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Mittwoch, 1. April 2026

Von „Jin-Go-Lo-Ba“ zu „Jingo“

Wenige Tage nach dem legendären Woodstock Festival im August 1969 erscheint Santanas Debütalbum mit dem Löwenkopf. Darauf befinden sich neben dem durch den Woodstock-Film groß herausgekommene „Soul Sacrifice“ die beiden Hits „Evil Ways“ und „Jingo“. „Jingo“ glänzt mit seiner drohend wummernden Bassdrum und düsteren Orgelakkorden, die durch helle Becken und fröhlich tänzelnde Percussion entschärft werden. Der Song schafft es am 25. Oktober 1969 als erster Santana-Hit in die Billboard-Charts.


Die Vorlage für „Jingo“ stammt vom Perkussionisten und Meister des afrikanischen Trommelspiels Michael Babatunde Olatunji (1927–2003). Dieser wächst in Nigeria auf und kommt 1950 in die USA. Er ist unter anderem mit John Coltrane befreundet. Olatunji gilt als Vater der Weltmusik. 1960 erscheint sein Debütalbum „Drums of Passion“ – eines der ersten reinen Perkussionsalben überhaupt. Nur Perkussion und Chants … von Gesang kann eigentlich keine Rede sein, weil es wohl eher Rufe an afrikanische Götter oder Geister sind. Es wird ein Riesenerfolg und enthält den Song „Jin-Go-Lo-Ba“. In Yoruba, Olatunjis Muttersprache, bedeutet das „Mach dir keine Sorgen“. Die Melodie der Instrumentalpassagen wird von Santana hinzugefügt.


Bei Santanas Melodie zu „Jingo“ möchte ich freilich behaupten, dass auch Herbie Mann einen Anteil daran hat. Denn 1960 spielt Olatunji unter anderem im The Herbie Mann Afro-Jazz Sextet. Die beiden kennen sich also. Und 1961 entstehen die Aufnahmen für die Live-Alben „Herbie Mann at the Village Gate“ (1962) sowie „Herbie Mann Returns to the Village Gate“ (1963).


Auf letzterem befindet sich der Song „New York Is a Jungle Festival“, der vom Basslauf her noch an Olatunjis „Jin-Go-Lo-Ba“, vom Vibraphon (ab 5:20) her indes schon an Santanas „Jingo“ denken lässt. Aus meiner Sicht ist dieser Song das Verbindungsstück zwischen beiden Versionen. Vom selben Album wird Santana übrigens den „Candle Dance“ für den Titel „Mother Africa“ covern, der 1973 auf „Welcome“ erscheint.

Sonntag, 7. Mai 2023

Herbie Mann – The Complete Recordings: Part Three 1959–1962 (4 CDs 2016)

Carlos Santana erzählt in seiner Biografie von der ersten Begegnung mit Gregg Rolie im Jahr 1966 bei einer Jam-Session: „Im Bauernhaus begann ich mit der E-Gitarre. Der Orgelspieler kam zu mir rüber und wir unterhielten uns. Er hieß Gregg Rolie. (…) Ich hatte einen Joint dabei und er trank ein Bier. Wir begannen zu reden und es machte klick, noch ehe wir zu spielen anfingen. Wie sich herausstellte, war auch er ein großer Fan der Hammondorgel und wir hörten beide die gleiche schwarze Musik.

Wir jammten mit ‚Comin‘ Home Baby‘, einem Song, mit dem Herbie Mann einen Hit gelandet hatte, den ich vom Radio kannte. Es war ein Groove, nicht kompliziert, der etwa zur selben Zeit herauskam, als ‚Sidewinder‘ und andere Jazzstücke allmählich das Mainstream-Radio unterwanderten. Heute nennen wir das Crossover. Gregg hörte diese Musik ebenfalls und er konnte sich für einen Groove begeistern“ (S. 157 f).


Also suchte ich das Livealbum „Herbie Mann at the Village Gate“ (1961), weil es den Song „Comin‘ Home Baby“ enthält. Dieses Stück hatte ich bislang nur in einer kurzen Version von Quincy Jones (1970). Tatsächlich entdeckte ich die gesuchte CD. Aber ich stieß auch auf eine Box, die acht LPs des unglaublich produktiven Flötisten Herbie Mann – darunter die gewünschte – auf vier CDs enthält und günstiger war als die einzelne CD. Selbstverständlich fackelte ich nicht lange und bestellte die Box. Hier ihr Inhalt:
  1. Flautista! (1959)
  2. The Common Ground (1960)
  3. Flute, Brass, Vibes and Percussion (1960)
  4. The Family of Mann (1961)
  5. Herbie Mann at the Village Gate (1961)
  6. Brazil, Bossa Nova & Blues (1962)
  7. Right Now (1962)
  8. St. Thomas (1962)
Jeweils zwei LPs befinden sich auf einer CD. Insgesamt ergibt das 298 Minuten – also knapp fünf Stunden – kurzweiliger Musik. Und nicht nur das …


Meine Begeisterung war groß, als ich begann, die Box durchzuhören. Denn einerseits ist das erwähnte „Comin‘ Home Baby“ ein toller Song und mit 8:39 Minuten zudem schön lang. Mindestens genauso erfreuen mich jedoch die Musiker, von denen viele von Santana oder aus dem Latinjazz-Umfeld bekannt sind, nämlich zum Beispiel …

  • Carlos „Patato” Valdez (Congas/Tambora auf 1, 6, 7, 8)
  • José Luis Mangual (Bongos/Tambora auf 1, 8)
  • Johnny Rae (Marimba/Vibraphone/Percussion auf 1, 2, 3, 8)
  • Ray Barretto (Bongos/Percussion auf 2, 3, 4)
  • Michael „Babatunde“ Olatunji (Percussion auf 2)
  • Willie Bobo (Drums auf 6, 7)
  • Johnny Pacheco (Percussion auf 7)
  • Victor Pantoja (Tambora auf 8)

Das sind natürlich nur einige der beteiligten Musiker, aber klangvolle Namen in der Szene. Die Musik groovt entspannt jazzig, afrokubanisch, brasilianisch und trotz ihres Alters in transparentem Stereo-Sound. Alles in allem ist dies eine gelungene Zusammenstellung mit etlichen Standards und ganz viel Percussion.

Dienstag, 15. März 2011

Abraxas Pool – Abraxas Pool (1997)

Santana ist im Fillmore groß geworden, gefördert vom Freund und langjährigen Manager Bill Graham. Das ursprüngliche Fillmore in San Francisco schloss jedoch im Sommer 1971, um an einem anderen Standort als Fillmore West neu aufzumachen. In New York hatte Graham außerdem das Fillmore East gegründet. Das letzte Konzert im Original-Fillmore ging am 4. Juli 1971 über die Bühne. Auszüge sind auf dem Album "The Last Days Of Fillmore" zu hören, darunter auch zwei Songs von Santana.

Der komplette Auftritt von Santana ist auf CD 2 der Legacy Edition von "Santana 3" zu hören. Es war nicht nur der letzte Tag im Fillmore, sondern auch das letzte Konzert dieser Santana-Formation, die sich wenig später auflöste.



Umso erfreulicher ist, dass fast die gleiche Crew 1997 erneut zusammen kam, um unter dem Namen Abraxas Pool das gleichnamige und wirklich tolle, sehr nach den alten Santana klingende Album zu produzieren: Gregg Rolie (Gesang und Keyboards), Michael Shrieve (Schlagzeug), Michael Carabello (Congas), Jose "Chepito" Areas (Timbales) und Neal Schon (Gitarre). Es fehlen lediglich der schwer kranke Bassist David Brown (ersetzt durch Alphonso Johnson) – und Carlos Santana.

Genießen wir diese Musik, die im erdigen, fetten Sound vor sich hin groovt. Da erinnert "Baila Mi Cha-Cha" an "Guajira", "Guajirona" an "Oye Como Va", "Don't Give Up" zitiert das "Jingo"-Intro und das Percussion-Feuerwerk "Ya Llego" ist ein zweites "El Nicoya". Und dann folgt auch noch das echte "Jingo", hier dem afrikanischen Stil seines Urhebers Babatunde Olatunji nachempfunden. "Szabo" ist eine verträumte Ballade, eine Hommage an Gabor Szabo. Und in den restlichen Songs hört man immer wieder echte oder gefühlte Zitate aus alten Santana-Titeln und fragt sich, woher man sie kennt. Aber es ist teilweise eher das Feeling, welches einfach passt und begeistert. Und mit der satten Hammondorgel von Gregg Rolie fühle ich als Santana-Fan mich wie zu Hause.

Natürlich fehlt die Gitarre von Carlos. Neal Schons Spiel ist aggressiver, wie seit jeher. Aber das ist okay. Wenn Carlos noch dabei gewesen wäre, hätten wir es ja nicht mit dem Abraxas Pool zu tun gehabt, sondern mit Santana selbst. Ein kleiner Unterschied darf also ruhig sein. Doch er ist wirklich sehr klein.

Und gelegentlich muss ich auch an Journey denken, wo Neal Schon und Gregg Rolie ebenfalls gemeinsam spielten. Das ist freilich eine andere Geschichte ...

Fazit: Wer die alten Santana-Alben mag, kann auf "Abraxas Pool" keinesfalls verzichten.