Freitag, 27. August 2021

Paolo Rustichelli – Mystic Jazz (CD 1992)

Das Ende des Jahres 1991 hat Miles Davis nicht mehr erlebt. Paolo Rustichelli kann sich glücklich schätzen, dass er den Meister, dem er dieses Album dann auch gewidmet hat, noch rechtzeitig in sein Projekt einbinden konnte. Und mit ihm weitere Musiker wie Wayne Shorter, Herbie Hancock, Andy Summers, Benny Rietveld und Carlos Santana.


Benny Rietveld hatte seine Zeit bei Miles Davis gerade hinter sich und ist bei Santana, wo er nach 30 Jahren heute noch immer spielt, wohl frisch eingestiegen, als er gemeinsam mit beiden auf diesem Album mitwirkt.

Nur bei „Full Moon“ ist neben Benny auch Carlos dabei. Es ist mit einem Hauch von Blues und dank Carlos Santanas Gitarre – neben dem getragenen letzten Song mit Miles Davis – wohl das melodischste Stück auf diesem Album, welches sonst meist von Jazz-, Fusion- und leichten Funkelementen dominiert wird.

Donnerstag, 8. Juli 2021

Peter Apfelbaum & The Hieroglyphics Ensemble – Jodoji Brightness (CD 1991)

Wer ist Peter Apfelbaum, mag manch einer fragen. Und was hat er auf diesem Blog zu suchen? Nun, Peter Apfelbaum ist ein Jazz-Multiinstrumentalist, der unter anderem mit Don Cherry, Bill Laswell, Lee „Scratch“ Perry, Todd Rundgren, Cassandra Wilson, Jah Wobble und John Zorn gespielt hat. Und in seinem Hieroglyphics Ensemble – und jetzt kommt’s – wirken Jeff Cressman (Posaune, Pyramid Bell, Percussion) und Bill Ortiz (Trompete, Flügelhorn) mit, die von 1999 bis 2014 die Horn Section von Santana bildeten.

Das Album „Jodoji Brightness“ bietet teils experimentellen, meist aber angenehm zu hörenden Jazz oder Jazz-Fusion. Hier treten Bill Ortiz und Jeff Cressman einmal mit völlig anderer Musik in Erscheinung …

Dienstag, 25. Mai 2021

Passend zur feurigen Musik …

Auch sowas gibt es – passend zur feurigen Musik von Santana und zu anderen afrokubanischen Klängen. Und es war eine gelungene Überraschung, die meine Frau mir damit bescherte:

Eine 200-Liter-Feuertonne, gestaltet nach ihren Wünschen und in Anlehnung an das Cover von „Abraxas“. Natürlich mussten am selben Abend die Flammen lodern, zumal das Wetter uns hold war …

Ich bedanke mich sehr herzlich für dieses feine Geschenk, das uns im Sommer gewiss noch an manchem Abend leuchten wird. Und hier wurde das Metallfass frisiert.

Sonntag, 11. April 2021

In A Silent Way

Am 4. Juli 1971 schließt Bill Graham das Fillmore West in San Francisco. Den Abschied zelebrieren viele Bands der Szene, dokumentiert auf dem Sampler „The Last Days Of Fillmore“ (3 LPs, 1971). Von Santana werden die beiden Titel „Incident At Neshabur“ (5:39) und Joe Zawinuls „In A Silent Way“ (7:58) ausgewählt. Wer diesen Sampler nicht hat, muss freilich lange warten. „In A Silent Way“ erscheint erst wieder auf Santanas „Dance Of The Rainbow Serpent“ (3 CDs, 1995). Das komplette Fillmore-Konzert wird schließlich 2006 auf CD 2 der Legacy Edition von „Santana III“ veröffentlicht.

„In A Silent Way“ ist eine starke Ansage in Richtung Jazz und Fusion, wohin Santana sich mit dem nächsten Album „Caravanserai“ (1972) tatsächlich auch bewegen wird.

Der Titel erscheint erstmals 1969 in einer fast zwanzigminütigen Version auf dem Album „In A Silent Way“ von Miles Davis, dessen Band mit Josef (Joe) Zawinul, Wayne Shorter, John McLaughlin, Herbie Hancock, Chick Corea, Dave Holland und Tony Williams sensationell besetzt ist. Und erneut 1971 auf „Zawinul“, einem Soloalbum des österreichischen Pianisten, unmittelbar bevor dieser gemeinsam mit Wayne Shorter die Band Weather Report gründet.

Bei Miles Davis besteht das Stück aus drei Teilen: „In A Silent Way“ (4:11), „It‘s About That Time“ (11:27) und erneut „In A Silent Way“ (4:14). Genau diese Struktur übernimmt auch Santana, wenngleich in geraffter Form und ohne Credits für die mittlere Passage. Sie orientieren sich also klar an Miles Davis – nicht an der „puren“ Version von Joe Zawinul (4:51), die auf das eingeschobene, von Davis geschriebene „It‘s About That Time“ verzichtet. Josef Zawinul fängt mit diesem zarten Song seine Erinnerungen an die Zeit als junger Schafhirte in Österreich ein.

Dienstag, 6. April 2021

Die vermutlich ältesten Aufnahmen eines Santana-Musikers

In jungen Jahren – damals noch in Kuba – verschwendet der 1924 geborene Armando Peraza keinen Gedanken daran, Musiker zu werden. Er ist Sportler und spielt Baseball. Doch das Schicksal hat eigene Pläne. Und so kommt es manchmal anders, als man denkt – vor allem, wenn man ziemlich spontan eine verrückte Idee hat … oder vielleicht einfach seiner inneren Stimme folgt.

Der Bruder eines Freundes heißt Alberto Ruiz. Ruiz leitet ein Ensemble namens Conjunto Kubavana. „Dann traf ich Alberto auf der Straße und er meinte, ‚Ich suche einen Congaspieler.‘ Ich sagte ‚Ich kann Congas spielen.‘ Ich ging los, kaufte mir für sechs Dollar eine Conga und fing an zu üben. Damals war das eine der besten Bands in Kuba und ich spielte Conga mit ihnen. So ging das ungefähr sechs oder sieben Monate, dann lief mir ein Kerl über den Weg, den sie Patato nannten. Er spielt heute mit Tito Puente und hat schon mit vielen Leuten gespielt. Patato und ich spielten zusammen. Wir waren die richtige Kombination. So lernten wir, Congas zu spielen. Ich hatte keinen Lehrer – ich hab‘ mir das selbst beigebracht. Ich ging an verschiedene Orte und spielte und so lernte ich“ (Armando Peraza – in: Modern Drummer, October 1982, S. 13).

Carlos „Patato“ Valdés wird ebenfalls einer der ganz großen Meister an den Congas.


Das Conjunto Kubavana wird 1937 von Alberto Ruiz gegründet. Von ihm existieren Aufnahmen aus den Jahren 1944 bis 1947 mit Armando und „Patato“. Dies dürften wohl die ältesten Tondokumente eines Santana-Musikers sein, während Carlos Santana, Michael Carabello, Gregg Rolie und David Brown 1947 gerade erst das Licht der Welt erblicken. Bei dem heißen „Rumba En El Patio“ liefert Armando in der letzten Minute ein hörenswertes Solo an den Bongos ab. Das gleichnamige Album aus dem Jahr 1994 ist (für einen akzeptablen Preis) nicht mehr zu kriegen. Der Song ist aber auch auf der Begleit-CD zum Buch „Buena Vista. Die Musik Kubas“ von Maya Roy (Palmyra, 2000) enthalten.

„Ich habe so meinen eigenen Stil entwickelt, eigentlich war ich einer der Revolutionäre auf diesem Instrument. Sehr viele Leute haben mich anfänglich kritisiert, aber dann begannen sie, wie ich zu spielen“ (Armando Peraza – in drums&percussion, August 1983, S. 29 f).

Ungefähr 1947 wandert Armando in die USA aus, wo er mit namhaften Musikern spielt und sich zu einem der angesehensten und bedeutendsten Perkussionisten entwickelt.

Donnerstag, 1. April 2021

Machito – The Collection 1941–52 (2 CDs 2020)

Die musikalischen Spuren der Santana-Musiker reichen weit zurück – bis ins Jahr 1948 und früher. Das mag überraschen, denn in jenem Jahr feiert Carlos Santana gerade mal seinen ersten Geburtstag, ebenso Michael Carabello, Gregg Rolie und David Brown. Aber da ist ja noch Armando Peraza.

Machito (Francisco Raúl Gutierrez Grillo) und sein Schwager Mario Bauzá nennen ihr 1940 gemeinsam gegründetes Orchester provokativ die Afro-Cubans – womit sie als Erste selbstbewusst und stolz auf die afrikanischen Wurzeln ihrer Musik verweisen. Es ist zudem die erste gemischtrassige Combo in den Vereinigten Staaten.

Machito & His Afro-Cubans mit Mario Bauzá als Chefdirigent sind obendrein die erste Band, deren Perkussion standardmäßig aus Congas, Bongos und Timbales besteht. Das Ensemble popularisiert mit dem Cubop (Cuban Bebop) eine frühe Form des Latinjazz, der in Tanzlokalen wie dem La Conga Club und dem Palladium Ballroom in Manhattan zunehmend die Menschen begeistert. „Tanga“ (1943) heißt ihr erster großer Hit (Tanga ist eine afrikanische Bezeichnung für Marihuana). Dieser wegweisende Song – während einer Probe am 29. Mai 1943 von Bauzá unter Verwendung einiger Ideen seiner Musiker komponiert – hebt den Latinjazz aus der Taufe, indem er Jazzharmonien mit kubanischen Rhythmen und insbesondere der Clave verknüpft.


Die Doppel-CD „The Machito Collection 1941–52“ enthält 40 Songs aus dieser Epoche der Afro-Cubans, unter anderem auch „Tanga“. Bei sechs Aufnahmen aus den Jahren 1948, 1949 und 1952 ist Armando Peraza an den Congas zu hören. Bei „Lean On Me“ tritt obendrein ein 22-jähriger Harry Belafonte als Sänger auf, der noch vor seiner großen Karriere steht und in Clubs singt, um mit den Einnahmen seinen Schauspielunterricht zu finanzieren.

Samstag, 6. März 2021

The George Shearing Quintet feat. Armando Peraza – Latin Escapade/Mood Latino (CD 2019 – Originale 1956/1961)

Armando Peraza (30. Mai 1924 bis 14. April 2014), einer der wichtigsten Perkussionisten des 20. Jahrhunderts, findet während der Aufnahmen für „Caravanserai“ (1972) zu Santana. Er wird ein wichtiger Freund, Wegbegleiter und auch Lehrer für Carlos Santana und andere Bandmitglieder wie Raul Rekow. 1990 verlässt er Santana aus gesundheitlichen Gründen, ist aber noch bis 2006 gelegentlich bei Konzerten dabei.

Armando Peraza (1987)

Lange vor Santana spielt er Congas und Bongos bei Machito, Tito Puente, Mongo Santamaria, Charlie Parker, George Shearing, Willie Bobo und anderen Größen des Latinjazz.

In einem Interview mit dem Magazin Modern Drummer (October 1982, S. 75 f) diskutiert er mit seinen Santana-Bandkollegen Raul Rekow (Congas) und Orestes Vilato (Timbales) die neuen Aufnahmetechniken, mit denen alle drei Perkussionisten offenbar nicht recht zufrieden sind.

Raul: Orestes und ich hörten uns auf dem Weg hierher Bänder wirklich alter Alben an. Bei einigen Sachen, die in den 30ern und 40ern aufgenommen wurden, klingt die Percussion unglaublich. Und die wurden vielleicht mit einem Mikrofon für eine achtköpfige Band aufgenommen. Das haut mich um.

Orestes: Monaurale Ausrüstung, ein Mic, und doch hast du die Reinheit des Schlagzeugs.

Raul: Die Obertöne. Genau die gehen bei vielen heutigen Aufnahmen verloren.

Orestes: All das Filtern, die DBXs [Rauschunterdrückungssysteme] und so weiter haben den natürlichen Klang deformiert.

Raul: Sie stecken ein Mikrofon ganz nah an die Conga und das ist, als würdest du das Ohr des Hörers ganz dicht ans Congafell halten. Da hörst du die Obertöne nicht.

Orestes: Du gibst den Klangwellen keine Zeit, einander zu verstärken …

Raul: Und von den Wänden des Raumes zurückzuschallen und was auch immer. Und genau das macht die Schönheit des Instruments aus. Es ist nicht nur der eigentliche perkussive Schlag – es sind die Nachtöne.

Armando: Früher spielte die Technologie nicht diese große Rolle. Es war wie Orestes sagt – du hattest ein Mic. Ich habe Aufnahmen mit George Shearing gemacht. Da gab es ein Mic vorne, und es klang gut, Mann. Ich kann mich hören. Bei modernen Aufnahmen kann mich manchmal nicht hören.

Orestes: Nicht nur das. So hat die Conga bei heutigen Aufnahmen viel an Klang verloren. Armando, Raul und einige der guten Congueros erhalten einen Basston aus dem Zentrum ihrer Conga, der genaugenommen eine Oktave tiefer klingt. Es ist eine falsche tiefe Oktave, die du live hörst. Doch bei Aufnahmen wird diese tiefe Oktave nicht angemessen reproduziert. Sie geht beim Filtern verloren …“ Und so geht es noch eine Weile weiter.

Armando erwähnte gerade seine Aufnahmen mit George Shearing. Das Quintett des seit Geburt blinden Pianisten begleitet er jahrelang sozusagen als ständiger Gastmusiker. 2019 werden die beiden LPs „Latin Escapade“ (1956) und „Mood Latino“ (1961) auf einer CD wiederveröffentlicht, ergänzt um vier bei den Sessions für „Mood Latino“ entstandene Bonus Tracks. Während die anderen Mitglieder des Quintetts (außer Shearing selbst) zwischen 1956 und 1961 komplett wechseln, bleibt kurioserweise allein der Gast Armando Peraza als feste Größe erhalten.

Latin Escapade (1956)

Die CD mit 28 Songs ist limitiert auf 500 Exemplare. Armando Peraza ist auf beiden LPs durchgängig dabei. Zu „Mood Latino“ steuert er die Titel „Jackie‘s Mambo“ (2:47), „Te Arranco La Cabeza“ (2:28) sowie die Bonus Tracks „Barandanga“ (2:57), „Mambo At The Blackhawk“ (2:52) und „Tie Me Donkey“ (2:57) bei.

Mood Latino (1961)

Shearings Musik vereint Swing, Jazz und Latin in entspannter Weise. „Latin Escapade“ erklingt in Mono (obwohl es dank der digitalen Bearbeitung kein reines Mono mehr zu sein scheint), „Mood Latino“ in Stereo – beide aber in anständiger Qualität. Und vor allem kann man Armando stets hören. Es stimmt also tatsächlich …

Donnerstag, 4. März 2021

Dennis Chambers – Outbreak (CD 2002)

Mit Dennis Chambers findet 2002 ein renommierter Schlagzeuger zu Santana. Als Nachfolger von Rodney Holmes steigt er bei den Aufnahmen für das Album „Shaman“ ein und bleibt bis 2014 – da übernimmt Cindy Blackman Santana seinen Job.

Dennis Chambers blickt auf erfolgreiche Jahre zurück, andernfalls hätte er wohl auch nicht bei Santana anheuern können. Er spielt von 1978 bis 1985 bei Parliament / Funkadelic, danach bei John Scofield, Tom Coster, John McLaughlin und vielen anderen. Ab 1981 ist er Haus-Schlagzeuger für das Rap-Label Sugar Hill Records, am großen Hit „Rapper‘s Delight“ jedoch nicht beteiligt.

Auch diverse Soloalben finden sich in seiner Vita, etwa das 2002 erschienene „Outbreak”, welches man wohl dem Genre Jazz-Rock-Fusion zuordnen kann. Das Album enthält neun Songs mit einer Gesamtlaufzeit von 57:15 und ist angenehm zu hören. Mit von der Partie sind John Scofield, die Brecker Brothers Michael und Randy, Dean Brown, Jim Beard, Will Lee und weitere, illustre Namen also.

Aber natürlich steht trotz der sehr aktiven Bläser und John Scofields Gitarre das Schlagzeug im Vordergrund und ist durchweg sehr präsent. „drums and power“ steht auf dem Sticker, und genauso ist es: geradlinige, schnörkellose Musik.

Samstag, 23. Januar 2021

Bill Ortiz – From Where I Stand (CD 2009)

Bill Ortiz spielt Trompete, Flugelhorn, Piano, Keyboards, diverse Synthesizer, Moog Bass und dies und das. Er erschien auf „Milagro“ (1992) erstmals als Gastmusiker bei Santana, dort allerdings nur mit Trompete. Gemeinsam mit Jeff Cressman (Posaune) sorgte er von „Supernatural“ (1999) bis Corazon” (2014) als Santana-Bandmitglied für die feurigen Bläsersätze, die der Musik oft erst den richtigen Biss gaben. Auch auf „Give The Drummer Some“ (2020) von Cindy Blackman Santana wirkte er bei zwei Titeln mit, wobei „Miles Away“, ein Tribut an Miles Davis, ihn von einer ganz anderen Seite zeigt. Viel leiser und gefühlvoller, durchaus im Stil von Miles Davis. Deshalb interessierte mich diese CD.


„From Where I Stand“ (2009) ist das Debütalbum von Bill Ortiz als Solokünstler. Er spielt natürlich nicht allein. Mit von der Partie sind Karl Perazzo, der bei Santana seit „Milagro“ Timbales und Percussion bearbeitet, Benny Rietveld, Bassist bei Santana seit „Spirits Dancing In The Flesh“ (1990), David Kirk Mathews, an den Keyboards bei Santana seit „Live At Montreux 2011“ (DVD 2012), Linda Tillery, die als Sängerin auf „Santana 3“ (1971), „Giants“ (1978) und „Milagro“ zu hören ist (hier singt sie jedoch nicht, sondern spricht einen Text von Dr. Martin Luther King), sowie weitere Musiker, die mir im Santana-Dunstkreis noch nicht aufgefallen sind.

Auf dem Album befinden sich 13 Songs mit einer Spielzeit von über 67 Minuten. Die Musik bewegt sich zwischen Jazz, Soul und Reggae („Judgement Day“ und „Judgement Dub“
 – sehr cool), gelegentlich mit Lounge-Charakter, immer angenehm und entspannend. Mit Santana hat sie eher nichts zu tun. Schön ist sie trotzdem. Den Abschluss bilden Auszüge der Rede von Dr. Martin Luther King zum Empfang des Nobelpreises in Oslo, mit Deep-House-Anklängen passend musikalisch unterlegt. Insgesamt ist dies eine feine CD, über die ich mich sehr freue.

Sonntag, 3. Januar 2021

Gene Ammons – Brother Jug! (1970)

Auf „Santana 3“ (1971) befindet sich das Stück „Jungle Strut“. Darin brüllen die Gitarren von Carlos Santana und Neal Schon gewaltig um die Wette, verflochten mit der Orgel (Gregg Rolie) und kontrastiert von heller, frischer Percussion (Michael Carabello, José „Chepito“ Areas) und Drums (Michael Shrieve) sowie dem munteren Bass (David Brown).

Den zum Zeitpunkt der Aufnahmen 17-jährigen Neal nahmen sie bereits ein Jahr zuvor (während der Arbeit an „Abraxas“) unter ihre Fittiche. Fast hätte Eric Clapton das jugendliche Talent dabei für Derek And The Dominos abgeworben. Laut Carlos holten sie ihn, um „mehr Feuer in die Band zu bringen, unseren Sound und unsere Energie zu verbessern. Und das Feuer, das Neal mitbrachte, war weiße, weiße Hitze“. „Jungle Strut“ unterstreicht deutlich, was Carlos mit dieser Aussage meint.


Das Original stammt vom Jazz-Saxophonisten Gene Ammons. Der gilt als Mitbegründer des Soul Jazz – einem Genre, bei dem besonders gerne Saxophon und Hammondorgel kombiniert werden. Eugene „Jug“ Ammons nahm sein Album „Brother Jug!“ im November 1969 gleich nach dem Absitzen einer siebenjährigen Haftstrafe wegen Drogenbesitzes auf (es erschien 1970). Sein „Jungle Strut“ mit coolen Drums ist ziemlich relaxt, könnte fast als Smooth Jazz durchgehen, würde es dank Tenorsaxophon, Hammond B3 und WahWah-Gitarre nicht doch etwas zu flott grooven.

Aber „Brother Jug!“ hat noch mehr zu bieten. Es enthält sechs Titel und beginnt mit „Son Of A Preacher Man“, in der Interpretation von Dusty Springfield zwar überaus bekannt, ohne Gesang hier indes kaum wiederzuerkennen. Weitere Songs sind „Didn‘t We“ (1986 von Lee Greenwood gecovert); das ziemlich rockige „He‘s A Real Gone Guy”; „Blue Velvet“ – die Liste der Interpreten reicht von Tony Bennett (1951) über Bobby Vinton (1963) und Lana Del Rey (2012) bis zu Kylie Minogue (2019); das fast neunminütige, mit den Congas des Conga-Pioniers Cándido angereicherte „Ger-Ru“ – und eben „Jungle Strut“.



Carlos entdeckt das Stück auf einer Liste mit seiner Lieblingsmusik, stellt es den Kollegen vor und sie sind ebenfalls der Ansicht, dass es irgendwie zu Santana passe. Von der Band mit eigenem Intro versehen – der Gene-Ammons-Song beginnt erst nach 38 Sekunden – erkennt man es freilich kaum wieder. Was sie aus der Vorlage gemacht haben ist unglaublich. Sie spielen es nicht unbedingt schneller, aber um Längen intensiver, machen einen ungestümen Rausch daraus, der sich wunderbar in das Gesamtkunstwerk „Santana 3“ einfügt.