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Sonntag, 1. Februar 2026

Wie James Mingo Lewis bei Santana landete

1971 zerbrach die Santana-Band, die wir vom Woodstock-Festival und den ersten drei Alben kennen, an internen Streitigkeiten. Im September und Oktober gab es tatsächlich einige Konzerte ohne Carlos Santana. Dann kehrte er zurück und David Brown (Bass) und Michael Carabello (Congas) wurden gefeuert. Santana ohne Congas funktionierte natürlich genauso wenig wie Santana ohne Carlos.

Mingo Lewis – Flight Never Ending (1976)
In dieser misslichen Situation – mit Carlos, aber ohne Congas – befand Santana sich im Oktober 1971, als mehrere Konzerte im New Yorker Madison Square Garden anstanden. Der damals 17-jährige James Mingo Lewis, in dessen Elternhaus bekannte Musiker wie Miles Davis und Thelonious Monk ein- und ausgingen und ihn schon früh prägten, erzählt in einem Interview (ab 5:38), was an jenem denkwürdigen 14. oder 15. Oktober geschah:

„Zu der Zeit arbeitete meine Mutter im Madison Square Garden. Ich war dort und wollte eigentlich etwas Geld verdienen, um am Abend einen Latin-Club besuchen zu können. Und sie sagte ‚Hey, ich habe zwei Eintrittskarten. Willst du mit einem deiner Freunde Santana sehen?‘ Das Lustige ist, dass ich gar nicht hinwollte. Aber mein Freund sagte: ‚Lass uns unbedingt hingehen. Es wird großartig!‘ Denn er kannte den Woodstock-Film und fand die Idee cool. Ich ließ mich überreden, wenigstens für einen Teil des Auftritts zu bleiben, wollte anschließend jedoch in den Latin-Club gehen und das wahre Ding erleben. Also gab sie uns die Tickets und wir waren zeitig vor Ort. Wir schauten uns um und sahen uns das Setup auf der Bühne an. Doch da standen keine Congas, keine Timbales, nur ein Schlagzeugset. Ich fragte meinen Freund, ob er sicher sei, dass sie Perkussionisten in der Band haben, denn da stünden keinerlei typische Instrumente.

Das hörte eine Frau, die auf der Bühne Fotos vom Setup machte. Sie klärte uns auf, dass die Perkussionisten gerade gekündigt hätten. Mein Freund wies auf mich: ‚Hey, er kann Congas spielen!‘ Sie sah mich an und fragte: ‚Bist du ein Congaspieler?‘ Ich meinte: ‚Ja, so die Art …‘ Und sie: ‚Wartet mal kurz.‘ Sie ging und holte den Promoter des Konzerts. Wir schauten uns weiter um … waren halt neugierige Jugendliche. Der Promoter kam und stellte viele Fragen, auch ob ich Congas spiele. Dann wollte er meine Hände sehen. Die waren arg mitgenommen, denn ich übte sehr viel. Und er: ‚Es sieht wirklich aus, als wärst du ein Hand-Drummer. Warte einen Moment … ich muss mal eben telefonieren. Meinst du, spielen zu können?‘ Ich sagte: ‚Nein, ich will nicht spielen.‘ Doch mein Freund beharrte: ‚Ach was, er ist echt gut. Er kann spielen!‘ Und so rief er Carlos und den Tourmanager Ron Estrada und die anderen Leute im Hotel an und sagte ihnen, dass da ein 17-jähriger Junge sei, der meine, Congas spielen zu können.

Sie wollten das prüfen, denn andernfalls hätten sie das Konzert und die beiden Shows am nächsten Tag womöglich absagen müssen. Also kamen sie, nahmen mich mit nach hinten, wo einige richtig schöne Instrumente standen, und baten um eine Kostprobe. Ich schnappte mir fünf oder sechs Congas und begann zu spielen. Offenbar waren sie beeindruckt, tuschelten miteinander und fragten mich, ob ich ihre Songs kenne. Ich kannte keinen davon. Sie waren recht erstaunt und irritiert. Und Michael Shrieve meinte: ‚Lasst uns doch kurzerhand die Rhythmen aufschreiben.‘ Sie fragten mich, ob ich spielen wolle und ich entschied: ‚Werde ich wohl. Nun bin ich schon mal hier, da kann ich genauso gut auch spielen.‘ Sie notierten also für jeden Song die Rhythmen, brachten die Congas nach draußen und zehn Minuten später schritten wir auf die Bühne und ich begleitete sie vom ersten Stück an.

Nach vielleicht 45 Minuten trat Carlos zu mir und sagte: ‚Du bist dran!‘ Das werde ich nie vergessen, denn er spielte Gitarre in ‚Soul Sacrifice‘. Plötzlich sollte ich dran sein und wunderte mich, was er damit meint. Alle hörten auf zu spielen. Auch ich hörte für eine Sekunde auf und da merkte ich, oh Shit, es ist mein Solo! Also legte ich los. Und das Verrückteste ist, dass sie von der Bühne gingen und mich ganz alleine ließen. Du meine Güte, was sollte ich jetzt machen? Ich spielte und spielte und fragte mich, wo zur Hölle sind sie alle? Niemand kam zurück und so lief es wohl zehn Minuten lang. Schließlich hörte ich einfach auf. Da erschienen sie wieder und das Publikum begann zu rasen, erhob sich und es gab Stehende Ovationen. Am Ende der Show sagten Sie: ‚Wir wollen uns bei diesem jungen Mann bedanken – wie ist noch dein Name?‘ Ich sagte ihnen meinen Namen und meine Mutter, die im Publikum saß, konnte es nicht glauben.

Nach dem Konzert ging es im Hotel weiter und sie fragten mich, ob ich morgen erneut dabei sein wolle und ich sagte, vielleicht. Am nächsten Tag rief ich sie an und fuhr zur Show und es war wieder genauso. Am Morgen darauf riefen sie bei meiner Mutter an und sagten, sie wollen mich mit auf Tour nehmen und ich solle zur Band gehören – ob das für sie okay sei. Und sie sagte, das sei meine Entscheidung. Das war‘s. Fortan war ich mit Santana unterwegs. So lief es zwei oder drei Jahre. Dann wechselte ich zu Chick Coreas Band Return to Forever.“

Auf den drei Alben „Carlos Santana & Buddy Miles! Live!” (1972), „Caravanserai“ (1972) und „Carlos Santana & Mahavishnu John McLaughlin – Love Devotion Surrender“ (1973) begleitete er Santana.

Anschließend machte James Mingo Lewis als Session-Musiker weiter. Unter dem Namen Mingo Lewis produzierte er 1976 das Soloalbum „Flight Never Ending“ und spielte für einige Jahre bei Al Di Meola, The Tubes und anderen.

Doch das Schicksal meinte es nicht besonders gut mit ihm. Zum Schluss schlug er sich als Obdachloser durchs Leben. Nun ist sein Flug beendet. James Mingo Lewis starb am 27. Januar 2026 im Alter von 72 Jahren.

Dienstag, 11. Oktober 2022

50 Jahre Caravanserai

Am 11. Oktober 1972 – heute genau vor 50 Jahren – erschien das wunderbare Album „Caravanserai“ von Santana. Aus diesem Anlass möchte ich einige Passagen aus meinem Buch „Sechs Jahrzehnte SANTANA zitieren:

Bereits das Zirpen am Anfang von „Eternal Caravan Of Reincarnation“ löst angenehme, entspannende Gefühle aus, denn es vermittelt die Stimmung sommerlicher Wärme (vor allem, wenn hier im Norden trister Winter herrscht). Erst nach 34 Sekunden steigt Hadley Calimans Saxophon ein und unterstreicht diesen ruhevollen Eindruck, gefolgt von Tom Rutleys akustischem Bass. Daraus entwickelt sich ein jazziger Titel, der sanft vor sich hin swingt. Neal Schon zupft verträumte Akkorde. Carlos und James Mingo Lewis sorgen für leise Percussion – Chimes und Glöckchen lassen ein wenig von „Singing Winds, Crying Beasts“ [von „Abraxas“] durchschimmern. Und Michael Shrieve schafft mit seinen wunderbar zurückhaltend und doch abwechslungsreich gespielten Drums und Cymbals eine gewisse Struktur.

Original Album (1972)
Die Anregung für diesen Einstieg stammt vom atmosphärischen Eröffnungssong „Astral Traveling“ von Pharoah Sanders‘ Album „Thembi“. Hier sind ebenfalls Naturgeräusche hineingemischt. Carlos spricht mit dem Toningenieur Glen Kolotkin über seinen Wunsch, das Album mit Naturklängen beginnen zu lassen. Kolotkin: „Da hab‘ ich genau das Richtige – in meinem Garten geht ein Grillenchor ab. Du glaubst gar nicht, was für einen Lärm die veranstalten“. So kommen diese winzigen „Musiker“ zu ihrem ersten Engagement von immerhin fast zwei Minuten. Allerdings beansprucht Michael Shrieve die Idee gleichermaßen für sich. „Ich wollte Zikaden und den Klang nächtlicher Stille am Anfang der Platte haben. (…) Dann ließ ich Hadley Caliman für geraume Zeit spielen, einfach Harmonien und solche Dinge, die ich zu dem bearbeitete, was ihr hört. Allein dieses kleine Saxophon-Intro brauchte mehr als zwanzig Schnitte. Man musste das Band per Hand schneiden – Pro-Tools gab es noch nicht. Als Nächstes bestimmen Tom Rutleys Bass sowie die jazzig schwellenden Becken und sachte Metallklänge den Sound und Wendy Haas kommt rein am Fender Rhodes Piano mit Vibrato …“.

Digitally Remastered Edition (2003)
Clive Davis von Columbia Records hält das Album für Karriere-Selbstmord und versucht, Carlos zu überreden, „mit der Band eine andere Richtung einzuschlagen. Aber wir hatten ‚Caravanserai‘ vollendet, und es war zu spät, das Ruder herumzureißen. ‚Sorry, aber ich muss einfach fragen‘, sagte Clive. ‚Warum willst du das machen?‘ Ich muss hinzufügen, dass er geduldig und kein bisschen aggressiv war, einfach sehr nett. Ich fragte: ‚Warum will ich was machen?‘ Er sagte ‚Also, eins ist doch glasklar: Auf diesem Album ist weit und breit keine Single zu finden. Es ist nichts drauf, was im Radio ein Hit werden könnte. Man könnte meinen, ihr kehrt euch selbst den Rücken zu. Der Jazz ist großartig, aber es gibt bereits einen Miles Davis und einen Weather Report. Warum seid ihr nicht einfach Santana?‘ ‚Es bleibt, wie es ist, Mann‘, sagte ich. ‚Es ist ein Gesamtkunstwerk. Das ganze Ding ist eine Single‘“.

Hybrid-SACD (2011)
Carlos weiß selbst, dass das Album ein Drahtseilakt ist. Indes … „Ich muss die Musik spielen, die aus meinem Herzen kommt. Nachdem ich ‚Caravanserai‘ fertig hatte, nach den ersten drei Alben, haben einige Leute es schlecht gemacht. Jahre später haben viele von ihnen zugegeben, dass es sie lehrte, Musik auf eine andere Weise zu hören. Es war seiner Zeit voraus, aber ich kann nicht auf alle warten. Um dich weiterzuentwickeln, musst du eine Gelegenheit ergreifen und von allem lernen. Die Kritik interessiert mich nicht wirklich“.

Siehe auch: 50 Jahre „Song Of The Wind“ und Die Bedeutung des Albumtitels

Donnerstag, 5. Mai 2022

50 Jahre „Song Of The Wind“

Am 5. Mai 1972 – heute vor genau 50 Jahren – wurde der „Song Of The Wind“ für das vierte Santana-Album „Caravanserai“ aufgenommen. Alle anderen Titel waren längst im Kasten, als die Musiker sich an dieses Stück machten. Es ist die Krönung eines herausragenden Albums.


Schlagzeuger Michael Shrieve erzählt: „Carlos und Neal spielten wunderbar und waren sehr glücklich über ihre Ergebnisse. Üblicherweise fängst du bei den Aufnahmen mit den Basic Tracks an, also mit Schlagzeug und Bass. Danach brauchst du kein Schlagzeug mehr. Der Gitarrist, der Sänger oder wer auch immer können auf dieser Grundlage ihre Soli verbessern. Und am Ende des Abends im Studio hatten sie so unvergleichliche Sachen aufgenommen, dass ich dachte ‚Wow, ich hätte mit ihnen spielen sollen‘. Und ich war fest entschlossen, dies zu tun. Doch es ging nicht. Ohne Computertechnik kannst du das eigentlich nicht machen. Denn wenn du die Basic Tracks versaust, kannst du die komplette Aufnahme ruinieren. Nachdem alle gegangen waren sagte ich also zum Toningenieur: ‚Ich werde die ganze Nacht lang daran arbeiten. Ich übe, wie ich spielen möchte zu dem, was Carlos und Neal bereits hingelegt haben. Also sei morgen früh hier und lass es uns machen‘. Ich habe das niemandem aus der Band erzählt. Glen Kolotkin war sehr besorgt, denn wenn ich es vergeigt hätte, hätten sie wohl ihn beschuldigt, obwohl ich es verdient hätte. Er meinte: ‚Bitte Michael, mach das nicht‘. Ich antwortete nur: ‚Sei morgen früh hier. Ich sage dir, wann.‘ Ich arbeitete die Nacht durch und sagte: ‚Schmeiß das Aufnahmeband an‘ und legte los. Ich fügte meinen Teil zu dem hinzu, was sie zu den vorhandenen Basic Tracks gespielt hatten. Und es wurde großartig“. So folgt beim „Song Of The Wind“ also das Schlagzeug den Gitarren – und nicht umgekehrt, wie eigentlich üblich.


Shrieve versuchte, im Stil von Jack DeJohnette wie bei „First Light“ mit Freddie Hubbard zu spielen, einem Song, den auch Carlos schätzt. In seinem 8 x 10 Fuß kleinen, schallgedämmten Übungsraum zuhause in der Bay Street feilte er also die Nacht hindurch an einem ausdrucksstarken Spiel. Seine damalige Lebensgefährtin Wendy Haas erklärte ihn für verrückt. Gewiss mit einem Augenzwinkern – schließlich ist sie selbst Musikerin (und auf diesem Album am Piano ebenfalls dabei).

Und Carlos‘ Freundin (und spätere Frau) Deborah: „Ich hörte ‚Song Of The Wind‘ immer und immer wieder und versuchte zu ergründen, welche Gitarre Carlos und welche Neal Schon spielte. Es fühlte sich an, als würde ich fliegen, als sie sich mit ihren Soli abwechselten. Die Musik schwebte mit Schichten aus Rhythmus und Melodie, wie ich sie noch nie zuvor gehört hatte“.


Für mich ist dieser Song ein zeitloses Meisterwerk, bei dem man jedes Instrument einzeln genießen kann und der nie langweilig wird, weil es darin so viel zu entdecken gibt. Am besten entfaltet er sich, wenn man ihn im Anschluss an die vier Titel davor hört. „Eternal Caravan Of Reincarnation“, „Waves Within“, „Look Up (To See What’s Coming Down“, „Just In Time To See The Sun“ und „Song Of The Wind“ fließen nahtlos ineinander und schaffen eine Stimmung, in der das Lied des Windes einfach nur verzaubert …