals („Music Is Love“/„Tamalpais High“/„Laughing“/„What Are Their Names“/„Traction in the Rain“/„Song with No Words“)
  • Jerry Garcia – electric guitar („Cowboy Movie“/„Tamalpais High“/„What Are Their Names“/„Song with No Words“); pedal steel guitar („Laughing“); guitars („Kids and Dogs“); vocal („What Are Their Names“)
  • Neil Young – guitars, vocals („Music Is Love“/„What Are Their Names“); bass, vibraphone, congas („Music Is Love“)
  • Jorma Kaukonen – electric guitar („Tamalpais High“/„Song with No Words“)
  • Laura Allan – autoharp, vocal („Traction in the Rain“)
  • Gregg Rolie – piano („Song with No Words“)
  • Phil Lesh – bass („Cowboy Movie“/„Tamalpais High“/„Laughing“/„What Are Their Names“); vocal („What Are Their Names“)
  • Jack Casady – bass („Song with No Words“)
  • Bill Kreutzmann – drums („Tamalpais High“/„Laughing“); tambourine („Cowboy Movie“)
  • Michael Shrieve – drums („What Are Their Names“/„Song with No Words“)
  • Mickey Hart – drums („Cowboy Movie“)
  • Joni Mitchell – vocals („Laughing“/„What Are Their Names“)
  • David Freiberg, Paul Kantner, Grace Slick – vocals („What Are Their Names“)

Samstag, 20. Juli 2024

Santana 1974 – zum 77. Geburtstag von Carlos Santana

Das Jahr 1974 war ziemlich produktiv in der bereits weit fortgeschrittenen, aus heutiger Sicht freilich noch jungen Karriere von Santana. Vier neue Alben mit einer enormen stilistischen Bandbreite kamen auf den Markt. Alle hier zitierten Passagen mit Quellenangaben und vielen weiteren Details sind übrigens in meinem Buch „Sechs Jahrzehnte SANTANA“ nachzulesen.


Es begann im Mai mit dem Dreifach-Livealbum „Lotus“. „Die Idee war wundervoll und ehrgeizig, und die Musik war frisch – aber die Leute von Columbia konnten damit nichts anfangen“, erzählt Carlos Santana. „Das Album-Cover, die Verpackung und die drei Platten waren ihnen einfach zu teuer. Sie glaubten nicht daran, dass das Album sich gut verkaufen würde. Selbst nachdem ‚Lotus‘ im Sommer 1974 auf den japanischen Markt kam und das meistverkaufte Importalbum der damaligen Zeit wurde, ließ Columbia sich nicht umstimmen, nicht einmal von Bill [Graham]. Das zeigt, wie viel sich geändert hatte, seit Clive [Davis] entlassen worden war. Damals lernte ich, wie bürokratisch die Dinge in Amerika laufen konnten und wie unterschiedlich die Plattenfirmen in Europa und Japan gemanagt wurden“.


Im August folgte Santanas erstes „Greatest Hits“-Album mit Songs der ersten drei LPs. Damit war Carlos überhaupt nicht glücklich. „Wissen Sie, was die Leute bei Columbia taten, als ‚Lotus‘ rauskam?“, fragt Carlos. „Sie brachten etwa zur gleichen Zeit ein Greatest-Hits-Album – auf einer Einzel-LP – heraus, als wären wir irgendeine abgehalfterte Band, die ihre besten Jahre längst hinter sich hat. Das war ein echter Tiefpunkt“. Na gut, aber es war meine erste Santana-Platte. Was wäre ohne sie aus mir geworden?


Im September erschien „Illuminations“ von Turiya Alice Coltrane & Devadip Carlos Santana. „Das Abhängen mit Turiya inspirierte mich, ein paar spirituelle Melodien zu schreiben, und als Turiya sie hörte, überraschte sie mich mit einigen Arrangements, die dazu passten – zu diesem symphonischen Ozean aus Sound mit Ebbe und Flut. Aus diesen ersten Stücken wurde ‚Angel of Air/Angel of Water‘ auf dem Album ‚Illuminations‘. Es war das erste Album mit meinem Sanskrit-Namen auf dem Cover. Die Sterne standen günstig dafür: Turiya war derzeit bei keiner Plattenfirma unter Vertrag, und Columbia war damit einverstanden, rechnete aber nicht mit Radiohits und wollte daher erst nach der Fertigstellung entscheiden, was mit dem Album geschehen sollte. Im Grunde sagten sie zu uns: Macht weiter und amüsiert euch gut. (…) Unsere Sessions fanden im Capitol-Studio in Los Angeles statt, wo Frank Sinatra seine Platten aufzunehmen pflegte, weil Turiya es kannte und weil dort eine ganze Streichergruppe Platz hatte. Alles war live, und es war fantastisch, im selben Raum zu sein wie Jack DeJohnette und Dave Holland – die beide mit Miles gespielt haben – und mit Armando, Jules Broussard und Tom Coster. Die Atmosphäre war großartig: Armando erzählte eine Geschichte, und wir lachten uns krumm; dann sagte Turiya etwas, worüber wir noch heftiger lachten. Alle glauben, Alice Coltrane sei ein ernster, zutiefst spiritueller Mensch, der nicht herumalbern darf, irgendwie näher an Gott als andere. Aber sie lachte und amüsierte sich gerne“.


Im Oktober wurde „Borboletta“ veröffentlicht. Das Album ist ein Klangteppich, der zum fliegenden Teppich wird und den begeisterten Fan sanft entschweben lässt. Ein fesselnder Traum, aus dem man höchst ungern erwacht. Nach den Arbeiten an „Borboletta“ zieht Michael Shrieve einen Schlussstrich und verlässt die Band, was für Carlos einen größeren Einschnitt darstellt und zwei Tage vor dem geplanten Tourneestart überdies einigermaßen ungelegen kommt. Der Schlagzeuger hat sich als wichtiger Kollege und Freund entpuppt. Durch ihn lernt Carlos Jazzmusik kennen, die ihn überhaupt erst auf den Weg zu den letzten großartigen Alben bringt. „Ich schulde Michael viel. Er ist derjenige, der mir [John] Coltrane und Miles [Davis] näherbrachte. Ich wollte nur Blues spielen, bis Michael kam (…). Er öffnete meine Augen, meine Ohren und mein Herz für viele Dinge. (…) Manche Schlagzeuger haben nur Stöcke, doch Michael Shrieve hat Sehkraft. (…) Michael ist wie eine Schachtel Buntstifte – er hat all die Farben“.


Diese unterschiedlichen Alben mit ihren vielen Geschichten hätten über mehrere Jahre entstanden sein können. Doch alles geschah 1974. Das ist nun fünfzig Jahre her. Damals wurde Carlos Santana 27. Heute wird er 77. Ich gratuliere ihm herzlich zum Geburtstag und wünsche ihm noch viele glückliche Jahre mit seiner Band, seiner Musik und natürlich in seinem Privatleben. Happy Birthday, Carlos!

Dienstag, 26. März 2024

Michael Shrieve in Woodstock (1969)

Santana-Schlagzeuger Michael Shrieve war der zweitjüngste Musiker beim Woodstock-Festival. Sein Schlagzeugsolo ist eines der Highlights im Woodstock-Film, teilweise präsentiert in beeindruckendem Split-Screen.




Screenshots von der DVD „Woodstock. The Director's Cut“ – © Warner Bros.
Er gibt später zu Protokoll, dass er überhaupt keine Ahnung hatte, wie man Latin-Rhythmen spielt. „Ich hatte ein Buch und übte ein bisschen damit – ein Buch über grundlegende Latin-Rhythmen von einem Kerl namens Ted Reed. Aber ich hatte nicht die geringste Erfahrung damit und das hört man auch, weil ich so unauthentisch spiele. Ich versuchte einfach, irgendwie hineinzupassen, so dass es sich gut anfühlt. Selbst bei echten Latin-Rhythmen swinge ich wie ein Jazzdrummer auf den Becken“.

Aber genau ein Jazzdrummer ist er auch, wie viele Soloalben und Kollaborationen von Michael Shrieve beweisen, beispielsweise (in meiner Sammlung):

Sonntag, 26. November 2023

Santana – Black Magic Woman/Gypsy Queen (1970)

„Abraxas“, das zweite Album von Santana, erschien 1970. Es enthält mehrere Songs, die große Hits wurden, beispielsweise „Samba Pa Ti“, „Oye Como Va“ und „Black Magic Woman/Gypsy Queen“.

Santana – mit „Black Magic Woman/Gypsy Queen“ (1970)
Das von Peter Green (dem frühen Kopf und Mitbegründer von Fleetwood Mac) geschriebene „Black Magic Woman“ wirkt bei Fleetwood Mac recht herb und farblos. Bei Santana hingegen blüht es förmlich auf und ist ohne das geniale Keyboard-Intro von Gregg Rolie sowie das angehängte „Gypsy Queen“ von Gábor Szabó kaum noch vorstellbar. Die fabelhafte Kopplung dieser beiden Coverversionen erfreut uns auf diversen Livealben und natürlich in den meisten Konzerten. Selbst die Jazzsängerin und Pianistin Patricia Barber spielt ihre moderne Interpretation von „Black Magic Woman“ in der Santana-Version mit dem Rolie-Intro und – als ginge es nicht anders – dem angehängten „Gypsy Queen“.

„Peter Green erhält die Tantiemen“, stellt Carlos fest. „Doch es ist jetzt unser ‚Black Magic Woman‘. Für mich kommt ‚Black Magic Woman‘ von ‚All Your Love (I Miss Loving)‘ [singt es vor]. Für mich ist es dasselbe Ding, nur mit einem anderen Text. Mindestens zwei- oder dreimal im Jahr überweise ich einen nennenswerten Betrag an Otis Rush. Ich muss … und ich werde es weiterhin tun, um den Song zu ehren, den ich jeden Abend spiele“.

Otis Rush – mit „All Your Love (I Miss Loving)“ (1958)
„Michael Shrieve [Schlagzeug] stieß mich auf diesen Song“, erinnert sich Gregg Rolie. „Er wusste, dass ich ein Fan von Peter Green war, als er bei den Bluesbreakers den Song ‚Supernatural‘ spielte. Er war ein außergewöhnlicher Gitarrist – das ist er noch immer. Michael brachte mir also ein Fleetwood-Mac-Album [vermutlich ‚English Rose‘] mit und fragte, ob es mir gefällt. Ich pickte mir diesen Song heraus und liebte ihn. Bei meiner Keyboard-Eröffnung spielte ich die Noten A, C und D. Und Carlos meinte: ‚Nimm ein H dazu‘.“ Die Folge von 13 Keyboardtönen (C-D-A-C-D-A-H-D-C-D-A-C-D) wird mehrfach wiederholt. Es geht jeweils um den siebten Ton, bei dem ein H das ursprüngliche C ersetzt. „Ich fragte mich erst, was das soll. Doch tatsächlich veränderte dieses simple H alles und machte daraus unser Markenzeichen“.

© Pearce Marchbank, Ellen Dale: „Santana“ (28 Songs) (1974)
„Es ist zunächst ein Piano-Intro mit Becken, die Michael Shrieve und ich uns ausdachten“, erklärt Michael Carabello [Congas] weiter. Dann setzt die Percussion ein, die den Beat aufgreift, der direkt vorher schon „Singing Winds, Crying Beasts“ antreibt. „Es ist ein hübscher kleiner brasilianischer Beat, den ich damals als Teenager bei den Congasessions im Aquatic Park gelernt habe. Und Michael Shrieve begleitet ihn mit seinen Becken instinktiv ebenfalls in brasilianischer Weise“.

„Wir haben es nie arrangiert“, so Carlos. „Es ergab sich einfach so. Ich habe nie geahnt, dass es ein so wichtiger Bestandteil unserer Identität werden würde. Das einzige Arrangement bestand darin, zu spielen. Niemand hat es im engeren Sinne für die Band arrangiert. Wir sagten, lasst uns dies ausprobieren, ich spiele das und du versuchst jenes – so ungefähr“.

Fleetwood Mac – mit „Black Magic Woman“ (1968)
Und Gregg Rolie: „Ich liebte den Song und ich liebe ihn noch immer. Okay, heute fühlt es sich ein bisschen anders an, doch er ist ein Stück von mir. Und wenn ich den Song nach vierzig Jahren noch immer gerne spiele, muss er wirklich etwas ganz Besonderes an sich haben. Es ist seine Einfachheit. Es ist ein rundherum guter Song mit einer Blues-Basis, die absolut mir entspricht und die jeder versteht. ‚Black Magic Woman‘ ist das einzige Stück, das ich in meiner Zeit bei Santana nur einmal gesungen habe. Mit anderen Worten: Ihr hört, was ich beim ersten Mal gesungen habe. Ich habe absolut nichts daran geändert. Ich habe zwei Strophen gesungen, dann ging etwas im Studio kaputt, was sie reparieren mussten. Vielleicht zwanzig Minuten später kam ich zurück, sang die letzte Strophe und das war‘s“.

Gábor Szabó – mit „Gypsy Queen“ (1966)
Für „nie arrangiert“ ist das Arrangement herausragend. Besondere Aufmerksamkeit verdient die zwölfsekündige Brücke zu „Gypsy Queen“, die es in sich hat. Großartig ist etwa, wie David Brown mit seinem Bass entspannt den Tempowechsel begleitet. Der Bass-Lick aus acht absteigenden Tönen am Ende von „Black Magic Woman“ stammt aus dem Original von „Gypsy Queen“ auf dem Album „Spellbinder“, wo Szabó ihn zum Ende hin dreimal in ähnlicher Weise seiner Gitarre entlockt.

Jimi Hendrix – mit „3rd Stone from the Sun“ (1967)
Noch während der Bridge und genau einen Takt, bevor Carlos das „Gypsy Queen“ anstimmt (ab 3:43), startet ein anhaltender Groove wie bei „3rd Stone from the Sun“ von Jimi Hendrix. Es ist die Passage auf dem Hendrix-Album „Are You Experienced?“ mit dem treibenden Bass von Noel Redding und dem filigranen Schlagzeug von Mitch Mitchell (ab 2:30). Jahre später bestätigt Carlos: „‚Gypsy Queen‘ ist purer Gábor Szabó mit einem bisschen Jimi“. Wobei man darüber diskutieren kann, ob der Grundrhythmus in Santanas „Gypsy Queen“ sich eher an Gábor Szabós Vorlage oder ebenfalls an „3rd Stone from the Sun“ orientiert. Tatsächlich ist es wohl ein Mix von beidem – und beides passt unglaublich gut zusammen. Mir scheint, dass der Groove mit Reddings Basslauf nach der Bridge einfach von David Brown beibehalten und Szabós Melodie hinzugefügt wird. Und die feinziselierten Drum Pattern von Mitchell teilen nun Congas, Timbales und Schlagzeug gekonnt untereinander auf. Carabello, „Chepito“ und Shrieve – jeder erhält seinen eigenen Einsatz. Das Ergebnis ist jedenfalls richtig stark und unterstreicht die Klasse und den Teamgeist dieser Percussionsection. Je mehr ich mir dieser feinen Details bewusstwerde, desto größer wird mein Respekt vor der kreativen Leistung der Santana-Musiker und desto mehr schätze ich dieses Meisterwerk.

Montag, 17. April 2023

Michael Shrieve & Steve Roach – The Leaving Time (CD 1988)

„The Leaving Time“ ist eine Kollaboration des ehemaligen Santana-Schlagzeugers Michael Shrieve und des Ambient-Musikers Steve Roach. Wir hören entspannten und zugleich spannenden, sphärisch-dichten und zugleich treibenden Jazzrock mit gelegentlichen Einsprengseln von Gitarre, perkussiv gespieltem Xylophon und anderen Elementen. Vieles wird allerdings von Keyboards, Synthesizern oder elektronischen Drums erzeugt, so dass oft nicht klar feststellbar ist, welche der wahrgenommenen Instrumente wirklich echt sind.


Verträumt und fast ein bisschen hypnotisierend gleitet die Musik durch 45 Minuten. Ich kann sie mir gut als Soundtrack für einen Film mit Naturaufnahmen vorstellen. Am aufregendsten und als Höhepunkt kommt für mich Track 7 „Edge Runner“ daher. Das mag auch so gewollt sein. Danach folgt nämlich nur noch ein „Reprise“ des Titelsongs als kurzer Ausklang. Alles in allem ist dies ein sehr schönes, hörenswertes Album.

Der Titel „The Leaving Time” weckte in mir die Frage, ob Michael Shrieve dabei an seine Trennung von Santana nach „Borboletta“ (1974) dachte. Denn die ergab sich buchstäblich über Nacht, als Michael mit höllischen Schmerzen ins Hospital kam und sich schwor, die Band zu verlassen, wenn er nur überlebt, weil er diesen Schritt schon länger vor sich herschob. Und prompt kündigte er am nächsten Tag. „Ich weiß nicht, was mein Abgang für Carlos bedeutete. Er kam ins Krankenhaus und fragte, warum ich das mache und ich sagte ihm, dass es Zeit für mich war zu gehen. Es gab keinerlei Feindseligkeiten gegenüber Carlos. Alles, was geschah, war okay. Es war einfach die natürliche Ordnung der Dinge. Irgendwann kommt die Zeit – und das war jetzt“ (siehe „Sechs Jahrzehnte SANTANA“, S. 119). The Leaving Time, also.


In dem Zusammenhang überlegte ich auch, ob das Cover womöglich sachdienliche Hinweise verbirgt und forschte mangels Informationen in den Credits nach, was genau es zeigt. Nun … ich kann keine Verbindung erkennen. Das Cover ist ein farblich verfremdeter Ausschnitt des Gemäldes „Die Ekstase der Maria Magdalena“ vom flämischen Maler Louis Finson aus dem frühen 17. Jahrhundert.

Samstag, 15. April 2023

Stomu Yamashta‘s Go – The Go Sessions (2 CDs 2005)

1976 versammelte der japanische Perkussionist, Multiinstrumentalist und Komponist Stomu Yamashta einige renommierte Musiker um sich für ein experimentelles Projekt, welches das asiatische Brettspiel Go zum Thema haben sollte. Heraus kam eine internationale Supergroup mit Yamashta selbst, Steve Winwood (Blind Faith, Traffic), Michael Shrieve (Santana), Al Di Meola (Chick Corea & Return To Forever), Klaus Schulze (Tangerine Dream, Ash Ra Tempel) und weiteren. Wie andere Supergroups auch war sie nur kurzlebig und das Ergebnis eines glücklichen Zusammentreffens im richtigen Augenblick. Sehr bald kehrten die Beteiligten zu ihren eigenen Projekten und Verpflichtungen zurück. Gemeinsam produzierten sie drei Alben: „Go“ (1976), „Live from Paris“ (1976) und „Go Too“ (1977). 2005 veröffentlichte das australische Label Raven Records – und nur dieses – alle drei Alben auf einer Doppel-CD mit dem Titel „The (Complete) Go Sessions“.


Auf „Go“ hören wir einen bunten Mix aus getragenen Keyboard- und Synthesizer-Passagen, rockigen und funkigen Songs. Manchmal dominiert die Stimme von Steve Winwood, dann legt Al Di Meola ein Gitarrensolo hin oder Michael Shrieve und Stomu Yamashta donnern mit Schlagzeug und Percussion dazwischen. Auch Bass, Violine, Congas und Holzbläser inklusive Oboe und Piccoloflöte sowie Blechbläser tauchen gelegentlich auf.


Die Liner Notes zu „Go“ verraten uns, dass auf diesem Konzeptalbum eine Geschichte erzählt wird, die kurioserweise mit dem ersten Song der zweiten Seite (der LP – also mit „Space Requiem“) beginnt und mit dem letzten Song der ersten Seite („Space Theme“) endet. Von der Musik her ist die vorgefundene Reihenfolge jedoch schlüssig.

„Live from Paris“ gerät deutlich rockiger als „Go“ – das Konzert war mit recht viel Show und Action untermalt. Es enthält weitgehend dieselben Stücke, nur stimmt hier deren Reihenfolge ungefähr mit der erzählten Geschichte überein, weil die zweite Seite von „Go“ vor der ersten Seite gespielt wird. Der Titel „Windspin“ ersetzt „Space Theme“ und zitiert mittendrin (CD 1, Track 3, ab 8:00) eine markante Stelle aus dem von Michael Shrieve geschriebenen „Every Step of the Way“ – vergleiche die Versionen auf den Santana-Alben „Caravanserai“ (ab 2:06) oder „Lotus“ (ab 2:58).


Bei „Go Too“ ist Steve Winwood leider nicht mehr dabei, weil er sich auf sein erstes Soloalbum konzentrieren wollte. Die Stimmen von Linda Lewis und Jeff Roden können seine nicht ersetzen. Das Album fällt souliger aus und kann insgesamt mit den ersten beiden nicht ganz mithalten, wie ich finde.

Donnerstag, 30. März 2023

Wie die Band SANTANA zu ihrem Namen kam

Die Anfänge von Santana liegen im Jahr 1966, als die Musiker Carlos Santana (Gitarre), Michael Carabello (Congas), Gregg Rolie (Hammondorgel und Gesang), Tom Fraser (Rhythmusgitarre), Danny Haro (Schlagzeug) und Gus Rodriguez (Bass) sich zusammentun.

Eines Tages im Februar 1967 ruft jemand aus dem Fillmore an, wie Carabello erzählt, und sagt, dass sie die Band gerne an einem Dienstagabend sehen möchten. Dienstags dürfen lokale Musiker vor Publikum spielen. Und er fragt, wie seine Band überhaupt heißt – doch sie hat noch keinen Namen. Michael überlegt schnell: „Hmmm, Carabello Band … ich weiß nicht. Wie wäre es mit Santana Blues Band?“, denn sie sind große Fans der Butterfield Blues Band. Nach Carabellos Schilderung ist der erste Bandname also eine spontane Eingebung am Telefon.

Das „offizielle“ Gründungsdatum der Santana Blues Band liegt somit im Februar 1967.

Der erste offizielle Auftritt der Santana Blues Band unter diesem Namen findet am 1. März 1967 im „The Ark“ in Sausalito statt – einem zum Tanzschuppen umgebauten Fährschiff, das vertäut im Hafen liegt. Für den zweiten Auftritt am 17. März in der Winchester Cathedral in Redwood City wird „Santana Blues“ bereits auf einem Konzertplakat angekündigt. Hier erhält die Band eine Gage in Höhe von 75 Dollar. Im Publikum befindet sich ein junger Schlagzeuger namens Michael Shrieve, der sofort den Wunsch verspürt, irgendwann bei dieser Band einzusteigen.

Am 17. Juni 1967 ist die Santana Blues Band – wie schon am Vortag – als Vorgruppe für The Who gebucht. Doch Danny und Gus sind nicht mit dem erforderlichen Engagement bei der Sache – sie kommen zu ihrem Auftritt im Fillmore zu spät, weil sie ihren Eltern noch helfen müssen. Carlos ist richtig sauer und Bill Graham kocht. Ein Jahr lang dürfen sie nicht im Fillmore auftreten. Dazu Carlos: „Die Santana Blues Band stand auf Bills schwarzer Liste. Ich konnte es nicht fassen. Ich hatte nie einen Gig verpasst! Verspätungen waren kein Teil meiner DNS. Meine Mom und mein Dad hatten mir eingebläut, was Pünktlichkeit bedeutet: eine halbe Stunde zu früh zu kommen, wenn man eine Verabredung hat. So denke ich heute noch, und meine Band weiß das“.

Die Verspätungen haben weitere Konsequenzen. So etwas geht einfach nicht! Obwohl Danny und Gus seine ältesten Freunde sind, muss Carlos sich von ihnen trennen, wenn er als Musiker vorankommen will – eine schmerzhafte Entscheidung. Auch Tom Fraser scheidet aus. Michael Carabello macht vorübergehend Platz für Marcus Malone. Das Schlagzeug übernimmt Bob Livingston und am Bass kommt David Brown hinzu.

Gregg Rolle, David Brown, Carlos Santana, Bob Livingston, Marcus Malone
(Foto aus der Legacy Edition von „Santana“)
Nach genau einem Jahr endet der Bann von Bill Graham. Als sie am 16. Juni 1968 endlich wieder im Fillmore auftreten dürfen, legen sie das „Blues Band“ im Namen ab, nennen sich fortan also einfach Santana.

1969, während der Arbeit am Debütalbum und noch vor Woodstock, verlassen Marcus Malone und Bob Livingston die Band. Michael Carabello kehrt zurück. Michael Shrieve (Schlagzeug) und José „Chepito“ Areas (Timbales und Percussion) sorgen für einen Qualitätssprung.

Die Band trägt zwar Carlos‘ Namen. Musikalischer Chef scheint freilich oftmals Gregg Rolie zu sein, dessen Hammond B3 Orgel gemeinsam mit seinem Gesang viele Songs dominiert. Seine Bedeutung kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Man muss eigentlich nur genau hinhören, um das zu erkennen. Ein Jammer, dass viele denken, Carlos hätte bei den frühen Hits gesungen – und dass sie Greggs Namen nicht einmal kennen. Das findet er selbst nicht wirklich fair. In einem Interview 50 Jahre später (2019) meint er: „Hast du irgendwelche unserer Auftritte gesehen? Warst du jemals bei einem Konzert? Es ist immer dasselbe. Wir haben uns Santana genannt, weil das ein cooler Name ist, der sich gut liest und der ausdrückt, was damals geschah. Ja, Carlos stand vorne in der Mitte. Und so dachte jeder, dass er der Chef sei. Doch das stimmt nicht. Die Band war wirklich eine Band. Deshalb klappte es so gut“.

Was wäre wohl geschehen, wenn die Band sich ursprünglich nach einem anderen Mitglied der Gruppe benannt hätte – beispielsweise The Rolies oder Carabello Band? Ich denke Carlos hat großes Glück, dass Santana seinen Namen trägt, den er einfach mitnehmen kann, als die anderen sich nach und nach aus der Band verabschieden. Das schafft Kontinuität. Und so erbt Carlos gewissermaßen den gemeinschaftlich erarbeiteten Ruhm der ersten Jahre und kann darauf aufbauen. Wäre ein anderer Musiker der Namenspatron gewesen, hätte Carlos nach dessen Abgang für seine verbleibende Formation womöglich einen neuen Namen finden müssen. Das hätte definitiv einen Bruch bedeutet und der direkte Bezug zu Woodstock und den ersten drei Alben bis zur Trennung wäre dabei verloren gegangen.

Offen gestanden bin ich froh, dass uns ein derartiger Wirrwarr erspart geblieben ist und dass die Geschichte so lief, wie wir sie kennen.

Anmerkung: In meinem Buch „Sechs Jahrzehnte SANTANA“ erzähle ich diese Geschichte noch wesentlich ausführlicher.

Dienstag, 11. Oktober 2022

50 Jahre Caravanserai

Am 11. Oktober 1972 – heute genau vor 50 Jahren – erschien das wunderbare Album „Caravanserai“ von Santana. Aus diesem Anlass möchte ich einige Passagen aus meinem Buch „Sechs Jahrzehnte SANTANA“ zitieren:

Bereits das Zirpen am Anfang von „Eternal Caravan Of Reincarnation“ löst angenehme, entspannende Gefühle aus, denn es vermittelt die Stimmung sommerlicher Wärme (vor allem, wenn hier im Norden trister Winter herrscht). Erst nach 34 Sekunden steigt Hadley Calimans Saxophon ein und unterstreicht diesen ruhevollen Eindruck, gefolgt von Tom Rutleys akustischem Bass. Daraus entwickelt sich ein jazziger Titel, der sanft vor sich hin swingt. Neal Schon zupft verträumte Akkorde. Carlos und James Mingo Lewis sorgen für leise Percussion – Chimes und Glöckchen lassen ein wenig von „Singing Winds, Crying Beasts“ [von „Abraxas“] durchschimmern. Und Michael Shrieve schafft mit seinen wunderbar zurückhaltend und doch abwechslungsreich gespielten Drums und Cymbals eine gewisse Struktur.

Original Album (1972)
Die Anregung für diesen Einstieg stammt vom atmosphärischen Eröffnungssong „Astral Traveling“ von Pharoah Sanders‘ Album „Thembi“. Hier sind ebenfalls Naturgeräusche hineingemischt. Carlos spricht mit dem Toningenieur Glen Kolotkin über seinen Wunsch, das Album mit Naturklängen beginnen zu lassen. Kolotkin: „Da hab‘ ich genau das Richtige – in meinem Garten geht ein Grillenchor ab. Du glaubst gar nicht, was für einen Lärm die veranstalten“. So kommen diese winzigen „Musiker“ zu ihrem ersten Engagement von immerhin fast zwei Minuten. Allerdings beansprucht Michael Shrieve die Idee gleichermaßen für sich. „Ich wollte Zikaden und den Klang nächtlicher Stille am Anfang der Platte haben. (…) Dann ließ ich Hadley Caliman für geraume Zeit spielen, einfach Harmonien und solche Dinge, die ich zu dem bearbeitete, was ihr hört. Allein dieses kleine Saxophon-Intro brauchte mehr als zwanzig Schnitte. Man musste das Band per Hand schneiden – Pro-Tools gab es noch nicht. Als Nächstes bestimmen Tom Rutleys Bass sowie die jazzig schwellenden Becken und sachte Metallklänge den Sound und Wendy Haas kommt rein am Fender Rhodes Piano mit Vibrato …“.

Digitally Remastered Edition (2003)
Clive Davis von Columbia Records hält das Album für Karriere-Selbstmord und versucht, Carlos zu überreden, „mit der Band eine andere Richtung einzuschlagen. Aber wir hatten ‚Caravanserai‘ vollendet, und es war zu spät, das Ruder herumzureißen. ‚Sorry, aber ich muss einfach fragen‘, sagte Clive. ‚Warum willst du das machen?‘ Ich muss hinzufügen, dass er geduldig und kein bisschen aggressiv war, einfach sehr nett. Ich fragte: ‚Warum will ich was machen?‘ Er sagte ‚Also, eins ist doch glasklar: Auf diesem Album ist weit und breit keine Single zu finden. Es ist nichts drauf, was im Radio ein Hit werden könnte. Man könnte meinen, ihr kehrt euch selbst den Rücken zu. Der Jazz ist großartig, aber es gibt bereits einen Miles Davis und einen Weather Report. Warum seid ihr nicht einfach Santana?‘ ‚Es bleibt, wie es ist, Mann‘, sagte ich. ‚Es ist ein Gesamtkunstwerk. Das ganze Ding ist eine Single‘“.

Hybrid-SACD (2011)
Carlos weiß selbst, dass das Album ein Drahtseilakt ist. Indes … „Ich muss die Musik spielen, die aus meinem Herzen kommt. Nachdem ich ‚Caravanserai‘ fertig hatte, nach den ersten drei Alben, haben einige Leute es schlecht gemacht. Jahre später haben viele von ihnen zugegeben, dass es sie lehrte, Musik auf eine andere Weise zu hören. Es war seiner Zeit voraus, aber ich kann nicht auf alle warten. Um dich weiterzuentwickeln, musst du eine Gelegenheit ergreifen und von allem lernen. Die Kritik interessiert mich nicht wirklich“.

Siehe auch: 50 Jahre „Song Of The Wind“ und Die Bedeutung des Albumtitels

Freitag, 16. September 2022

Santana Lineups

Die Band Santana hat im Laufe ihrer Geschichte viele personelle Wechsel durchgemacht. Über die Jahrzehnte gaben sich mehr als 80 Musiker plus unzählige Gäste die Klinke in die Hand. Manche Bandmitglieder blieben nur wenige Wochen, andere waren zwanzig, dreißig Jahre und länger dabei, teils mit Unterbrechungen. Die Abbildungen mit dem „Santana-Stammbaum“ – „Santana Changes“ genannt – habe ich dem Booklet zum Album „Viva Santana!“ (1988) entnommen. Sie erstrecken sich über sechs Seiten und visualisieren (mit kleinen Lücken) den Wandel der Band von 1966 bis 1987. Danach ging es natürlich ebenso weiter. Die dünn gedruckten Namen [Bilder zum Vergrößern anklicken] mögen schwer zu erkennen sein, aber man erhält doch einen Eindruck von der Vielfalt und der Fluktuation.






Ein Leser meines neuen Buches „Sechs Jahrzehnte SANTANA“ fragte mich nach meiner Lieblingsformation von Santana, worüber ich mir noch keine Gedanken gemacht hatte. Ich hole das hiermit nach, möchte aber betonen, dass es eine sehr subjektive Bewertung ist. Es würde wohl für jeden Fan eine große Rolle spielen, wann sie oder er sich für die Band zu interessieren begann und welche Musiker bei den ersten Konzerten auf der Bühne standen. So hätte das „Lotus“-Lineup weit oben auf meiner Liste landen können, wenn ich einige Jahre früher zu dieser Musik gefunden hätte. Habe ich aber nicht, und so sind Leon Thomas, Richard Kermode und Doug Rauch leider an mir vorbeigezogen. Außerdem hängt die Bewertung manchmal an einzelnen Musikern, die man sehr schätzt.

Nun aber zur Beantwortung der eigentlich kaum beantwortbaren Frage. Mein Lieblingsalbum ist „Caravanserai“ . Daher könnte dieses Lineup – es wäre Santana #7 – mein Favorit sein. 1972 erlebte Santana jedoch den ersten tiefgreifenden Umbruch. Wer gehörte zu Santana und wer nicht? Hier ist die Grenze zwischen aktuellen und künftigen Bandmitgliedern sowie Gastmusikern schwer zu ziehen. Daher lasse ich diese grandiose, doch kurzlebige Konstellation mal außen vor.

So ist meine Nummer Eins die Woodstock-Formation mit Carlos Santana, José „Chepito“ Areas, Michael Carabello, David Brown, Gregg Rolie und Michael Shrieve (siehe das Cover von „Tanglewood 1970“ – im Stammbaum ist es Santana #2). Dies war zwar nicht die älteste, aber dennoch sozusagen die Ur-Besetzung, welche die ersten beiden Alben eingespielt und den musikalischen und kommerziellen Durchbruch geschafft hat. Sie machte Santana weltweit bekannt.

Auch die „Moonflower“-Belegschaft (Carlos Santana, Tom Coster, Graham Lear, Raul Rekow, Greg Walker, David Margen, Pete Escovedo, José „Chepito“ Areas, Pablo Tellez, Tommy Coster Jr. = Santana #24) gefällt mir sehr gut. Die Musik des Albums überzeugt durch ihre warme, freundlich-entspannte Ausstrahlung.

An dritter Stelle folgt womöglich die „Zebop!“-Band (Carlos Santana, Alex Ligertwood, Richard Baker, David Margen, Graham Lear, Orestes Vilato, Raul Rekow, Armando Peraza = Santana #28), die ich bei meinem ersten Konzert 1980 erleben durfte (Alan Pasqua und Chris Solberg waren zu dem Zeitpunkt schon wieder weg). Mein erstes Santana-Konzert war halt ein einschneidendes Erlebnis, das mich beeindruckte und prägte.

Insgesamt spielten und spielen seit jeher viele herausragende und anerkannte Musiker bei Santana. Spätestens nach meinem ersten Konzert habe ich die Band freilich nicht mehr als stabile Formation wahrgenommen (was sie auch vorher nicht war), weil ich den ständigen Wandel nun von Tour zu Tour selbst miterlebte. Jede Besetzung zerrinnt zwischen den Fingern, wenn man sie festhalten möchte.

Und so ist Santana wie ein Fluss aus wunderbar klingender Musik, in den ich gern eintauche (am liebsten täglich), um ein musikalisches Bad zu nehmen, der aber nie wieder derselbe ist (Heraklit von Ephesos: „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen …“). Deshalb will ich kein weiteres Lineup hervorheben. Auch die oben genannten sind letztlich nur Momentaufnahmen. Und Alben konservieren einzelne dieser Momente für den späteren Genuss.

Donnerstag, 19. Mai 2022

Michael Carabello – Primitive Medicine, Vol. 2 (Download 2022)

Nach „The Primitive Medicine Sessions, Vol. 1” (2018) ließ das „Vol. 1“ auf ein Nachfolgealbum des ersten Santana-Congueros Michael Carabello hoffen. Am 13. Mai 2022 war es soweit.

„Primitive Medicine, Vol. 2“ enthält drei Songs mit einer Gesamtspielzeit von leider nur 9 Minuten und 14 Sekunden. Die Bezeichnung „Album“ ist insofern etwas übertrieben, zumal es hierzulande (anders als in den USA) nicht einmal physisch, sondern nur als MP3-Download zu kriegen ist, was ein Sammler ziemlich schade findet.


Die drei Songs sind „Soul Sauce“, „Thoughts” und „Reggae Bluz“. „Thoughts“ wird von Carlos Santana begleitet. Doch „Soul Sauce“ ist ein ungeahntes Schwergewicht, zu dem ich einiges erzählen kann.

Carabello orientiert sich dabei an der Version „Soul Sauce (Guachi Guaro)“ von Cal Tjader, wie auf dessen Album „Soul Sauce“ (1965) zu hören. Dort zählen Armando Peraza, Willie Bobo und Johnny Rae zum Lineup. Der große Perkussionist Armando Peraza spielte lange Zeit bei Santana. Willie Bobo war ebenfalls ein bedeutender Congaspieler – von ihm stammt unter anderem „Fried Neckbones And Some Home Fries“. Und der Schlagzeuger Johnny Rae sprang kurz bei Santana ein, nachdem Anfang 1969 der Drummer Bob „Doc“ Livingston gefeuert wurde. Er war indes nur etwa zwei Wochen lang für einige Konzerte dabei – dann kam Michael Shrieve. Das Original von „Soul Sauce“ wurde bereits in den Vierzigerjahren von Dizzy Gillespie und Chano Pozo geschrieben – ihnen verdanken wir auch den Latinjazz-Klassiker „Manteca“ – und erschien unter dem Titel „Guarachi Guaro“.

Mehr noch. In einer Abhandlung über die Ursprünge des Salsa kommt der Musikhistoriker und Chefredakteur des Latin Beat Magazine Max Salazar zu dem Fazit: „Cal Tjaders ‚Soul Sauce‘ und Santanas ‚Oye Como Va‘ gaben der Salsa-Bewegung den entscheidenden Schub. Diese nahm ihren Anfang bei den Mexikanern in San Francisco. Aber die Bezeichnung wurde erst populär, nachdem das Magazin Latin New York sie häufig in seinen Anzeigen und Artikeln verwendet hatte und die Fania All-Stars sie zur Beschreibung ihrer Musik außerhalb von New York nutzten“ (Latin Beat Magazine, November 1991). So zeigt sich auch hier der prägende Einfluss von Santana. Und Michael Carabello beweist ein glückliches Händchen mit „Soul Sauce“.

Donnerstag, 5. Mai 2022

50 Jahre „Song Of The Wind“

Am 5. Mai 1972 – heute vor genau 50 Jahren – wurde der „Song Of The Wind“ für das vierte Santana-Album „Caravanserai“ aufgenommen. Alle anderen Titel waren längst im Kasten, als die Musiker sich an dieses Stück machten. Es ist die Krönung eines herausragenden Albums.


Schlagzeuger Michael Shrieve erzählt: „Carlos und Neal spielten wunderbar und waren sehr glücklich über ihre Ergebnisse. Üblicherweise fängst du bei den Aufnahmen mit den Basic Tracks an, also mit Schlagzeug und Bass. Danach brauchst du kein Schlagzeug mehr. Der Gitarrist, der Sänger oder wer auch immer können auf dieser Grundlage ihre Soli verbessern. Und am Ende des Abends im Studio hatten sie so unvergleichliche Sachen aufgenommen, dass ich dachte ‚Wow, ich hätte mit ihnen spielen sollen‘. Und ich war fest entschlossen, dies zu tun. Doch es ging nicht. Ohne Computertechnik kannst du das eigentlich nicht machen. Denn wenn du die Basic Tracks versaust, kannst du die komplette Aufnahme ruinieren. Nachdem alle gegangen waren sagte ich also zum Toningenieur: ‚Ich werde die ganze Nacht lang daran arbeiten. Ich übe, wie ich spielen möchte zu dem, was Carlos und Neal bereits hingelegt haben. Also sei morgen früh hier und lass es uns machen‘. Ich habe das niemandem aus der Band erzählt. Glen Kolotkin war sehr besorgt, denn wenn ich es vergeigt hätte, hätten sie wohl ihn beschuldigt, obwohl ich es verdient hätte. Er meinte: ‚Bitte Michael, mach das nicht‘. Ich antwortete nur: ‚Sei morgen früh hier. Ich sage dir, wann.‘ Ich arbeitete die Nacht durch und sagte: ‚Schmeiß das Aufnahmeband an‘ und legte los. Ich fügte meinen Teil zu dem hinzu, was sie zu den vorhandenen Basic Tracks gespielt hatten. Und es wurde großartig“. So folgt beim „Song Of The Wind“ also das Schlagzeug den Gitarren – und nicht umgekehrt, wie eigentlich üblich.


Shrieve versuchte, im Stil von Jack DeJohnette wie bei „First Light“ mit Freddie Hubbard zu spielen, einem Song, den auch Carlos schätzt. In seinem 8 x 10 Fuß kleinen, schallgedämmten Übungsraum zuhause in der Bay Street feilte er also die Nacht hindurch an einem ausdrucksstarken Spiel. Seine damalige Lebensgefährtin Wendy Haas erklärte ihn für verrückt. Gewiss mit einem Augenzwinkern – schließlich ist sie selbst Musikerin (und auf diesem Album am Piano ebenfalls dabei).

Und Carlos‘ Freundin (und spätere Frau) Deborah: „Ich hörte ‚Song Of The Wind‘ immer und immer wieder und versuchte zu ergründen, welche Gitarre Carlos und welche Neal Schon spielte. Es fühlte sich an, als würde ich fliegen, als sie sich mit ihren Soli abwechselten. Die Musik schwebte mit Schichten aus Rhythmus und Melodie, wie ich sie noch nie zuvor gehört hatte“.


Für mich ist dieser Song ein zeitloses Meisterwerk, bei dem man jedes Instrument einzeln genießen kann und der nie langweilig wird, weil es darin so viel zu entdecken gibt. Am besten entfaltet er sich, wenn man ihn im Anschluss an die vier Titel davor hört. „Eternal Caravan Of Reincarnation“, „Waves Within“, „Look Up (To See What’s Coming Down“, „Just In Time To See The Sun“ und „Song Of The Wind“ fließen nahtlos ineinander und schaffen eine Stimmung, in der das Lied des Windes einfach nur verzaubert …

Sonntag, 3. Januar 2021

Gene Ammons – Brother Jug! (1970)

Auf „Santana 3“ (1971) befindet sich das Stück „Jungle Strut“. Darin brüllen die Gitarren von Carlos Santana und Neal Schon gewaltig um die Wette, verflochten mit der Orgel (Gregg Rolie) und kontrastiert von heller, frischer Percussion (Michael Carabello, José „Chepito“ Areas) und Drums (Michael Shrieve) sowie dem munteren Bass (David Brown).

Den zum Zeitpunkt der Aufnahmen 17-jährigen Neal nahmen sie bereits ein Jahr zuvor (während der Arbeit an „Abraxas“) unter ihre Fittiche. Fast hätte Eric Clapton das jugendliche Talent dabei für Derek And The Dominos abgeworben. Laut Carlos holten sie ihn, um „mehr Feuer in die Band zu bringen, unseren Sound und unsere Energie zu verbessern. Und das Feuer, das Neal mitbrachte, war weiße, weiße Hitze“. „Jungle Strut“ unterstreicht deutlich, was Carlos mit dieser Aussage meint.


Das Original stammt vom Jazz-Saxophonisten Gene Ammons. Der gilt als Mitbegründer des Soul Jazz – einem Genre, bei dem besonders gerne Saxophon und Hammondorgel kombiniert werden. Eugene „Jug“ Ammons nahm sein Album „Brother Jug!“ im November 1969 gleich nach dem Absitzen einer siebenjährigen Haftstrafe wegen Drogenbesitzes auf (es erschien 1970). Sein „Jungle Strut“ mit coolen Drums ist ziemlich relaxt, könnte fast als Smooth Jazz durchgehen, würde es dank Tenorsaxophon, Hammond B3 und WahWah-Gitarre nicht doch etwas zu flott grooven.

Aber „Brother Jug!“ hat noch mehr zu bieten. Es enthält sechs Titel und beginnt mit „Son Of A Preacher Man“, in der Interpretation von Dusty Springfield zwar überaus bekannt, ohne Gesang hier indes kaum wiederzuerkennen. Weitere Songs sind „Didn‘t We“ (1986 von Lee Greenwood gecovert); das ziemlich rockige „He‘s A Real Gone Guy”; „Blue Velvet“ – die Liste der Interpreten reicht von Tony Bennett (1951) über Bobby Vinton (1963) und Lana Del Rey (2012) bis zu Kylie Minogue (2019); das fast neunminütige, mit den Congas des Conga-Pioniers Cándido angereicherte „Ger-Ru“ – und eben „Jungle Strut“.



Carlos entdeckt das Stück auf einer Liste mit seiner Lieblingsmusik, stellt es den Kollegen vor und sie sind ebenfalls der Ansicht, dass es irgendwie zu Santana passe. Von der Band mit eigenem Intro versehen – der Gene-Ammons-Song beginnt erst nach 38 Sekunden – erkennt man es freilich kaum wieder. Was sie aus der Vorlage gemacht haben ist unglaublich. Sie spielen es nicht unbedingt schneller, aber um Längen intensiver, machen einen ungestümen Rausch daraus, der sich wunderbar in das Gesamtkunstwerk „Santana 3“ einfügt.

Donnerstag, 18. Juni 2020

Michael Shrieve – Fascination (CD 1994)

Von Michael Shrieve sind wir abwechslungsreiche Projekte gewohnt. Diesmal spielt der Schlagzeuger mit Bill Frisell (Gitarre) und Wayne Horvitz (Orgel). Das Trio liefert entspannte, bisweilen etwas schräge Jazznummern ab, die aber genau deshalb auch eine gewissen Spannung aufweisen und irgendwie … faszinierend und ein bisschen herb klingen.


Im längsten Stück „The Great Ambassador“ (9:14) etwa – man merkt ihm seine Länge nicht an – treibt Shrieve mit präzisem Spiel Frisell und Horvitz an, ihre Ideen zu präsentieren. „Living With The Law“ ist eher verspielt und melodisch. Die Drums sind stets sehr präsent. Anflüge von Easy Listening gibt es häufig, doch im Spannungsfeld zwischen Entspannung und Spannung passiert einfach zuviel, als dass die Aufmerksamkeit sich in die Hängematte legen könnte.

Ich habe mir die CD wegen Michael Shrieve spontan zugelegt und bin wirklich angetan von diesem Kauf. Mit dem wunderbaren, über acht Minuten lang geheimnisvoll in der See dräuenden „Soundings In Fathoms“ („Wassertiefe in Faden“ – gemeint ist das nautische Längen- und vor allem Tiefenmaß Faden oder Klafter) klingt das Album so aus, dass ich es gleich wieder von Neuem starten könnte …