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Dienstag, 30. September 2025

Siegfried Schmidt-Joos, Barry Graves – Rocklexikon (2. Auflage 1975)

Bessere und schlechtere Bücher gingen in der Schulzeit durch meine Hände. Die meisten sind entsorgt und vergessen. Zwei gab es allerdings, die für mich wirklich wichtig waren und die ich nach Jahrzehnten noch immer besitze: den „Diercke Weltatlas“ und das „Rocklexikon“ von Siegfried Schmidt-Joos und Barry Graves in der zweiten Auflage von 1975 mit 446 Seiten. Eigentlich ist dies natürlich gar kein Schulbuch, doch wir sollten es tatsächlich für den Musikunterricht in der zehnten Klasse anschaffen. Das war mal richtig brauchbarer Unterricht.

Siegfried Schmidt-Joos & Barry Graves: Rocklexikon (1975)
Zu jener Zeit entwickelten sich meine dauerhaften musikalischen Interessen und Vorlieben. Und das „Rocklexikon“ wurde quasi meine Bibel – schließlich wollte ich wissen, was ich höre. Entsprechend abgenutzt (für meine Verhältnisse) sieht das Buch aus. PCs, Internet, Wikipedia und Discogs waren damals noch nicht in Sicht. Also musste man seine Informationen aus echten Büchern beziehen. Na gut, parallel hatte ich den Musik-Express abonniert. Weitere Bücher kamen hinzu. Sehr nützlich und oft zur Hand genommen war zudem der jährlich herausgegebene „Pop-Katalog“ von jpc mit zuletzt über 2000 Seiten, der mehr als 50.000 CDs auflistete. Doch zum Nachschlagen blieb dieses „Rocklexikon“ viele Jahre lang das Standardwerk für mich.

Siegfried Schmidt-Joos & Barry Graves: Rocklexikon (1975, S. 308)
Siegfried Schmidt-Joos & Barry Graves: Rocklexikon (1975, S. 309)
Daraus bezog ich natürlich meine ersten Informationen über Santana. Die blieben in dem Buch freilich für alle Zeiten auf dem Stand von 1974 (die Seiten 308 und 309 für eine vergrößerte Darstellung anklicken). Und da in dem Eintrag auch Azteca so ausführlich erwähnt ist, begann meine weltweite Fahndung nach den beiden genannten LPs „Azteca“ und „Pyramid of the Moon“, die erst viele Jahre später zu einem glücklichen Ende führen sollte. 2022 wurden beide sogar als SACD-Set wiederveröffentlicht. Auch die Solo-LP von José „Chepito“ Areas entdeckte ich irgendwann.



Barry Graves & Siegfried Schmidt-Joos: Rocklexikon (2 Bände, 1990)
Eine Aktualisierung des Buches ließ ewig auf sich warten. 1990 erschien endlich „Das neue Rock Lexikon“ in zwei Bänden (zusammen 1048 Seiten) – diesmal von Barry Graves und Siegfried Schmidt-Joos. Obendrein kaufte ich mir in Schottland das großformatige „Guinness Book of Rock Stars“ von Dafydd Rees & Luke Crampton (zweite Auflage 1991, 586 Seiten) und verschenkte die in England erstandene erste Auflage (1989). Mit diesen Werken war ich für eine Weile wieder gut gewappnet. Doch auch sie wurden alt und älter. Genau wie ich …

Dafydd Rees & Luke Crampton: Guinness Book of Rock Stars (1991)
In meinem Buch „Sechs Jahrzehnte SANTANA“ (2022, 374 Seiten) sind ein paar mehr und zudem neuere Infos über die Band nachzulesen.

Mittwoch, 28. Februar 2024

Coke Escovedo – Comin’ at Ya! (1976)

Coke Escovedo (Timbales, Congas, Percussion, Vocals) hat um 1971 bei Santana gespielt und die Band Azteca mitgegründet. 1976 erschien sein Album „Comin‘ at Ya!“, welches 2022 auf Vinyl neu aufgelegt wurde.


In den späten Siebzigern driftete Latinmusik zunehmend in Soul- und Disco-Gefilde. Dafür ist dieses Album ein gutes Beispiel. Es bewegt sich zwischen Rock, Pop, Soul und Disco, ab und an gewürzt von einer Prise Latin-Percussion. Die Musik ist vor allem auf Side One unauffällig, gefällig, glatt – mehr nicht.


Obwohl die Scheibe natürlich zwei Seiten hat, gibt es keine Side Two, sondern neben Side One eine Side A. Letztere gefällt mir besser, weil sie nicht ganz so glatt, dafür aber abwechslungsreicher und etwas aufregender ist. Hier hören wir mehr Percussion und auch ein wenig Funk. Vor allem endet sie mit den Santana-Songs „Everything is Coming Our Way“ und „Fried Neck Bones and Home Fries” (im Original von Willie Bobo). „Everything is Coming Our Way“, locker-flockig und leicht jazzig gespielt, gewinnt mit dem E-Piano fast brasilianisches Flair. „Fried Neck Bones“ beginnt richtig stark und vielversprechend und könnte sich zum Kracher des Albums entwickeln, wird aber nach 1:42 Minuten schon ausgeblendet – was für eine blöde Idee! Und so endet die Platte ziemlich unvollendet nach weniger als 35 Minuten.

Donnerstag, 6. April 2023

Chicano Power! Latin Rock in the USA 1968–1976 (2 CDs 1998)

Die Band Santana ist wohl der bekannteste Vertreter des Latinrock. Dieser Musikstil entwickelte sich in den späten Sechzigerjahren in San Francisco und anderen Großstädten der USA aus Latinjazz, Boogaloo und Soul. Es war die Musik junger Menschen mit lateinamerikanischer Abstammung – der Chicanos – und ein Ausdruck ihrer stolzen, multikulturellen Identität.


„Chicano Power!“ ist eine Doppel-CD, die eine Reihe von Latinrock-Bands der späten Sechziger und frühen Siebziger vorstellt, darunter Santana, Azteca, Malo und Sapo mit ihrer personellen Verflochtenheit.


Da ist Raul Rekow bei Sapo zu hören, Jorge Santana, Pablo Tellez, Richard Kermode, Luis Gasca, Coke Escovedo und Victor Pantoja bei Malo sowie Victor Pantoja, Coke Escovedo, Wendy Haas, Pete Escovedo und Rico Reyes bei Azteca – sie alle haben früher oder später und kürzer oder länger zu Santana gefunden. Santana besteht aus Carlos Santana, Michael Carabello, David Brown, Marcus Malone, Bob Livingston und Gregg Rolie und ist mit einem kurzen „Soul Sacrifice“ (4:53) auf dem Sampler vertreten. Als Toningenieure und Produzenten begegnen uns David Rubinson, Fred Catero und Glen Kolotkin. Aber das sind alles nur Momentaufnahmen. Raul Rekow spielte bei Malo, bevor er zu Sapo und dann zu Santana wechselte. Viele der Musiker traten etwas später bei den Fania All-Stars auf … und so weiter. Jedenfalls bekommen wir richtig heiße Musik zu hören.




Die damalige Chicano-Szene war bunt und vielfältig und konzentrierte sich auf die drei Metropolen San Francisco, Los Angeles und New York. Doch die meisten Combos blieben bestenfalls lokale Berühmtheiten, über die das 40-seitige Booklet einiges zu berichten weiß. Es erläutert zudem die sozialen Hintergründe und die Subkultur der Chicanos. Insgesamt ist dies eine sehr informative und schön aufgemachte Box im Pappschuber, die mittlerweile schon 25 Winter gesehen hat.

Sonntag, 22. Januar 2023

Azteca – Azteca/Pyramid of the Moon (2 SACDs 2022)

Die Veröffentlichungen von Azteca habe ich bereits 2011 vorgestellt. Diese Band mit 16 Musikern wurde 1972 von Coke Escovedo gegründet. Sie mischte Latin-Rock und Latin-Jazz mit Funk und Soul, was ungefähr wie ein Mix aus Santana, Earth, Wind & Fire und Chicago klingt. Zwischen Azteca und Santana (sowie anderen Bands aus der San Francisco Bay Area) gab es zahlreiche Verflechtungen. Neal Schon, Pete Escovedo, Coke Escovedo, Victor Pantoja, Wendy Haas, Rico Reyes, Tom Rutley, Mel Martin und Lenny White sind unterschiedlich häufig auf Santana-Alben zu hören. Kein Wunder – man spielte oft auf denselben Festivals und kannte einander. Und den Song „Red Onions“ hat Armando Peraza geschrieben (enthalten auf seinem Album „Wild Thing“).


Da ein Hit und der kommerzielle Erfolg ausblieben, war das Ensemble jedoch zu teuer und löste sich bald wieder auf. 2007 kam es zu einem Reunion-Konzert der noch lebenden Azteca-Musiker, dokumentiert 2008 auf CD („From the Ruins“) und DVD („La Piedra del Sol“). Nach den ersten beiden LPs „Azteca“ (1972) und „Pyramid of the Moon“ (1973) habe ich seinerzeit lange suchen müssen, bis ich sie 1988 und 1991 auf Plattenbörsen entdeckte.


Zwischenzeitlich wurden die Platten mehrfach auf CD veröffentlicht. 2013 kamen beide Alben sogar mit Bonus Tracks heraus – das waren kürzere Single-Versionen von bereits auf den Alben enthaltenen Titeln („Ain’t Got No Special Woman“ und „Mamita Linda“ auf „Azteca“, sowie „Watcha Gonna Do“ auf „Pyramid of the Moon“). Da ich die LPs inzwischen hatte, war mir das relativ egal.


Nun jedoch konnte ich nicht widerstehen. Denn am 11. November 2022 sind beide Scheiben in einer Box als Doppel-Hybrid-SACD erschienen – mit umfangreichen Liner Notes im Booklet, in denen die Geschichte und die Hintergründe von Azteca beleuchtet werden.

Hinweis: Klicken Sie die Bilder an, um die Schrift besser lesen zu können.

Donnerstag, 20. Oktober 2016

Herbie Klinger – Sala Mi Wanida (2014)

Hier hat sich ein echter Latinrock-Fan verwirklicht. Tatsächlich ist die Plattensammlung von Herbie Klinger beeindruckend. Aus der Latin-Szene der Siebzigerjahre sind wohl so ziemlich alle Bands und Musiker vertreten, von denen ich jemals gehört habe und die im Laufe der Zeit direkt oder indirekt mit Santana in Berührung kamen. Zu den Prominentesten neben Santana zählen Malo, Azteca, Sapo, Chango und Dakila. Und offenbar ist dem Musiker Herbie das Latinfeeling in Fleisch und Blut, Herz und Seele übergegangen. "Travel back in time" lautet ein Hinweis auf dem auch optisch sehr ansprechend gestalteten Album "Sala Mi Wanida". Ja, es ist eine musikalische Zeitreise in das San Francisco jener Jahre mit 17 Songs und satten 72 Minuten Laufzeit.


Herbie spielt Gitarre – meist im Stil und Sound von Carlos Santana – und Bass. Hinzu kommen viel Percussion, Hammond Orgel, Rhodes, Piano, fetzige Bläser und mehr. Die mitreißende Musik brodelt und groovt wie eben in den Siebzigern und ist transparent abgemischt. Man kann kaum still sitzen. Und… höre ich da manches Augenzwinkern? Originell ist jedenfalls der Gesang, den Unkundige für Spanisch halten mögen, während Latinos sich wohl fragen "Was'n das für 'ne Sprache?" (natürlich auf Spanisch). Denn faktisch handelt es sich dabei zumindest streckenweise um akzentfreies Fantasie-Spanisch (von Herbie "Westfalenethno" genannt).

Das ist alles sehr gelungen, abwechslungsreich und hörenswert. Einige Songs möchte ich dennoch herausheben, weil sie mir besonders gut gefallen. Einmal das gefühlvolle und berührende "Song For The Sun". Dann das leichtfüßig-jazzige "Boca Do Inferno", welches von Santanas Album "Borboletta" (1974) – genauer aus den Songs "Spring Manifestations" und "Aspirations" – stammen könnte. Ferner die bluesige Ballade "In Between". Mit "Sala Mi Wanida" ist Herbie Klinger jedenfalls ein Album gelungen, dem ich viele Hörer wünsche.

Samstag, 2. April 2011

Azteca

Die Latinrock-Formation Azteca bildete sich 1970 in der Chicano-Szene von San Francisco. Gründer waren die Perkussionisten Thomas "Coke" Escovedo und sein Bruder Pete Escovedo. Das mit 16 Musikern üppig besetzte Ensemble mischte afrokubanische Rockmusik im Stile Santanas mit Soul-, Funk- und Jazzelementen.

LP/CD "Azteca" (1972)

Nach den weltweiten Erfolgen von Santana hoffte die Plattenfirma CBS auf einen weiteren kommerziellen Erfolg. Die Gruppe tourte mit Stevie Wonder und spielte in London mit Weather Report und Earth, Wind and Fire. Aus dem Schatten von Santana konnte Azteca jedoch nie heraustreten. Ein wirtschaftlicher Erfolg blieb daher aus und es war schwierig, eine Formation dieser Größe zu halten. So löste sich Azteca nach zwei veröffentlichten Alben "Azteca" (1972) und "Pyramid Of The Moon" (1973) schließlich auf.

LP "Pyramid Of The Moon" (1973)

Zur Band gehörten zahlreiche Musiker, die vorher oder nachher bei Santana auftraten. Aber auch Verflechtungen mit anderen Bands gab es reichlich. So kam Victor Pantoja von Tito Puente, Willie Bobo und Gabor Szabo. Die Brüder Coke und Pete Escovedo, Victor Pantoja, Rico Reyes, Wendy Haas, Mel Martin und Tom Rutley hatten teils kurze Gastspiele bei Santana. Neal Schon kam von Santana und gründete später Journey. Die jugendliche Perkussionistin Sheila E (Tochter von Pete Escovedo), der Santana-Schlagzeuger Michael Shrieve und andere sprangen für einige Konzerte bei Azteca ein.

CD "From The Ruins" (2008)

Am 15. September 2007 kam es im Hollywood Key Club in Los Angeles zu einem Reunion-Konzert von Azteca. Die Aufnahmen wurden ein Jahr später auf der CD "From The Ruins" (2008) sowie der DVD "La Piedra Del Sol" (2008) veröffentlicht.

DVD "La Piedra Del Sol" (2008)

Zum Zeitpunkt des Reunion-Konzerts bereits verstorben waren die Bandmitglieder Coke Escovedo, George Maribus, Flip Nuñez, Rico Reyes und Pat O'Hara.

Dienstag, 15. Februar 2011

Luis Gasca – For Those Who Chant (1972)

"For Those Who Chant" wurde 2006 als Mini-LP-CD (CD im verkleinerten LP-Design mit aufklappbarer Papphülle) in Japan wieder veröffentlicht. Doch was hat dieses Album von Luis Gasca (Trompete, Flügelhorn) mit Santana zu tun?


Oh ... sehr viel. Denn fast die gesamte Santana-Band ist zu hören, nämlich Carlos Santana, Neal Schon, Gregg Rolie, Michael Shrieve, Mike Carabello und José "Chepito" Areas. Außerdem mehrere Musiker von Malo und Azteca, die aber auch bei Santana mitwirkten: Richard Kermode, Lenny White, Victor Pantoja, Coke Escovedo, Rico Reyes und Luis Gasca selbst. Obendrein sind Hadley Caliman, Joe Henderson, Stanley Clarke und weitere dabei.

Die Musik klingt ähnlich wie bei "Carlos Santana & Buddy Miles! Live!". Was wiederum kein Wunder ist, denn die Besetzungen sind weitgehend gleich, inklusive Luis Gasca. Diese Platte wurde im August 1971 aufgenommen, jene Anfang 1972.

Dies ist daher eine verkappte Santana-Veröffentlichung mit vier Songs, die zusammen 40 Minuten dauern. Jazzfusion-Improvisationen mit einem Hauch von "Bitches Brew", sehr intensiv und dicht.

Falls Titel 2 "La Raza" dem einen oder anderen Fan bekannt vorkommt ... er ist gar nicht so überraschend die Vorlage für den Song "For Those Who Chant", welcher auf der CD und DVD "Carlos Santana & Wayne Shorter Live At The 1988 Montreux Jazz Festival" und der DVD "At Budokan" (aufgenommen 1991 in Tokyo) zu hören und zu sehen ist.

Santana-Fans – insbesondere solche mit Interesse für Jazz – sollten dieser Scheibe durchaus etwas mehr Aufmerksamkeit widmen.