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Sonntag, 15. Februar 2026

Das Geheimnis des „Song of the Wind“ von „Viva Santana!“ (2 CDs 1988)

Im Oktober 1988 erscheint „Viva Santana!“. Es enthält viele große Hits und diverse bislang unveröffentlichte Live-Mitschnitte von Santana. Dem Album liegt ein umfangreiches Booklet bei, in dem Carlos Santana Geschichten und Gedanken zu den von ihm ausgewählten Stücken teilt. Allerdings scheint nicht jede Information zu stimmen … und so schwebt manches Fragezeichen im Raum (mehr hier).


Eines davon betrifft den „Song of the Wind“. Er wird wohl – anders als angegeben – nicht im Frühjahr 1977 in Paris aufgenommen, denn 1977 gibt es kein Santana-Konzert in Paris. Außerdem gehört der Song in jener Zeit nicht zum üblichen Tourprogramm. Allerdings sind Ausnahmen bei Santana immer möglich. Am 14. November 1976 in Edinburgh etwa findet sich der „Song of the Wind“ sogar gemeinsam mit „Just in Time to See the Sun“ – ebenfalls von „Caravanserai“ (1972) – auf der Set List. Und besser noch … Gastmusiker sind die ehemaligen Santana- und aktuellen Journey-Mitglieder Gregg Rolie und Neal Schon, was bei vielen Fans das Herz höherschlagen lässt. Denn Santana wird auf der Europa-Etappe der „Amigos“-Tour vom 5. November bis 15. Dezember 1976 – also auch vom 5. bis 7. Dezember in Paris – von Journey als Special Guests begleitet. Daher vermute ich, dass dieser Mitschnitt tatsächlich von einem jener gemeinsamen Auftritte auf der Europa-Tour und vielleicht eben doch aus Paris stammt. Und dass wir hier Gregg Rolie und Neal Schon hören, wie 1972 im Original. Das wäre freilich ein Highlight, welches uns ruhig hätte verraten werden dürfen.

Booklet zum CD-Set „Viva Santana!“, S. 30
Auf „Caravanserai“ ist es praktisch unmöglich, die phänomenalen Gitarrensoli den beiden Gitarristen Carlos und Neal zuzuordnen. Bei dieser Version stehen wir vor derselben Herausforderung. Dennoch will ich es einmal wagen und bitte andere Fans ausdrücklich darum, mich gegebenenfalls zu korrigieren, zumal meine Theorie (dass Neal Schon und Gregg Rolie hier mitwirken) immerhin falsch sein kann. Schaut und horcht doch gerne mal in eure Archive … vielleicht kriegen wir das Geheimnis gelüftet.

Ich denke, nach wenigen Akkorden von Carlos spielt Neal sein erstes Solo von 0:25 bis 1:35. Dann übernimmt Carlos von 1:39 bis 3:48. Ab 3:49 wechselt die Gitarrenarbeit fast unmerklich wieder zu Neal. Und ab 4:44 ist deutlich zu vernehmen, dass zwei Gitarren im Spiel sind, doch da wird der Song schon ausgeblendet und läuft nur noch wenige Sekunden lang. Wow, was für ein Erlebnis!

Mittwoch, 30. Juli 2025

Eric Clapton (and Guests) – Crossroads Guitar Festival (2 DVDs 2004)

Seit 1999 gibt es die Crossroads Guitar Festivals, deren Erlöse in das von Eric Clapton gegründete Crossroads Centre zur Behandlung von Drogenopfern auf Antigua fließen. Zu den Festivals lädt Eric Clapton viele seiner musikalischen Freunde ein. Es ist jedes Mal ein Schaulaufen hochkarätiger Gitarristen. Bislang fanden die Crossroads Guitar Festivals in den Jahren 1999, 2004, 2007, 2010, 2013, 2019 und 2023 statt. 2004 und 2023 war auch Santana dabei.



Das Konzert am 6. Juni 2004 dauerte rund 45 Minuten. Santana – das sind hier Carlos Santana, Chester Thompson, Karl Perazzo, Dennis Chambers und Benny Rietveld, selbstverständlich begleitet von Eric Clapton. „Jingo“ (7:30) schaffte es auf die DVD-Edition aus dem Jahr 2004 (DVD 1, Track 17).

„Jingo“ mit Eric Clapton (Screenshot von der DVD)
Beim Festival 2004 hatte auch Neal Schon einen Auftritt. Ihn wollte Eric Clapton 1970 in seiner Band haben, quasi von Santana abwerben, nachdem er im Studio während der Aufnahmen für „Abraxas“ mit ihm gejammt hatte (siehe „Sechs Jahrzehnte SANTANA“, S. 64). Schon entschied sich dann aber doch für Santana. Leider wurde von ihm kein Song für die DVD ausgewählt (ebenso erging es Jeff Beck, Pat Metheny und Styx).



2016 erschien eine 3er-CD-Box mit Highlights der Festivals von 2004, 2007 und 2013. Hier ist „Jingo“ aus dem Jahr 2004 unter dem Titel „Drums of Passion“ zu hören (CD 1, Track 10).

Auf der 2023er-Edition (veröffentlicht 2024) ist Santana erneut mit „Jingo“ (4:26) vertreten sowie Santana und John McLaughlin mit „A Love Supreme“ (4:52). Diese Box hat ihren Weg jedoch nicht in meine Sammlung gefunden.

Mittwoch, 12. Juli 2023

Neal Schon & Gregg Rolie – Journey Through Time (2023)

Nach den Aufnahmen für „Caravanserai“ (1972) verließen Neal Schon (Gitarre) und Gregg Rolie (Hammondorgel und Gesang) Santana, um 1973 ihr neues Projekt Journey zu gründen. Neal Schon wirkt als einziges Mitglied ohne Unterbrechung noch heute bei Journey. Gregg Rolie stieg 1980 aus, weil er von Tourneen die Nase voll hatte, eine Familie gründen und Soloprojekte verfolgen wollte.


Über die Jahre trafen die beiden immer wieder für gemeinsame Projekte wie „Abraxas Pool“ (1997), „Santana IV“ (2016) oder bei Soloalben aufeinander. Und dann, am 9. Februar 2018, kam es zu einem Benefiz-Konzert im The Independent in San Francisco zugunsten der Opfer der verheerenden Brände in der North Bay im Oktober 2017. Weitere Mitwirkende waren Deen Castronovo von Journey (Schlagzeug und Lead Vocals), Marco Mendoza von Thin Lizzy und Whitesnake (Bass, Lead und Background Vocals) sowie John Varn (Keyboards und Background Vocals). Mit Deen Castronovo ist Neal Schon bereits 1993 bei Paul Rodgers & Company aufgetreten.

Ein Mitschnitt dieses Konzerts wurde am 26. Mai 2023 auf 3 CDs, DVD und Blu-ray veröffentlicht. Darauf befinden sich 29 Songs, nach anderer Zählung sogar 31, denn Track 15 ist ein Dreier-Medley. Es wird dargeboten als Solo von Neal Schon mit Gitarre und Background Vocals und Deen Castronovo nur mit Lead Vocals. Die anderen Musiker verlassen unterdessen die Bühne und das Ende ist durchaus berührend.


Die Spielzeit beträgt 2:41:52. „Journey Through Time“ als Titel ist Programm. Denn 29 von 31 Stücken stammen von Journey, und davon wiederum 24 aus der Zeit mit Gregg Rolie, also von den ersten sechs Alben bis „Departure“. Insofern ist dies quasi eine abendfüllende Journey-Show und dürfte für Fans dieser Band wohl unverzichtbar sein.

Die letzten beiden Titel „Black Magic Woman“ (8:45) und „Oye Como Va“ (4:31) vom Santana-Album „Abraxas“ bilden den krönenden Abschluss. „Black Magic Woman“ kommt in einer Version daher, die man nicht sofort erkennt. Anstelle des Rolie-Intros übernimmt Neal Schon den Einstieg in ein leicht jazziges Arrangement. „Gypsy Queen“ folgt und auch „3rd Stone from the Sun“ von Jimi Hendrix wird eingebaut. Das Ensemble gerät in Flow und liefert eine hörenswerte Interpretation mit spannenden Details ab. So imitieren kurze Beatboxing-Einlagen von Marco Mendoza die fehlende Percussion. Und wie von „Abraxas“ gewohnt schließt sich „Oye Como Va“ an. Klasse!

Insgesamt ist dies eine sehr schöne Aufnahme. Wenn ich etwas bemäkeln will, dann die unruhige und stockende Kameraführung. Das ist freilich eher ein optisches Problem. Die Musik ist wunderbar und von Journey wurden feine Stücke ausgewählt – von Santana sowieso.

Und hier eine Liste aller Songs mit dem jeweiligen Herkunftsalbum:
  1. I‘m Gonna Leave You („Look into the Future“, 1976)
  2. Look into the Future („Look into the Future“, 1976)
  3. Kohoutek („Journey“, 1975)
  4. Daydream („Evolution“, 1979)
  5. La Do Da („Infinity“, 1978)
  6. Line of Fire („Departure“, 1980)
  7. Walk‘s Like a Lady („Departure“, 1980)
  8. Feelin‘ That Way („Infinity“, 1978)
  9. Anytime („Look into the Future“, 1976)
  10. Lights („Infinity“, 1978)
  11. Still They Ride („Escape“, 1981)
  12. Separate Ways („Frontiers“, 1983)
  13. Lovin‘, Touchin‘, Squeezin‘ („Evolution“, 1979)
  14. Wheel in the Sky („Infinity“, 1978)
  15. Patiently („Infinity“, 1978) / Trial by Fire („Trial by Fire“, 1996) / Stay Awhile („Departure“, 1980)
  16. Mystery Mountain („Journey“, 1975)
  17. Of a Lifetime („Journey“, 1975)
  18. Just the Same Way („Evolution“, 1979)
  19. Lovin‘ You Is Easy („Evolution“, 1979)
  20. Lady Luck („Evolution“, 1979)
  21. You‘re on Your Own („Look into the Future“, 1976)
  22. Hustler („Next“, 1977)
  23. Nickel and Dime („Next“, 1977)
  24. People („Next“, 1977)
  25. Mother Father („Escape“, 1981)
  26. Any Way You Want It („Departure“, 1980)
  27. Don‘t Stop Believin‘ („Escape“, 1981)
  28. Black Magic Woman („Abraxas“, 1970)
  29. Oye Como Va („Abraxas“, 1970)
In einem langen Interview mit Narada Michael Walden (Musikproduzent, ehemaliger Schlagzeuger beim Mahavishnu Orchestra, ab 2020 vorübergehend auch bei Journey) erzählt Neal Schon von den harten Anfängen der Band (ab 34:40): „Der Start von Journey war viel Arbeit, Mann. Wir haben uns drei Jahre lang unter schwierigsten Bedingungen den Hintern aufgerissen. Wir reisten in unserem Kombi – fünf, sechs, sieben Leute in einem Wagen. Ein Typ – John Villanueva [Roadie – er hatte die Idee für den Bandnamen] war es wohl – saß hinten im Gepäckraum. Wir fuhren Stunden um Stunden und Aynsley Dunbar steuerte den Wagen (…). Wir fuhren den ganzen Tag, um gerade noch rechtzeitig zu unserem Gig zu kommen. Wir sprangen aus dem Auto, direkt auf die Bühne. Kein Soundcheck. Wir spielten, sprangen zurück ins Auto und brausten zur nächsten Stadt, wo wir am nächsten Tag auftreten mussten. Meist fuhren wir, bis der Morgen dämmerte, und irrten dann auf der Suche nach einem Hotel umher … so ungefähr lief es drei Jahre lang.

Als wir schließlich Lynnyrd Skynnyrd trafen und [Manager] Herbie Herbert uns als Vorgruppe unterbrachte, fanden wir ein Publikum, das uns akzeptierte und den Durchbruch bescherte. Ich dachte: Endlich versteht uns jemand! Bis dahin spielten wir für jeden von Cheech & Chong bis Kiss. Und mit Mahavishnu. Mann, wir haben für euch gespielt! [Narada: „Ja, es war fantastisch, in San Diego.“] Die Leute standen nicht immer hinter uns. Wir waren damals ziemlich anders. Wir waren nicht Song-orientiert, sondern jammten lieber. Aber plötzlich, bei Lynnyrd Skynnyrd, stimmte die Chemie mit dem Publikum. Deren Fans mochten die Gitarre und das Schlagzeug und die Energie der ausgedehnten Jams, weil sie die langen Passagen mit doppelten Gitarren und ihren doppelten Gitarrensoli kannten – das waren schließlich wichtige Bestandteile von deren Energie. Wir begannen also bei ihnen zu spielen und durften noch vor ihrem Auftritt drei richtig starke und begeistert aufgenommene Zugaben abliefern – bei fast jedem Konzert. Ich dachte: Ja, das ist es!“

Sonntag, 22. Januar 2023

Azteca – Azteca/Pyramid of the Moon (2 SACDs 2022)

Die Veröffentlichungen von Azteca habe ich bereits 2011 vorgestellt. Diese Band mit 16 Musikern wurde 1972 von Coke Escovedo gegründet. Sie mischte Latin-Rock und Latin-Jazz mit Funk und Soul, was ungefähr wie ein Mix aus Santana, Earth, Wind & Fire und Chicago klingt. Zwischen Azteca und Santana (sowie anderen Bands aus der San Francisco Bay Area) gab es zahlreiche Verflechtungen. Neal Schon, Pete Escovedo, Coke Escovedo, Victor Pantoja, Wendy Haas, Rico Reyes, Tom Rutley, Mel Martin und Lenny White sind unterschiedlich häufig auf Santana-Alben zu hören. Kein Wunder – man spielte oft auf denselben Festivals und kannte einander. Und den Song „Red Onions“ hat Armando Peraza geschrieben (enthalten auf seinem Album „Wild Thing“).


Da ein Hit und der kommerzielle Erfolg ausblieben, war das Ensemble jedoch zu teuer und löste sich bald wieder auf. 2007 kam es zu einem Reunion-Konzert der noch lebenden Azteca-Musiker, dokumentiert 2008 auf CD („From the Ruins“) und DVD („La Piedra del Sol“). Nach den ersten beiden LPs „Azteca“ (1972) und „Pyramid of the Moon“ (1973) habe ich seinerzeit lange suchen müssen, bis ich sie 1988 und 1991 auf Plattenbörsen entdeckte.


Zwischenzeitlich wurden die Platten mehrfach auf CD veröffentlicht. 2013 kamen beide Alben sogar mit Bonus Tracks heraus – das waren kürzere Single-Versionen von bereits auf den Alben enthaltenen Titeln („Ain’t Got No Special Woman“ und „Mamita Linda“ auf „Azteca“, sowie „Watcha Gonna Do“ auf „Pyramid of the Moon“). Da ich die LPs inzwischen hatte, war mir das relativ egal.


Nun jedoch konnte ich nicht widerstehen. Denn am 11. November 2022 sind beide Scheiben in einer Box als Doppel-Hybrid-SACD erschienen – mit umfangreichen Liner Notes im Booklet, in denen die Geschichte und die Hintergründe von Azteca beleuchtet werden.

Hinweis: Klicken Sie die Bilder an, um die Schrift besser lesen zu können.

Dienstag, 11. Oktober 2022

50 Jahre Caravanserai

Am 11. Oktober 1972 – heute genau vor 50 Jahren – erschien das wunderbare Album „Caravanserai“ von Santana. Aus diesem Anlass möchte ich einige Passagen aus meinem Buch „Sechs Jahrzehnte SANTANA“ zitieren:

Bereits das Zirpen am Anfang von „Eternal Caravan Of Reincarnation“ löst angenehme, entspannende Gefühle aus, denn es vermittelt die Stimmung sommerlicher Wärme (vor allem, wenn hier im Norden trister Winter herrscht). Erst nach 34 Sekunden steigt Hadley Calimans Saxophon ein und unterstreicht diesen ruhevollen Eindruck, gefolgt von Tom Rutleys akustischem Bass. Daraus entwickelt sich ein jazziger Titel, der sanft vor sich hin swingt. Neal Schon zupft verträumte Akkorde. Carlos und James Mingo Lewis sorgen für leise Percussion – Chimes und Glöckchen lassen ein wenig von „Singing Winds, Crying Beasts“ [von „Abraxas“] durchschimmern. Und Michael Shrieve schafft mit seinen wunderbar zurückhaltend und doch abwechslungsreich gespielten Drums und Cymbals eine gewisse Struktur.

Original Album (1972)
Die Anregung für diesen Einstieg stammt vom atmosphärischen Eröffnungssong „Astral Traveling“ von Pharoah Sanders‘ Album „Thembi“. Hier sind ebenfalls Naturgeräusche hineingemischt. Carlos spricht mit dem Toningenieur Glen Kolotkin über seinen Wunsch, das Album mit Naturklängen beginnen zu lassen. Kolotkin: „Da hab‘ ich genau das Richtige – in meinem Garten geht ein Grillenchor ab. Du glaubst gar nicht, was für einen Lärm die veranstalten“. So kommen diese winzigen „Musiker“ zu ihrem ersten Engagement von immerhin fast zwei Minuten. Allerdings beansprucht Michael Shrieve die Idee gleichermaßen für sich. „Ich wollte Zikaden und den Klang nächtlicher Stille am Anfang der Platte haben. (…) Dann ließ ich Hadley Caliman für geraume Zeit spielen, einfach Harmonien und solche Dinge, die ich zu dem bearbeitete, was ihr hört. Allein dieses kleine Saxophon-Intro brauchte mehr als zwanzig Schnitte. Man musste das Band per Hand schneiden – Pro-Tools gab es noch nicht. Als Nächstes bestimmen Tom Rutleys Bass sowie die jazzig schwellenden Becken und sachte Metallklänge den Sound und Wendy Haas kommt rein am Fender Rhodes Piano mit Vibrato …“.

Digitally Remastered Edition (2003)
Clive Davis von Columbia Records hält das Album für Karriere-Selbstmord und versucht, Carlos zu überreden, „mit der Band eine andere Richtung einzuschlagen. Aber wir hatten ‚Caravanserai‘ vollendet, und es war zu spät, das Ruder herumzureißen. ‚Sorry, aber ich muss einfach fragen‘, sagte Clive. ‚Warum willst du das machen?‘ Ich muss hinzufügen, dass er geduldig und kein bisschen aggressiv war, einfach sehr nett. Ich fragte: ‚Warum will ich was machen?‘ Er sagte ‚Also, eins ist doch glasklar: Auf diesem Album ist weit und breit keine Single zu finden. Es ist nichts drauf, was im Radio ein Hit werden könnte. Man könnte meinen, ihr kehrt euch selbst den Rücken zu. Der Jazz ist großartig, aber es gibt bereits einen Miles Davis und einen Weather Report. Warum seid ihr nicht einfach Santana?‘ ‚Es bleibt, wie es ist, Mann‘, sagte ich. ‚Es ist ein Gesamtkunstwerk. Das ganze Ding ist eine Single‘“.

Hybrid-SACD (2011)
Carlos weiß selbst, dass das Album ein Drahtseilakt ist. Indes … „Ich muss die Musik spielen, die aus meinem Herzen kommt. Nachdem ich ‚Caravanserai‘ fertig hatte, nach den ersten drei Alben, haben einige Leute es schlecht gemacht. Jahre später haben viele von ihnen zugegeben, dass es sie lehrte, Musik auf eine andere Weise zu hören. Es war seiner Zeit voraus, aber ich kann nicht auf alle warten. Um dich weiterzuentwickeln, musst du eine Gelegenheit ergreifen und von allem lernen. Die Kritik interessiert mich nicht wirklich“.

Siehe auch: 50 Jahre „Song Of The Wind“ und Die Bedeutung des Albumtitels

Donnerstag, 5. Mai 2022

50 Jahre „Song Of The Wind“

Am 5. Mai 1972 – heute vor genau 50 Jahren – wurde der „Song Of The Wind“ für das vierte Santana-Album „Caravanserai“ aufgenommen. Alle anderen Titel waren längst im Kasten, als die Musiker sich an dieses Stück machten. Es ist die Krönung eines herausragenden Albums.


Schlagzeuger Michael Shrieve erzählt: „Carlos und Neal spielten wunderbar und waren sehr glücklich über ihre Ergebnisse. Üblicherweise fängst du bei den Aufnahmen mit den Basic Tracks an, also mit Schlagzeug und Bass. Danach brauchst du kein Schlagzeug mehr. Der Gitarrist, der Sänger oder wer auch immer können auf dieser Grundlage ihre Soli verbessern. Und am Ende des Abends im Studio hatten sie so unvergleichliche Sachen aufgenommen, dass ich dachte ‚Wow, ich hätte mit ihnen spielen sollen‘. Und ich war fest entschlossen, dies zu tun. Doch es ging nicht. Ohne Computertechnik kannst du das eigentlich nicht machen. Denn wenn du die Basic Tracks versaust, kannst du die komplette Aufnahme ruinieren. Nachdem alle gegangen waren sagte ich also zum Toningenieur: ‚Ich werde die ganze Nacht lang daran arbeiten. Ich übe, wie ich spielen möchte zu dem, was Carlos und Neal bereits hingelegt haben. Also sei morgen früh hier und lass es uns machen‘. Ich habe das niemandem aus der Band erzählt. Glen Kolotkin war sehr besorgt, denn wenn ich es vergeigt hätte, hätten sie wohl ihn beschuldigt, obwohl ich es verdient hätte. Er meinte: ‚Bitte Michael, mach das nicht‘. Ich antwortete nur: ‚Sei morgen früh hier. Ich sage dir, wann.‘ Ich arbeitete die Nacht durch und sagte: ‚Schmeiß das Aufnahmeband an‘ und legte los. Ich fügte meinen Teil zu dem hinzu, was sie zu den vorhandenen Basic Tracks gespielt hatten. Und es wurde großartig“. So folgt beim „Song Of The Wind“ also das Schlagzeug den Gitarren – und nicht umgekehrt, wie eigentlich üblich.


Shrieve versuchte, im Stil von Jack DeJohnette wie bei „First Light“ mit Freddie Hubbard zu spielen, einem Song, den auch Carlos schätzt. In seinem 8 x 10 Fuß kleinen, schallgedämmten Übungsraum zuhause in der Bay Street feilte er also die Nacht hindurch an einem ausdrucksstarken Spiel. Seine damalige Lebensgefährtin Wendy Haas erklärte ihn für verrückt. Gewiss mit einem Augenzwinkern – schließlich ist sie selbst Musikerin (und auf diesem Album am Piano ebenfalls dabei).

Und Carlos‘ Freundin (und spätere Frau) Deborah: „Ich hörte ‚Song Of The Wind‘ immer und immer wieder und versuchte zu ergründen, welche Gitarre Carlos und welche Neal Schon spielte. Es fühlte sich an, als würde ich fliegen, als sie sich mit ihren Soli abwechselten. Die Musik schwebte mit Schichten aus Rhythmus und Melodie, wie ich sie noch nie zuvor gehört hatte“.


Für mich ist dieser Song ein zeitloses Meisterwerk, bei dem man jedes Instrument einzeln genießen kann und der nie langweilig wird, weil es darin so viel zu entdecken gibt. Am besten entfaltet er sich, wenn man ihn im Anschluss an die vier Titel davor hört. „Eternal Caravan Of Reincarnation“, „Waves Within“, „Look Up (To See What’s Coming Down“, „Just In Time To See The Sun“ und „Song Of The Wind“ fließen nahtlos ineinander und schaffen eine Stimmung, in der das Lied des Windes einfach nur verzaubert …

Sonntag, 3. Januar 2021

Gene Ammons – Brother Jug! (1970)

Auf „Santana 3“ (1971) befindet sich das Stück „Jungle Strut“. Darin brüllen die Gitarren von Carlos Santana und Neal Schon gewaltig um die Wette, verflochten mit der Orgel (Gregg Rolie) und kontrastiert von heller, frischer Percussion (Michael Carabello, José „Chepito“ Areas) und Drums (Michael Shrieve) sowie dem munteren Bass (David Brown).

Den zum Zeitpunkt der Aufnahmen 17-jährigen Neal nahmen sie bereits ein Jahr zuvor (während der Arbeit an „Abraxas“) unter ihre Fittiche. Fast hätte Eric Clapton das jugendliche Talent dabei für Derek And The Dominos abgeworben. Laut Carlos holten sie ihn, um „mehr Feuer in die Band zu bringen, unseren Sound und unsere Energie zu verbessern. Und das Feuer, das Neal mitbrachte, war weiße, weiße Hitze“. „Jungle Strut“ unterstreicht deutlich, was Carlos mit dieser Aussage meint.


Das Original stammt vom Jazz-Saxophonisten Gene Ammons. Der gilt als Mitbegründer des Soul Jazz – einem Genre, bei dem besonders gerne Saxophon und Hammondorgel kombiniert werden. Eugene „Jug“ Ammons nahm sein Album „Brother Jug!“ im November 1969 gleich nach dem Absitzen einer siebenjährigen Haftstrafe wegen Drogenbesitzes auf (es erschien 1970). Sein „Jungle Strut“ mit coolen Drums ist ziemlich relaxt, könnte fast als Smooth Jazz durchgehen, würde es dank Tenorsaxophon, Hammond B3 und WahWah-Gitarre nicht doch etwas zu flott grooven.

Aber „Brother Jug!“ hat noch mehr zu bieten. Es enthält sechs Titel und beginnt mit „Son Of A Preacher Man“, in der Interpretation von Dusty Springfield zwar überaus bekannt, ohne Gesang hier indes kaum wiederzuerkennen. Weitere Songs sind „Didn‘t We“ (1986 von Lee Greenwood gecovert); das ziemlich rockige „He‘s A Real Gone Guy”; „Blue Velvet“ – die Liste der Interpreten reicht von Tony Bennett (1951) über Bobby Vinton (1963) und Lana Del Rey (2012) bis zu Kylie Minogue (2019); das fast neunminütige, mit den Congas des Conga-Pioniers Cándido angereicherte „Ger-Ru“ – und eben „Jungle Strut“.



Carlos entdeckt das Stück auf einer Liste mit seiner Lieblingsmusik, stellt es den Kollegen vor und sie sind ebenfalls der Ansicht, dass es irgendwie zu Santana passe. Von der Band mit eigenem Intro versehen – der Gene-Ammons-Song beginnt erst nach 38 Sekunden – erkennt man es freilich kaum wieder. Was sie aus der Vorlage gemacht haben ist unglaublich. Sie spielen es nicht unbedingt schneller, aber um Längen intensiver, machen einen ungestümen Rausch daraus, der sich wunderbar in das Gesamtkunstwerk „Santana 3“ einfügt.

Freitag, 25. Dezember 2020

Santana – Fillmore East 1971 (CD 2020)

Bill Graham schließt das New Yorker Fillmore East wenige Tage vor dem Fillmore West, nämlich am 27. Juni 1971. Heute befinden sich im Gebäudekomplex Apartments und im ehemaligen Eingangsbereich eine Bankfiliale. Nur eine Gedenktafel links davon, ein mit Mosaik verzierter Mast am Straßenrand und viele wunderbare, im Fillmore East aufgenommene Livealben erinnern an die legendäre Konzerthalle. 2020 kommt eine weitere Veröffentlichung hinzu – diesmal von Santana.


Denn Anfang April 1971, unmittelbar bevor es nach Europa geht, spielt Santana an drei Abenden im Fillmore East. Der letzte Auftritt vom 3. April, damals vom Radiosender WNEW-FM live übertragen, wird uns nun mit passabler Tonqualität auf dieser CD präsentiert.

Angaben zu den Musikern fehlen. Vermutlich spielt hier die seinerzeitige Santana-Belegschaft. „Chepito“, der wegen einer Erkrankung vorübergehend durch Coke Escovedo vertreten wurde, ist dem Vernehmen nach wieder dabei und Coke ebenso, was einmal mehr für ein imposantes Percussion-Spektakel sorgt. Damit dies auch wirklich gebührend zur Geltung kommt, bildet „Soul Sacrifice“ mit einem knackigen Intro hier den Opener.

Da das dritte Album erst im Oktober erscheinen wird, sind „Jungle Strut“, „Toussaint L‘Overture“ und „Everybody‘s Everything“ neu für das Publikum. „Jungle Strut“ mit zwei Lead-Gitarren von Carlos Santana und Neal Schon neben der heißen Orgel von Gregg Rolie macht ordentlich Dampf, so dass die anschließende Stille im Publikum eigentlich nur mit Sprachlosigkeit erklärt werden kann. Und so ruft Rolie etwas erstaunt „Why is so quiet?“

Es folgt die als Dreierpack sich etablierende Sequenz „Black Magic Woman/Gypsy Queen/Oye Como Va“ mit einem Aussetzer bei „Black Magic Woman“ (Funkstille von 1:10 bis 1:16). Beim Übergang zu „Gypsy Queen“ setzt der Bass etwas zu früh ein, was aber eher den Hörer als die Band irritiert.

„Waiting“ weist in der Mitte ein auffälliges Timbales-Solo auf. Bei „Samba Pa Ti“ gibt es einige Unaufmerksamkeiten. „Toussaint L‘Overture“ ist besonders nah an der späteren Albumversion und springt direkt in „Evil Ways“, bei dem mittendrin das Publikum zum Tanzen animiert wird und die Band locker improvisiert.

„Everybody‘s Everything“ serviert uns ein ungewöhnliches Cuica-Solo. Dieses brasilianische Instrument, hier begleitet vor allem von den Cowbells, wird uns – wesentlich ausgefeilter gespielt – auf „Caravanserai“ wieder begegnen. „Gumbo“ als gewaltiges Finale beschließt einmal mehr das Konzert und das Album.

Montag, 22. Juni 2020

Neal Schon – I On U (CD 2005)

Eigentlich spielte Neal Schon nur zwei Studioalben mit Santana ein – „Santana III“ (1971) und „Caravanserai“ (1972). Dann gründete er gemeinsam mit Gregg Rolie die Band Journey. Doch Santana war eben der Beginn seiner Musikerkarriere und dafür bleibt er in Erinnerung. Erst wieder 2016 war er als Initiator des Projekts „Santana IV“ dabei.


Dazwischen schuf er neben seinen Journey-Aktivitäten diverse Soloalben. „I On U“ ist eins davon – unverkennbar ein Gitarrenalbum, aber Neal Schon spielt auch Bass und Synthesizer. Ihn begleiten Omar Hakim (Drums), Igor Len (Keyboards) und Gary Cirimelli (Drum Programming) – das war’s auch schon. Die Musik ist rockig, intensiv und manchmal etwas exotisch. Gelegentlich perlen die Gitarrentöne in für Neal Schon ungewöhnlicher Klarheit aus den Lautsprechern, dann röhren sie wieder, wie von ihm gewohnt.

Auf wen auch immer der Gitarrist sein Auge geworfen hat („Eye On You“) … mir gefällt die meist ziemlich gelöst und heiter klingende Scheibe. Und daher empfehle ich sie gerne weiter …

Donnerstag, 28. Mai 2020

Neal Schon – Electric World (2 CDs 1998)

Mit „Electric World“ legt Gitarrist Neal Schon, der seine Karriere 1971 bei Santana begann und 1973 Journey gründete, ein Soloalbum hin, wie ich es nicht erwartet habe. Mit melodischem Spiel bewegt er sich in der Nähe der Jazzfusion-Musik, irgendwo zwischen Larry Coryell und Weather Report.


Die anderen Musiker sind Walfredo Reyes Jr. (Schlagzeug und Percussion), Alphonso Johnson (Bass) und Michael Carabello (Percussion), die wir allesamt von Santana kennen. Weiterhin Zakir Hussein (Tablas und andere indische Percussion), Igor Len und Kit Walker (Keyboards und diversen Programmierungen), Steve Smith (Schlagzeug) – und bei manchen der 21 Songs spielt Neal Schon sämtliche Instrumente gleich selbst.

Ruhig und ziemlich entspannt läuft die Musik vor sich hin, ohne eintönig zu sein. Denn immer wieder überraschen Einlagen, die beispielsweise aus dem Orient oder aus Andalusien stammen könnten. Alles in allem: ein schönes Album.

Donnerstag, 23. April 2020

Gregg Rolie – Roots (CD 2001)

Gregg Rolie war schon bei den frühesten Anfängen Santanas mit von der Partie. Seine Hammond-B3 und sein Gesang prägten die Musik maßgeblich. Nach „Caravanserai“ verließen er und Neal Schon Santana, um Journey zu gründen. Später startete Gregg Rolie eine erfolgreiche Solo-Karriere. Seit einigen Jahren ist er zudem Dauergast bei dem Ex-Beatle Ringo And His All Starr’s.


„Roots“ erschien 2001. Der Titel scheint Programm zu sein. Wer Rolies Wurzeln bei Santana sucht, wird leicht fündig. Mitwirkende auf diesem Album sind nämlich unter anderem Michael Carabello (Congas, Percussion), Neal Schon (Lead Guitar bei „Breakin‘ My Heart“), Alphonso Johnson (Bass Guitar) und Adrian Areas (der Sohn von José „Chepito“ Areas – Timbales, Bongos, Percussion).


Die Musik ist meist nicht so weit weg von Santana, man lausche nur „Down To Rio“, „Ordinary Man“, „Going Home“ (was auch der Abraxas Pool spielt), „Breakin‘ My Heart“ und dem wunderbaren „Orient Express“. Das ist einfach feine, gefühlvolle, warme und fröhliche Musik. Bei „Roots“ fühlt sich ein Santana-Fan wirklich wie zu Hause – ein sehr schönes Album.

Montag, 20. April 2020

Neal Schon plays Jimi Hendrix: Paul Rodgers & Company – The Hendrix Set (1993)

Am besten spielt natürlich Jimi Hendrix seine eigene Musik. Es gibt jedoch einige Gitarristen, die das ebenfalls prima hinbekommen, allen voran Gary Moore und Steve Ray Vaughan. Dass auch der Ex-Santana- und ewige Journey-Gitarrist Neal Schon Hendrix-Titel im Repertoire hat, wurde mir erst kürzlich bewusst, als mir die CD (genau genommen EP, weil sie nur rund 22 Minuten Musik enthält) „The Hendrix Set“ von Paul Rodgers And Company in die Hände fiel.


Paul Rodgers (Lead Vocals) kennen wir als Sänger von Free und Bad Company. „And Company“ sind Neal Schon (Gitarre), Todd Jensen (Bass) und Deen Castronovo (Drums). Aufgenommen wurden die Songs live in Miami, Florida am 4. Juli 1993.


Die Stafette beginnt mit „Purple Haze“. Sehr anständig. „Stone Free“ wird etwa ab der Mitte zu einem Medley aus „3rd Stone Frome The Sun“ (Hendrix), „I Feel Free“ (Cream) und „Gypsy Queen“ (Santana – beginnend mit dem Übergang von „Black Magic Woman“ zu „Gypsy Queen“, der ja dem „3rd Stone“ entnommen ist). Klasse gemacht. „Little Wing“, „Manic Depression“ und „Foxy Lady“ lassen ebenfalls Hendrix wieder auferstehen. Neal Schon mischt seinen eigenen Sound hinein, spielt aber dennoch sehr Hendrix-mäßig. Auch die Kollegen machen ihre Sache gut. Hervorgehoben sei Deen Castronovo, der beim Groove von „3rd Stone from the Sun“ die filigranen Drum Pattern von Mitch Mitchell gekonnt nachempfindet. Und so ist diese Scheibe hörens- und empfehlenswert, nur leider nicht mehr leicht zu finden.

Sonntag, 1. Januar 2017

Santana – Santana IV (2016)

Warum heißt dieses Album “Santana IV”, wenn es nach meiner persönlichen Zählweise bereits das vierundvierzigste und nach offizieller Zählung ungefähr das werweißwievielte ist? Nun, nach Jahrzehnten hat sich die alte Santana-Formation wieder zusammengefunden, die nach dem dritten Album “Santana III” 1971 im Knatsch auseinander gegangen ist. Das sind Carlos Santana (Gitarre, Gesang), Gregg Rolie (Hammondorgel, Keyboards, Gesang), Michael Shrieve (Schlagzeug), Michael Carabello (Congas, Percussion, Gesang) und Neal Schon (Gitarre, Gesang). Also trägt ihr Folgealbum ungeachtet der zwischenzeitlich verflossenen Jahrzehnte die Nummer Vier. Hier spielt allerdings nicht ganz die damalige Besetzung. Bassist David Brown starb am 4. September 2000 nach langer Krankheit an Leber- und Nierenversagen – Spätfolgen seines exzessiven Drogenkonsums. Timbalero José “Chepito” Areas fehlt aus mir nicht bekannten Gründen. Die beiden werden ersetzt durch die aktuellen und mittlerweile auch schon langjährigen Santana-Mitglieder Benny Rietveld (Bass) und Karl Perazzo (Timbales, Percussion, Gesang). Hinzu kommt bei zwei Songs Ronald Isley (Gesang) von den Isley Brothers.


Über das Zerbrechen der Band 1971 erzählt Carlos Santana in seiner Biografie (S. 297 f): “Ich spürte, dass es schmerzliche Reibereien zwischen einigen Mitgliedern gab, und ich bin sicher, die anderen spürten es ebenfalls. Was dann geschah, musste geschehen. Wenn etwas vorbei ist, dann ist es vorbei. (…) Anfangs hatten wir einander unterstützt, dann hatten wir einander toleriert und schließlich waren wir zwei Bands in einer gewesen, mit musikalischen und philosophischen Konflikten. Auf der einen Seite standen Gregg und Neal, die mehr Rocktitel spielen wollten, und auf der anderen Seite Shrieve und ich. Chepito ging immer seinen eigenen Weg – er widmete sich seinen eigenen Zerstreuungen und kümmerte sich nie wirklich darum, was die Band tat oder wohin sie ging. Er schrieb Songs, und sein Sound wird immer ein wichtiger Teil der Band sein. Doch bei allen Veränderungen, die es bei Santana gab, schien er immer auf der Spielerbank zu sitzen. Er nahm nie richtig am Spiel teil.”

Neal Schon und Gregg Rolie gründen die sehr erfolgreiche Rockband Journey. “Shrieve und ich glichen eher Gärtnern, die wollten, dass unsere Musik sich ein bisschen entspannte und von selbst wuchs. Wir hörten Jazz und dachten über Jazz und Rhythmen nach” (Carlos Santana, S. 298). Daraus entwickeln sich die wunderbaren Alben “Caravanserai” (1972), “Welcome” (1973) und “Borboletta” (1974). Aber das ist eine andere Geschichte. Darüber verlieren die Musiker sich jedoch nie aus den Augen. Zuletzt touren Santana und Journey sogar gemeinsam durch die USA getourt. Und so kommt es zu diesem neuen Projekt "Santana IV".

“Yambu” führt uns gleich zu den afrikanischen Wurzeln der Musik. Beim rockigen “Shake It” schimmert der Journey-Einfluss durch. “Anywhere You Want To Go” lässt mich endlich an die alte Santana-Band denken. Wobei der Sound natürlich nicht derselbe sein kann, weil beispielsweise Carlos Santana andere Gitarren und Verstärker verwendet und insgesamt einen anderen Sound schätzt als seinerzeit. Mit Blick auf Gregg Rolie lässt sich hingegen erfreut feststellen: Hammond B3 bleibt Hammond B3. “Santana IV” hat mit “Santana III” auch gemeinsam, dass Neal Schons Gitarre überwiegend aus dem linken und Carlos’ Gitarre aus dem rechten Lautsprecher kommt.

“Fillmore East”, der längste Titel, blendet ein und schwebt luftig und filigran vor sich hin – etwa im Stil der ausgedehnten Jams, die Santana in ihrer Frühzeit – noch vor Woodstock und dem ersten Album – in Bill Grahams Fillmore Auditorium hingelegt haben – ein großartiger Song. Wobei das Fillmore East freilich nicht wie das Fillmore Auditorium und das spätere Fillmore West in San Francisco, sondern in New York beheimatet war. “Love Makes The World Go Round” ist wieder eine Rocknummer mit viel Percussion und der Stimme von Ronald Isley. Ebenso “Freedom In Your Mind”, welches in der zweiten Hälfte durch feurige Soli von Gregg Rolie, Neal Schon und Carlos Santana gewürzt wird. “Choo Choo/All Aboard” schlägt vom Rhythmus her in der Nähe von “Jingo” seine Zelte auf. Das verträumte und ergreifende “Sueños” (Träume), eingangs mit akustischer Gitarre gespielt, lässt mich an ”En Aranjuez Con Tu Amor” vom Album ”Santana Brothers” denken. Es nimmt zwischendurch orchestrale Züge an, bis zum Ende hin Gregg Rolies Klavier beinahe zärtlich erklingt.

Mit “Caminando” wird es wieder rockig. So hat Santana sich zuletzt oft angehört. “Blues Magic” ist, wie der Name verrät, ein Blues, sehr intensiv und für mich mit einem Hauch von Peter Greens “Black Magic Woman” beseelt. Selbst der Gesang erinnert an Peter Green. “Echizo” ist ein weiteres Beispiel für Songs, wie ich sie auf diesem Album erhofft habe. Da scheint der alte Santana-Geist aufzuerstehen. “Leave Me Alone” schlägt in dieselbe Kerbe. “You And I” ist zunächst langsam, nimmt in der Mitte aber Tempo auf und bleibt durchgängig gefühlvoll. “Come As You Are” spielt mit fröhlichen Soca-Elementen aus der Karibik. “Forgiveness” irrt melancholisch und ein wenig konturlos umher, wiederum mit Jam-Charakter, aber viel düsterer als “Fillmore East”.

Dass “Santana IV” nahtlos an “Santana III” anknüpft, war angesichts der langen Pause und der individuellen Wege dieser Musiker nicht unbedingt zu erwarten, ist bis zu einem gewissen Grad aber überraschend gut gelungen. Herausgekommen ist ein sehr schönes und frisches Album, das vielleicht nicht alle, doch viele Wünsche erfüllt und einige echte Leckerbissen bietet. Ich bin sehr erfreut, dass die alten Freunde auf Anregung und unter dem Drängen von Neal Schon wieder gemeinsam ins Studio gegangen sind und solch harmonische Musik geschaffen haben. Ein ähnliches Projekt – allerdings ohne Carlos – hat es übrigens 1997 mit “Abraxas Pool” bereits gegeben.


Der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, dass das Cover mit dem Löwenkopf und der Figur in der Mitte (von der Nase des Löwen aufwärts) die Grafik des Santana-Debütalbums von Lee Conklin (1969) aufgreift, in dem sich neben einer Gestalt sieben weitere Köpfe verstecken. Bei “Santana IV“ freilich stellt die Figur einen Engel dar …

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Jose "Chepito" Areas – Jose "Chepito" Areas (1974)

Auch Jose "Chepito" Areas, bei der ursprünglichen Santana-Band an Timbales, Percussion und Flügelhorn, wollte offensichtlich mal ein Solo-Album aufnehmen. Viele Freunde halfen ihm dabei. Mit von der Partie sind unter anderem Neal Schon (Gitarre), Hadley Caliman (Tenorsaxophon), Willie Colon (Congas), Tom Coster (Moog Synthesizer), Richard Kermode (Keyboards), Doug Rauch (Bass) und Gregg Errico (Schlagzeug). Areas selbst spielt Timbales, Congas, Percussion und Gesang.


Die LP enthält neun Titel im brodelnden Latin-Stil. Keine wirkliche Überraschung, aber richtig gut. "Guarafeo", "Funky Folsom", "Remember Me", "Bambeyoko", "Morning Star" (etwas ruhiger und leicht jazzig), "Buscando La Gente" (der Groove erinnert stark an "Fried Neckbones"), "Cerro Negro" (findet sich auf dem späteren Album "Giants" als "Pancho Villa"), "Terremoto" und "Guaguanco In Japan" (mit schönem Gitarrensolo).

Für Santana-Fans und Freunde afrokubanischer Rhythmen ist das kurzweilige Album uneingeschränkt zu empfehlen.

Hinweis: Als Blu–spec CD 2 (mehr hier) erschien das Album 2020 in Japan.

Samstag, 2. April 2011

Azteca

Die Latinrock-Formation Azteca bildete sich 1970 in der Chicano-Szene von San Francisco. Gründer waren die Perkussionisten Thomas "Coke" Escovedo und sein Bruder Pete Escovedo. Das mit 16 Musikern üppig besetzte Ensemble mischte afrokubanische Rockmusik im Stile Santanas mit Soul-, Funk- und Jazzelementen.

LP/CD "Azteca" (1972)

Nach den weltweiten Erfolgen von Santana hoffte die Plattenfirma CBS auf einen weiteren kommerziellen Erfolg. Die Gruppe tourte mit Stevie Wonder und spielte in London mit Weather Report und Earth, Wind and Fire. Aus dem Schatten von Santana konnte Azteca jedoch nie heraustreten. Ein wirtschaftlicher Erfolg blieb daher aus und es war schwierig, eine Formation dieser Größe zu halten. So löste sich Azteca nach zwei veröffentlichten Alben "Azteca" (1972) und "Pyramid Of The Moon" (1973) schließlich auf.

LP "Pyramid Of The Moon" (1973)

Zur Band gehörten zahlreiche Musiker, die vorher oder nachher bei Santana auftraten. Aber auch Verflechtungen mit anderen Bands gab es reichlich. So kam Victor Pantoja von Tito Puente, Willie Bobo und Gabor Szabo. Die Brüder Coke und Pete Escovedo, Victor Pantoja, Rico Reyes, Wendy Haas, Mel Martin und Tom Rutley hatten teils kurze Gastspiele bei Santana. Neal Schon kam von Santana und gründete später Journey. Die jugendliche Perkussionistin Sheila E (Tochter von Pete Escovedo), der Santana-Schlagzeuger Michael Shrieve und andere sprangen für einige Konzerte bei Azteca ein.

CD "From The Ruins" (2008)

Am 15. September 2007 kam es im Hollywood Key Club in Los Angeles zu einem Reunion-Konzert von Azteca. Die Aufnahmen wurden ein Jahr später auf der CD "From The Ruins" (2008) sowie der DVD "La Piedra Del Sol" (2008) veröffentlicht.

DVD "La Piedra Del Sol" (2008)

Zum Zeitpunkt des Reunion-Konzerts bereits verstorben waren die Bandmitglieder Coke Escovedo, George Maribus, Flip Nuñez, Rico Reyes und Pat O'Hara.

Dienstag, 15. März 2011

Abraxas Pool – Abraxas Pool (1997)

Santana ist im Fillmore groß geworden, gefördert vom Freund und langjährigen Manager Bill Graham. Das ursprüngliche Fillmore in San Francisco schloss jedoch im Sommer 1971, um an einem anderen Standort als Fillmore West neu aufzumachen. In New York hatte Graham außerdem das Fillmore East gegründet. Das letzte Konzert im Original-Fillmore ging am 4. Juli 1971 über die Bühne. Auszüge sind auf dem Album "The Last Days Of Fillmore" zu hören, darunter auch zwei Songs von Santana.

Der komplette Auftritt von Santana ist auf CD 2 der Legacy Edition von "Santana 3" zu hören. Es war nicht nur der letzte Tag im Fillmore, sondern auch das letzte Konzert dieser Santana-Formation, die sich wenig später auflöste.



Umso erfreulicher ist, dass fast die gleiche Crew 1997 erneut zusammen kam, um unter dem Namen Abraxas Pool das gleichnamige und wirklich tolle, sehr nach den alten Santana klingende Album zu produzieren: Gregg Rolie (Gesang und Keyboards), Michael Shrieve (Schlagzeug), Michael Carabello (Congas), Jose "Chepito" Areas (Timbales) und Neal Schon (Gitarre). Es fehlen lediglich der schwer kranke Bassist David Brown (ersetzt durch Alphonso Johnson) – und Carlos Santana.

Genießen wir diese Musik, die im erdigen, fetten Sound vor sich hin groovt. Da erinnert "Baila Mi Cha-Cha" an "Guajira", "Guajirona" an "Oye Como Va", "Don't Give Up" zitiert das "Jingo"-Intro und das Percussion-Feuerwerk "Ya Llego" ist ein zweites "El Nicoya". Und dann folgt auch noch das echte "Jingo", hier dem afrikanischen Stil seines Urhebers Babatunde Olatunji nachempfunden. "Szabo" ist eine verträumte Ballade, eine Hommage an Gabor Szabo. Und in den restlichen Songs hört man immer wieder echte oder gefühlte Zitate aus alten Santana-Titeln und fragt sich, woher man sie kennt. Aber es ist teilweise eher das Feeling, welches einfach passt und begeistert. Und mit der satten Hammondorgel von Gregg Rolie fühle ich als Santana-Fan mich wie zu Hause.

Natürlich fehlt die Gitarre von Carlos. Neal Schons Spiel ist aggressiver, wie seit jeher. Aber das ist okay. Wenn Carlos noch dabei gewesen wäre, hätten wir es ja nicht mit dem Abraxas Pool zu tun gehabt, sondern mit Santana selbst. Ein kleiner Unterschied darf also ruhig sein. Doch er ist wirklich sehr klein.

Und gelegentlich muss ich auch an Journey denken, wo Neal Schon und Gregg Rolie ebenfalls gemeinsam spielten. Das ist freilich eine andere Geschichte ...

Fazit: Wer die alten Santana-Alben mag, kann auf "Abraxas Pool" keinesfalls verzichten.

Dienstag, 15. Februar 2011

Luis Gasca – For Those Who Chant (1972)

"For Those Who Chant" wurde 2006 als Mini-LP-CD (CD im verkleinerten LP-Design mit aufklappbarer Papphülle) in Japan wieder veröffentlicht. Doch was hat dieses Album von Luis Gasca (Trompete, Flügelhorn) mit Santana zu tun?


Oh ... sehr viel. Denn fast die gesamte Santana-Band ist zu hören, nämlich Carlos Santana, Neal Schon, Gregg Rolie, Michael Shrieve, Mike Carabello und José "Chepito" Areas. Außerdem mehrere Musiker von Malo und Azteca, die aber auch bei Santana mitwirkten: Richard Kermode, Lenny White, Victor Pantoja, Coke Escovedo, Rico Reyes und Luis Gasca selbst. Obendrein sind Hadley Caliman, Joe Henderson, Stanley Clarke und weitere dabei.

Die Musik klingt ähnlich wie bei "Carlos Santana & Buddy Miles! Live!". Was wiederum kein Wunder ist, denn die Besetzungen sind weitgehend gleich, inklusive Luis Gasca. Diese Platte wurde im August 1971 aufgenommen, jene Anfang 1972.

Dies ist daher eine verkappte Santana-Veröffentlichung mit vier Songs, die zusammen 40 Minuten dauern. Jazzfusion-Improvisationen mit einem Hauch von "Bitches Brew", sehr intensiv und dicht.

Falls Titel 2 "La Raza" dem einen oder anderen Fan bekannt vorkommt ... er ist gar nicht so überraschend die Vorlage für den Song "For Those Who Chant", welcher auf der CD und DVD "Carlos Santana & Wayne Shorter Live At The 1988 Montreux Jazz Festival" und der DVD "At Budokan" (aufgenommen 1991 in Tokyo) zu hören und zu sehen ist.

Santana-Fans – insbesondere solche mit Interesse für Jazz – sollten dieser Scheibe durchaus etwas mehr Aufmerksamkeit widmen.