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Montag, 2. Juni 2025

Jeff Tamarkin – Carlos Santana. Love, Devotion, Surrender. A Visual Journey (2025)

Bei diesem Buch reicht meine Küchenwaage nicht aus. Eine Personenwaage muss her und bleibt bei 5,4 kg stehen. Dieses Buch ist echt monströs – dick und schwer. Sein Preis: 175 US-Dollar. Außenmaße des Pappschubers: 39,8 x 29,4 x 6,9 cm. Geprägter Einband. 392 Seiten mit metallisch schimmerndem Violettschnitt ringsum. Drei Lesebändchen. Diverse eingeklebte Objekte mit Inhalt. Verlag: Insight Editions, San Rafael, CA, 2025. ISBN 979 88866 32736. Erscheinungsdatum: 27. Mai 2025. Soweit der Steckbrief.






Sowas habe ich noch nicht gesehen. Das Buch lädt auf eine wahrlich ausgedehnte Entdeckungsreise ein.

Die Fotos oben täuschen nicht, Da klaffen mitunter auffällige Lücken zwischen den Seiten. Warum? Weil mehr oder weniger dicke Objekte eingeklebt sind. Beispielsweise vier Albumhüllen, mit ca. 28 x 28 cm fast in Original-LP-Größe. In der Hülle des Debütalbums (1969) steckt ein Foto.


In der Hülle von „Abraxas“ (1970) befindet sich in verkleinerter Ausgabe das Poster, welches ich von meiner eigenen LP kenne und in meinem Buch „Sechs Jahrzehnte SANTANA“ auf Seite 12 abgebildet habe.


Atemberaubend ist vor allem „Lotus“ (1974). Hier haben wir nicht nur das aufklappbare Triple-Gatefold-Cover der LP-Ausgabe, …


… sondern obendrein das komplette Artwork mit den beiden vierteiligen Postern zum Herausnehmen und den vier Fotoblättern aus der CD-Legacy-Edition.


Nummer vier ist „Supernatural“ – vermutlich ebenfalls mit dem LP-Artwork, was ich indes nicht genau beurteilen kann, da ich dieses Album, wie fast alle neueren seit „Viva Santana!“, lediglich als CD-Ausgabe besitze.


Daneben gibt es ein kleines Familienalbum, …


… Umschläge aus Pergament mit Kopien von Dokumenten, …



… Faksimiles handschriftlicher Notizen, …


… ausklappbare Seiten, …




… Fotos ohne Ende, …



… Reproduktionen von Konzertplakaten, …


… eine komplette Santana-Diskographie mit (vermutlich) allen Gastauftritten von Carlos bei anderen Musikern über eine Strecke von 19 Seiten, …



… und schließlich eine Liste mit allen Live Performances von Santana von 1969 bis 2024 über geschlagene 32 Seiten.


Natürlich dürfen auch zahlreiche informative Texte nicht fehlen.

Fazit: Dieser aufwendig gestaltete Prachtband hat es in sich. Er steckt voller Juwelen und dürfte jeden Santana-Fan begeistern. Bei seiner üppigen Ausstattung scheint mir der zugegebenermaßen hohe Preis durchaus gerechtfertigt zu sein.

Donnerstag, 6. Februar 2025

Santana at Budokan, Live in Tokyo 1991, feat. Sadao Watanabe (DVD 2007)

Am 21. Mai 1991 trat Santana im Budokan in Tokyo auf und lieferte ein hörens- und sehenswertes Konzert ab. Tony Lindsay, Benny Rietveld und Karl Perazzo waren neu in der Band. Gaylord Birch sprang zum zweiten Mal seit 1976 ein. Nur Chester Thompson und Raul Rekow hatten sich schon lange bei Santana etabliert.


Besondere Erwähnung verdient jedoch der von Carlos Santana eingeladene japanische Jazz-Saxofonist Sadao Watanabe (geboren 1933) als Special Guest. Er ist wirklich „special“. Warum? Oh, das geht weit zurück und reicht bis in die Vorgeschichte von Santana, ungefähr ins Jahr 1966.


Über einen Freund lernte Carlos damals ein Album kennen, das ihn erst umhaute und dann maßgeblich prägte. In seiner Biografie (ab Seite 136) erzählt er davon: „Es war ‚El Chico‘ von Chico Hamilton – das Album mit den lateinamerikanischen Perkussionisten Willie Bobo und Victor Pantoja und einem Gitarristen namens Gábor Szabó. Mir gefiel das Album auf Anhieb. Chico trug einen Torero-Umhang, und einige Songs, etwa ‚Conquistadores‘ und ‚El Moors‘, hatten spanische Titel. Ich wusste, dass Chico ein Jazz-Drummer war, aber es klang anders als jeder Jazz, den ich je zuvor gehört hatte. Die Musik klang sehr lateinamerikanisch und war obendrein mit Soul und großartigen Grooves vermischt.


Aber es war Gábors Gitarre, die mich begeisterte. Ich hörte sie und spürte, wie die Moleküle in meinem Gehirn sich ausdehnten. Sein Sound hatte eine spirituelle Dimension und öffnete mir das Tor zu anderen Welten. Man merkte, dass er eine Menge indische Musik hörte, denn sein Sound enthielt auch Bordune. Es war Trance-Musik. Er konnte die einfachste Melodie spielen und dennoch in die Tiefe gehen. Gábor war der erste Gitarrist, der mich auf die Idee brachte, über ein Thema hinauszugehen und eine Geschichte zu erzählen, die nicht nur den Titel eines Songs oder die Licks anderer wiederkäute. Gábor sorgte dafür, dass ich B. B. King, John Lee Hooker und Jimmy Reed untreu wurde. (…) ‚El Chico‘ war eine Straßenkarte, die mir zeigte, wohin ich als Nächstes gehen musste. Ich zog sofort los und holte mir Willie Bobos Album ‚Spanish Grease‘. Im folgenden Jahr kaufte ich Gábor Szabós ‚Spellbinder‘ – darauf war ‚Gypsy Queen‘ – und Bobos ‚Uno-Dos-Tres‘ mit ‚Fried Neckbones and Some Home Fries‘. Beide Songs trugen dazu bei, den Santana-Sound zu erschaffen“.


Das für Santana so wegweisende Album „El Chico” von Chico Hamilton erschien 1966. Die Aufnahmen entstanden bereits 1965. Darauf sind freilich nicht nur Gábor Szabó, Willie Bobo und Victor Pantoja zu hören. Saxofon und Flöte werden gespielt von Sadao Watanabe.

Montag, 6. Januar 2025

Gebrochener Finger zwingt Carlos Santana zu sechs Wochen Pause

Anfang 2025 brach Carlos sich den kleinen Finger der linken Hand bei einem unglücklichen Sturz in seinem Ferienhaus auf der Hawaii-Insel Kaua‘i. Der Finger wurde mit Stiften fixiert. Carlos wird sechs Wochen lang nicht Gitarre spielen können und muss daher eine Reihe von Konzerten in Las Vegas verschieben. Nach Auskunft der Ärzte soll er vollständig genesen und bald wieder auf der Bühne stehen.

Carlos Santana, Alphonso Johnson, Orestes Vilato (1987)
Es ist sicher hart für einen Musiker, sein geliebtes Instrument wochenlang nicht nutzen zu können. Davon abgesehen soll es dem Gitarristen nach Auskunft seines Managers Michael Vrionis immerhin gutgehen. Und die angekündigte Europatournee im Sommer 2025 mit fünf Konzerten in Deutschland soll davon nicht betroffen sein. Ich wünsche Carlos Santana jedenfalls eine schnelle Genesung.

Samstag, 16. November 2024

Devadip Carlos Santana – The Swing Of Delight (1980) und die Steinzeit der Digitalisierung

„The Swing Of Delight“ zählt zu den Soloalben von Carlos Santana. Es ist ein jazzorientiertes Projekt mit Herbie Hancock, Wayne Shorter, Ron Carter und anderen aus dem Jahr 1980.


„The Swing Of Delight“ ist ein Album aus der Frühzeit der für uns heute so selbstverständlichen Digitalaufnahmen. Verwendet wurde ein digitaler 32-Spur-Recorder von 3M für stolze 115.000 US-Dollar mit 1-Zoll-Band (2,54 cm breit) und einer Bandgeschwindigkeit von 45 Zoll (114,3 cm) pro Sekunde. Das Gerät wurde 1978 vorgestellt und kam 1979 auf den Markt.

Vorzüge der neuen digitalen Technik mussten dem Musikfreund auf der Plattenhülle zunächst umständlich erklärt werden – heute kann man darüber schmunzeln: „Dieses Album wurde DIGITAL aufgenommen. Einfach ausgedrückt wird die Musik nicht mit herkömmlichen Magnetbändern aufgezeichnet. Sie wird zunächst in einen numerischen (digitalen) Code umgewandelt, und dieser Code wird auf Band festgehalten. Das Ergebnis ist eine erhöhte Klarheit, die Vermeidung von Bandgeräuschen und Zischen, Gleichlaufschwankungen und anderen Verzerrungen. Um die Digitalaufnahmen sauber auf der Schallplatte zu reproduzieren, entschieden wir uns für ein Album mit vier kürzeren Seiten, statt die Musik auf eine zweiseitige LP zu quetschen. Dies erlaubt uns, das erweiterte Übertragungsverhalten und die Klarheit der Digitalaufnahmen bestmöglich zu nutzen“, schrieb Produzent David Rubinson. Der damalige Fan fand das zwar im Prinzip großartig, verstand aber nicht ganz, was digital eigentlich sollte, zumal LPs sowieso nur analog abgespielt werden können.


CDs waren damals noch Zukunft.

Aber sie kamen.

Wer jetzt denkt, dass die angefertigten Digitalbänder beste Voraussetzungen für die spätere CD-Produktion boten, weil keine Digitalisierung mehr erforderlich war, irrt. Denn als es soweit war, gab es kein Abspielgerät mehr für die existierenden Originalbänder. Die wenige Jahre zuvor noch neueste und teuerste Technik war schon wieder hoffnungslos veraltet. 1989 sucht CBS öffentlich nach einer passenden Bandmaschine. Vermutlich ohne Erfolg. Warum sonst sollte auf der CD „Digitally mastered analog recording“ stehen?

Dienstag, 3. September 2024

Turiya Alice Coltrane & Devadip Carlos Santana – Illuminations (1974)

Vor 50 Jahren – im September 1974 – erschien das Album „Illuminations“ von Turiya Alice Coltrane & Devadip Carlos Santana. Beide haben dem bürgerlichen Namen ihren Sanskrit-Namen vorangestellt, was bereits auf die spirituelle Ausrichtung des Albums verweist. Das in einer paradiesischen Traumwelt schwelgende Cover von Michael Wood unterstreicht diesen Anspruch mehr als deutlich. Es stimmt perfekt auf den süßlich-opulenten Überfluss der Musik ein, die von manchen als Free Jazz bezeichnet wird, was ich allerdings bestenfalls für einige Passagen gelten lassen möchte. „Die Musik führte mich weiter weg vom klassischen Santana-Sound als fast jede andere Aufnahme. Weiter weg, aber näher an meinem Herzen“, so Carlos Santana in seiner Biografie.



„Illuminations“ wird als Soloalbum von Carlos gezählt. Das ist natürlich kein zwingender Grund für so völlig andere Musik, wie sie uns hier begegnet. Dieses Album ist wirklich weit von „Jingo“, „Black Magic Woman“ oder „Samba Pa Ti“ entfernt. Rockmusik, schon gar Latinrock, sucht man hier vergebens. Wirklich eine erstaunliche Entwicklung.

Der kurze Auftakt ist sehr meditativ – ein langgezogenes, dreifaches „Om“ – bevor in „Angel of Air/Angel of Water“ Jules Broussards Flöte wie Vogelgesang ertönt und David Hollands samtweicher Bass sich einklinkt, von Streichern untermalt. Carlos Santana übernimmt mit seiner Gitarre die Regie, mit gelegentlichen Einwürfen von Tom Costers Electric Piano. Saxophon und Harfe treffen sich in einem ersten kurzen Höhepunkt, nach dem es ruhig weitergeht, sich erneut steigert und wieder entspannt. Der zehnminütige Titel ist also ein ständiges Auf und Ab, was Carlos als Ebbe und Flut bezeichnet. Das erinnert an Pharoah Sanders, der beispielsweise auf dem glänzenden „Ptah, the El Daoud“ mit Alice Coltrane gespielt hat. Bemerkenswert ist auch, dass es hier keine Drums und keine Percussion gibt. Cymbals (Becken) laufen zwar wie kleine Wellen am Strand auf, ansonsten trägt der Bass den Rhythmus. Berührend finde ich vor allem das knapp zweiminütige Intermezzo ab 4:27 mit Bass, Gitarre, Harfe, Streichern und E-Piano. Was Carlos und Dave Holland hier im Zusammenspiel bieten, ist ganz großes Kino. Ein absolut überzeugender, hochkarätiger, gefühlvoller Song. Je aufmerksamer man sich auf die Engel der Luft und des Wassers einlässt, desto mehr kann man sie genießen.


„Bliss: The Eternal Now“ ist das einzige Stück aus der Feder von Alice Coltrane. Hier dominieren ihre Instrumente, nämlich Streicher, Harfe und Piano. Der Song dreht sich im Kreis, wartet ab, findet keine Richtung und schürt so die Spannung.

Mit sirrenden, obertonreichen Klängen der Tanpura (oder Tamboura) von Prabuddha Phil Browne, langgezogenen Gitarrentönen von Carlos Santana, dem gestrichenen Bass von David Holland und den Tablas von Phil Ford versetzt „Angel of Sunlight“ uns für rund drei Minuten nach Indien, bevor das Tempo anzieht. Nun darf auch Armando Peraza an den Congas glänzen. David Holland – jetzt seinen Bass wieder zupfend – und Jack DeJohnette am Schlagzeug greifen ein, während Carlos eine ausgedehnte Improvisation hinlegt, bis Jules Broussard am Saxophon ihn ablöst. Alice Coltranes Wurlitzer und Tom Costers Hammondorgel gesellen sich hinzu. Mit Carlos‘ Gitarre ergibt sich ein ekstatisches Durcheinander (dies ist so eine Free-Jazz-Passage), welches sich schließlich langsam auflöst.


Das Titelstück „Illuminations“ mit fulminanten Pianoakkorden und getragenen Streichern bildet den gemächlichen Abschluss (der 2001 von Bill Laswell auf dem Album „Divine Light“ hörenswert zitiert und sphärisch verfremdet wird).

In den Siebzigerjahren fand ich dieses Album reichlich kitschig. Tatsächlich ist die Musik durchaus gewöhnungsbedürftig und mag zunächst schwer verdaulich sein. Doch es half mir, Zugang zu einzelnen Spielarten des Jazz zu finden. Unter diesem Aspekt hat „Illuminations“ viel zu bieten und reifte zu einem Juwel in meiner Sammlung. Daher kann ich es abenteuerlustigen Musikfreunden wärmstens empfehlen. Da es freilich – außer bei „Angel of Sunlight“ – weitgehend ohne Schlagzeug und Percussion auskommt, stellt es manchen Santana-Fan auf eine harte Probe. Ein sehr gutes Album, bei dem Carlos mit außergewöhnlichem Spiel glänzt, ist es dennoch.

(Dieser Beitrag ist ein modifizierter Auszug aus „Sechs Jahrzehnte SANTANA“.)

Samstag, 20. Juli 2024

Santana 1974 – zum 77. Geburtstag von Carlos Santana

Das Jahr 1974 war ziemlich produktiv in der bereits weit fortgeschrittenen, aus heutiger Sicht freilich noch jungen Karriere von Santana. Vier neue Alben mit einer enormen stilistischen Bandbreite kamen auf den Markt. Alle hier zitierten Passagen mit Quellenangaben und vielen weiteren Details sind übrigens in meinem Buch „Sechs Jahrzehnte SANTANA“ nachzulesen.


Es begann im Mai mit dem Dreifach-Livealbum „Lotus“. „Die Idee war wundervoll und ehrgeizig, und die Musik war frisch – aber die Leute von Columbia konnten damit nichts anfangen“, erzählt Carlos Santana. „Das Album-Cover, die Verpackung und die drei Platten waren ihnen einfach zu teuer. Sie glaubten nicht daran, dass das Album sich gut verkaufen würde. Selbst nachdem ‚Lotus‘ im Sommer 1974 auf den japanischen Markt kam und das meistverkaufte Importalbum der damaligen Zeit wurde, ließ Columbia sich nicht umstimmen, nicht einmal von Bill [Graham]. Das zeigt, wie viel sich geändert hatte, seit Clive [Davis] entlassen worden war. Damals lernte ich, wie bürokratisch die Dinge in Amerika laufen konnten und wie unterschiedlich die Plattenfirmen in Europa und Japan gemanagt wurden“.


Im August folgte Santanas erstes „Greatest Hits“-Album mit Songs der ersten drei LPs. Damit war Carlos überhaupt nicht glücklich. „Wissen Sie, was die Leute bei Columbia taten, als ‚Lotus‘ rauskam?“, fragt Carlos. „Sie brachten etwa zur gleichen Zeit ein Greatest-Hits-Album – auf einer Einzel-LP – heraus, als wären wir irgendeine abgehalfterte Band, die ihre besten Jahre längst hinter sich hat. Das war ein echter Tiefpunkt“. Na gut, aber es war meine erste Santana-Platte. Was wäre ohne sie aus mir geworden?


Im September erschien „Illuminations“ von Turiya Alice Coltrane & Devadip Carlos Santana. „Das Abhängen mit Turiya inspirierte mich, ein paar spirituelle Melodien zu schreiben, und als Turiya sie hörte, überraschte sie mich mit einigen Arrangements, die dazu passten – zu diesem symphonischen Ozean aus Sound mit Ebbe und Flut. Aus diesen ersten Stücken wurde ‚Angel of Air/Angel of Water‘ auf dem Album ‚Illuminations‘. Es war das erste Album mit meinem Sanskrit-Namen auf dem Cover. Die Sterne standen günstig dafür: Turiya war derzeit bei keiner Plattenfirma unter Vertrag, und Columbia war damit einverstanden, rechnete aber nicht mit Radiohits und wollte daher erst nach der Fertigstellung entscheiden, was mit dem Album geschehen sollte. Im Grunde sagten sie zu uns: Macht weiter und amüsiert euch gut. (…) Unsere Sessions fanden im Capitol-Studio in Los Angeles statt, wo Frank Sinatra seine Platten aufzunehmen pflegte, weil Turiya es kannte und weil dort eine ganze Streichergruppe Platz hatte. Alles war live, und es war fantastisch, im selben Raum zu sein wie Jack DeJohnette und Dave Holland – die beide mit Miles gespielt haben – und mit Armando, Jules Broussard und Tom Coster. Die Atmosphäre war großartig: Armando erzählte eine Geschichte, und wir lachten uns krumm; dann sagte Turiya etwas, worüber wir noch heftiger lachten. Alle glauben, Alice Coltrane sei ein ernster, zutiefst spiritueller Mensch, der nicht herumalbern darf, irgendwie näher an Gott als andere. Aber sie lachte und amüsierte sich gerne“.


Im Oktober wurde „Borboletta“ veröffentlicht. Das Album ist ein Klangteppich, der zum fliegenden Teppich wird und den begeisterten Fan sanft entschweben lässt. Ein fesselnder Traum, aus dem man höchst ungern erwacht. Nach den Arbeiten an „Borboletta“ zieht Michael Shrieve einen Schlussstrich und verlässt die Band, was für Carlos einen größeren Einschnitt darstellt und zwei Tage vor dem geplanten Tourneestart überdies einigermaßen ungelegen kommt. Der Schlagzeuger hat sich als wichtiger Kollege und Freund entpuppt. Durch ihn lernt Carlos Jazzmusik kennen, die ihn überhaupt erst auf den Weg zu den letzten großartigen Alben bringt. „Ich schulde Michael viel. Er ist derjenige, der mir [John] Coltrane und Miles [Davis] näherbrachte. Ich wollte nur Blues spielen, bis Michael kam (…). Er öffnete meine Augen, meine Ohren und mein Herz für viele Dinge. (…) Manche Schlagzeuger haben nur Stöcke, doch Michael Shrieve hat Sehkraft. (…) Michael ist wie eine Schachtel Buntstifte – er hat all die Farben“.


Diese unterschiedlichen Alben mit ihren vielen Geschichten hätten über mehrere Jahre entstanden sein können. Doch alles geschah 1974. Das ist nun fünfzig Jahre her. Damals wurde Carlos Santana 27. Heute wird er 77. Ich gratuliere ihm herzlich zum Geburtstag und wünsche ihm noch viele glückliche Jahre mit seiner Band, seiner Musik und natürlich in seinem Privatleben. Happy Birthday, Carlos!

Sonntag, 30. Juni 2024

Carlos Santana, Mahavishnu John McLaughlin – Love Devotion Surrender (1973)

Im Oktober 1972 startet Santana eine ausgedehnte Promotion-Tour für die neue LP „Caravanserai“. Der Auftakt findet am 4. Oktober im Winterland in San Francisco statt. Es ist das erste Santana-Konzert für Deborah King, Carlos‘ künftige Frau – die beiden sind nun schon seit einigen Monaten zusammen. Als weiterer Gast kündigt sich niemand Geringeres als John McLaughlin an, der 1970 mit Miles Davis auf „Bitches Brew“ und ab 1971 mit seinem Mahavishnu Orchestra den Jazzrock revolutioniert hat. Er kommt extra aus New York angereist. „Es war ziemlich schräg, wie das geschah“, erzählt John einige Monate später in einem Interview. „Ich wachte eines Morgens auf mit der Idee, ein Album mit Carlos aufzunehmen. Am selben Tag rief mein Manager an und sagte, dass er sich mit Clive [Davis] getroffen hatte und dass Clive vorschlug, dass ich ein Album mit Carlos mache“ – jener Clive Davis von Columbia, der „Caravanserai“ einige Monate zuvor noch als Karriere-Selbstmord bezeichnet hatte. In der letzten halben Stunde der Show im Winterland steht McLaughlin mit Santana auf der Bühne. Anschließend sprechen die beiden Gitarristen über das gemeinsame Albumprojekt.


Über John McLaughlin lernt Carlos auch bald den Guru Sri Chinmoy kennen. Bei Sri Chinmoy findet er die ersehnte innere Ruhe und Ausgewogenheit. „Meine Frau und ich waren enttäuscht von diesem katholischen Ding“, erklärt Carlos, „und wir suchten östliche spirituelle Werte – etwas, das sich nicht um Verdammung und Richten dreht. Wir suchten Erweiterung und Anerkennung unserer gesamten Persönlichkeiten als Individuen, wodurch man innerlich flexibler wird“.

Von 1972 bis 1981 bleiben Carlos und Deborah dem Guru treu. Jahre später erläutert Carlos: „Dieses Bedürfnis nach Religion, nach einem Wertesystem, nach Metaphysik hat nicht, wie man gerne annimmt, mit dem ungeordneten Musikerleben zu tun, sondern mit der Suche nach Inspiration. Ein Musiker ohne Inspiration ist wie ein Vogel ohne Flügel. Darum sucht ein Musiker, um kreativ sein zu können, nach einer Möglichkeit, seine Inspiration zu potenzieren“.

In dieser Phase also spielt Carlos Santana gemeinsam mit dem begnadeten Gitarristen John McLaughlin dieses die äußeren Grenzen der Rockmusik sprengende Album „Love Devotion Surrender“ ein. Es ist ein weiteres Album der verbliebenen Santana-Musiker auf der Schwelle zum Jazz, voller Inbrunst und Intensität, doch hypnotisch groovend. Fast alle Stücke stammen vom 1967 verstorbenen John Coltrane, einem großen Vorbild von Carlos und John McLaughlin.


Den Albumtitel zu übersetzen fällt schwer. „Love“ ist klar. „Devotion“ bedeutet Hingabe, Zuwendung, Ergebenheit, Aufopferung. „Surrender“ bedeutet Kapitulation, Unterwerfung und ebenfalls Hingabe. Was genau ist der Unterschied?

Sri Chinmoy führt dazu bereits 1970 in seiner Schrift „Love, Devotion and Surrender“ aus, dass Devotion die Intensität der Liebe und Surrender die Erfüllung der Liebe sei. „Bedauerlicherweise wird Surrender im Westen falsch verstanden. Wir haben das Gefühl, diese Hingabe bedeute, dass jemand über uns herrscht und dass wir keine Individualität und Persönlichkeit mehr haben. Aus der gewöhnlichen, menschlichen Perspektive stimmt dies. Aus der spirituellen Perspektive ist es jedoch vollkommen falsch. Wenn das Endliche ins Unendliche eintritt, wird es sofort Teil der Unendlichkeit. Wenn ein kleiner Tropfen in den Ozean fällt, können wir ihn nicht mehr erkennen. Er wird zum mächtigen Ozean“. „Surrender“ meint also, Teil eines größeren Ganzen zu werden – das nennt man Selbstvergessenheit oder Selbsttranszendenz. Die Übersetzung von „Love Devotion Surrender“ lautet hiernach „Liebe Hingabe Selbstvergessenheit“.

Freitag, 24. Mai 2024

Carlos Santana mal ganz privat …

Vor einigen Wochen zeigte meine liebe Frau mir Fotos von kreativen Häkelarbeiten einer Kollegin. Darunter befand sich auch ein Rastamann mit Dreadlocks. Da fragte ich eher scherzhaft, ob man wohl auch Carlos Santana häkeln könne.



Ja, die Kollegin kann. Den unausgesprochenen zweiten Teil meiner Frage – „… und wenn man kann, dann wünsche ich mir einen Häkel-Carlos!“ – verstand meine Frau offenbar laut und deutlich. Gestern überraschte sie mich mit dem Ergebnis. Ich bin echt begeistert!



Ihre Kollegin hat das toll hinbekommen, finde ich. So kennt ihn bislang keiner. Da schlägt das Herz eines Fans doch gleich viel höher …

Sonntag, 26. November 2023

Santana – Black Magic Woman/Gypsy Queen (1970)

„Abraxas“, das zweite Album von Santana, erschien 1970. Es enthält mehrere Songs, die große Hits wurden, beispielsweise „Samba Pa Ti“, „Oye Como Va“ und „Black Magic Woman/Gypsy Queen“.

Santana – mit „Black Magic Woman/Gypsy Queen“ (1970)
Das von Peter Green (dem frühen Kopf und Mitbegründer von Fleetwood Mac) geschriebene „Black Magic Woman“ wirkt bei Fleetwood Mac recht herb und farblos. Bei Santana hingegen blüht es förmlich auf und ist ohne das geniale Keyboard-Intro von Gregg Rolie sowie das angehängte „Gypsy Queen“ von Gábor Szabó kaum noch vorstellbar. Die fabelhafte Kopplung dieser beiden Coverversionen erfreut uns auf diversen Livealben und natürlich in den meisten Konzerten. Selbst die Jazzsängerin und Pianistin Patricia Barber spielt ihre moderne Interpretation von „Black Magic Woman“ in der Santana-Version mit dem Rolie-Intro und – als ginge es nicht anders – dem angehängten „Gypsy Queen“.

„Peter Green erhält die Tantiemen“, stellt Carlos fest. „Doch es ist jetzt unser ‚Black Magic Woman‘. Für mich kommt ‚Black Magic Woman‘ von ‚All Your Love (I Miss Loving)‘ [singt es vor]. Für mich ist es dasselbe Ding, nur mit einem anderen Text. Mindestens zwei- oder dreimal im Jahr überweise ich einen nennenswerten Betrag an Otis Rush. Ich muss … und ich werde es weiterhin tun, um den Song zu ehren, den ich jeden Abend spiele“.

Otis Rush – mit „All Your Love (I Miss Loving)“ (1958)
„Michael Shrieve [Schlagzeug] stieß mich auf diesen Song“, erinnert sich Gregg Rolie. „Er wusste, dass ich ein Fan von Peter Green war, als er bei den Bluesbreakers den Song ‚Supernatural‘ spielte. Er war ein außergewöhnlicher Gitarrist – das ist er noch immer. Michael brachte mir also ein Fleetwood-Mac-Album [vermutlich ‚English Rose‘] mit und fragte, ob es mir gefällt. Ich pickte mir diesen Song heraus und liebte ihn. Bei meiner Keyboard-Eröffnung spielte ich die Noten A, C und D. Und Carlos meinte: ‚Nimm ein H dazu‘.“ Die Folge von 13 Keyboardtönen (C-D-A-C-D-A-H-D-C-D-A-C-D) wird mehrfach wiederholt. Es geht jeweils um den siebten Ton, bei dem ein H das ursprüngliche C ersetzt. „Ich fragte mich erst, was das soll. Doch tatsächlich veränderte dieses simple H alles und machte daraus unser Markenzeichen“.

© Pearce Marchbank, Ellen Dale: „Santana“ (28 Songs) (1974)
„Es ist zunächst ein Piano-Intro mit Becken, die Michael Shrieve und ich uns ausdachten“, erklärt Michael Carabello [Congas] weiter. Dann setzt die Percussion ein, die den Beat aufgreift, der direkt vorher schon „Singing Winds, Crying Beasts“ antreibt. „Es ist ein hübscher kleiner brasilianischer Beat, den ich damals als Teenager bei den Congasessions im Aquatic Park gelernt habe. Und Michael Shrieve begleitet ihn mit seinen Becken instinktiv ebenfalls in brasilianischer Weise“.

„Wir haben es nie arrangiert“, so Carlos. „Es ergab sich einfach so. Ich habe nie geahnt, dass es ein so wichtiger Bestandteil unserer Identität werden würde. Das einzige Arrangement bestand darin, zu spielen. Niemand hat es im engeren Sinne für die Band arrangiert. Wir sagten, lasst uns dies ausprobieren, ich spiele das und du versuchst jenes – so ungefähr“.

Fleetwood Mac – mit „Black Magic Woman“ (1968)
Und Gregg Rolie: „Ich liebte den Song und ich liebe ihn noch immer. Okay, heute fühlt es sich ein bisschen anders an, doch er ist ein Stück von mir. Und wenn ich den Song nach vierzig Jahren noch immer gerne spiele, muss er wirklich etwas ganz Besonderes an sich haben. Es ist seine Einfachheit. Es ist ein rundherum guter Song mit einer Blues-Basis, die absolut mir entspricht und die jeder versteht. ‚Black Magic Woman‘ ist das einzige Stück, das ich in meiner Zeit bei Santana nur einmal gesungen habe. Mit anderen Worten: Ihr hört, was ich beim ersten Mal gesungen habe. Ich habe absolut nichts daran geändert. Ich habe zwei Strophen gesungen, dann ging etwas im Studio kaputt, was sie reparieren mussten. Vielleicht zwanzig Minuten später kam ich zurück, sang die letzte Strophe und das war‘s“.

Gábor Szabó – mit „Gypsy Queen“ (1966)
Für „nie arrangiert“ ist das Arrangement herausragend. Besondere Aufmerksamkeit verdient die zwölfsekündige Brücke zu „Gypsy Queen“, die es in sich hat. Großartig ist etwa, wie David Brown mit seinem Bass entspannt den Tempowechsel begleitet. Der Bass-Lick aus acht absteigenden Tönen am Ende von „Black Magic Woman“ stammt aus dem Original von „Gypsy Queen“ auf dem Album „Spellbinder“, wo Szabó ihn zum Ende hin dreimal in ähnlicher Weise seiner Gitarre entlockt.

Jimi Hendrix – mit „3rd Stone from the Sun“ (1967)
Noch während der Bridge und genau einen Takt, bevor Carlos das „Gypsy Queen“ anstimmt (ab 3:43), startet ein anhaltender Groove wie bei „3rd Stone from the Sun“ von Jimi Hendrix. Es ist die Passage auf dem Hendrix-Album „Are You Experienced?“ mit dem treibenden Bass von Noel Redding und dem filigranen Schlagzeug von Mitch Mitchell (ab 2:30). Jahre später bestätigt Carlos: „‚Gypsy Queen‘ ist purer Gábor Szabó mit einem bisschen Jimi“. Wobei man darüber diskutieren kann, ob der Grundrhythmus in Santanas „Gypsy Queen“ sich eher an Gábor Szabós Vorlage oder ebenfalls an „3rd Stone from the Sun“ orientiert. Tatsächlich ist es wohl ein Mix von beidem – und beides passt unglaublich gut zusammen. Mir scheint, dass der Groove mit Reddings Basslauf nach der Bridge einfach von David Brown beibehalten und Szabós Melodie hinzugefügt wird. Und die feinziselierten Drum Pattern von Mitchell teilen nun Congas, Timbales und Schlagzeug gekonnt untereinander auf. Carabello, „Chepito“ und Shrieve – jeder erhält seinen eigenen Einsatz. Das Ergebnis ist jedenfalls richtig stark und unterstreicht die Klasse und den Teamgeist dieser Percussionsection. Je mehr ich mir dieser feinen Details bewusstwerde, desto größer wird mein Respekt vor der kreativen Leistung der Santana-Musiker und desto mehr schätze ich dieses Meisterwerk.