Freitag, 16. August 2019

Zu Santanas 50-jährigem Woodstock-Jubiläum

Es war der 16. August 1969, also heute vor genau fünfzig Jahren. Am zweiten Tag des legendären Woodstock-Festivals, einem Samstag, spielte Santana ab 14 Uhr – früher als geplant. Die chaotischen Zustände zwangen die Veranstalter zu kurzfristigen Verschiebungen, weil Künstler einfach nicht pünktlich eintrafen.

„Wir kamen per Hubschrauber an und organisationstechnisch war es ein Katastrophengebiet“, erzählt Carlos über das Festival. „Jeder, der etwas zu essen hatte, teilte es. Alle Schnellstraßen im Umkreis von ungefähr 80 Kilometern waren gesperrt. Es war wie in einem Orson-Welles-Film, wenn die Zeit stillsteht. Überall auf den Schnellstraßen parkten Autos. Die Normalos der Welt sind bis heute schockiert, dass so etwas stattfinden konnte. Und ohne Krawalle. Wir kamen etwa um elf Uhr morgens an, und zuerst sah ich Jerry Garcia. Wir blickten beide über dieses Meer aus lebendigen Leibern. ‚Mann, sieh dir das an.‘ Ich sage: ‚Einfach unglaublich.‘ Er sagt ‚Ich glaube, so was gibt’s nie wieder. Es heißt, das sind 450.000.‘ ‚Wow.‘ ‚Wann spielst du?‘ Ich sage: ‚Eigentlich sind wir so um vier Uhr nachmittags dran.‘ ‚Wir sollen nach euch spielen und gehen nicht vor zwei Uhr morgens rauf. Ihr werdet wohl nicht vor Mitternacht spielen.‘ So kam eins zum anderen, und ich nahm ein bisschen Meskalin. Ich dachte mir: ‚Wenn ich es jetzt nehme, bin ich wieder unten, wenn ich spielen soll und dann ist alles ok‘, so ungefähr. Ganz falsch! Kaum hatte ich es genommen und kam auf den Trip, sehe ich ein Gesicht vor mir, das mir sagt: ‚Ihr müsst jetzt auf die Bühne. Wenn ihr jetzt nicht spielt, dann überhaupt nicht, klar?‘“ (in: Woodstock. Chronik eines legendären Festivals, S. 122)

„Wir widersprachen nicht, wir griffen einfach nach unseren Instrumenten und gingen auf die Bühne. (…) Ich tat eben die ersten Schritte im ersten Stadium des LSD-Trips, in dem die Dinge schmelzen, wenn du sie betrachtest. Doch ich hatte schon früher im Drogenrausch gespielt, darum war ich mir sicher, dass ich es schaffen würde. Ich nahm die Gitarre und schloss sie an, aber ich weiß noch, dass ich dachte: ‚Was jetzt kommt, wird nicht das sein, was ich wirklich kann.‘ Wenn ein Trip plötzlich beginnt, gehst du mit Warpgeschwindigkeit auf die Reise, und die winzigsten Dinge nehmen kosmische Proportionen an. Auch das Gegenteil ist möglich, und auf einmal ist alles gleich groß. (…)

"The Woodstock Experience" – Box mit 2 CDs und Poster
Als wir die Bühne betraten, sahen wir, dass sie uns ganz nahe beieinander aufgestellt hatten. Das war großartig, weil wir das von zu Hause kannten. Unsere Roadies waren also durchgekommen. Ich glaube, das war das Beste, was uns an diesem Tag passierte: Wir konnten einander wirklich sehen und spüren und verirrten uns nicht. Dann kündigte uns jemand an, und wir sahen die riesige Menge vor uns. Unser Album sollte erst in der folgenden Woche herauskommen, und ‚Jingo‘ lief noch nicht im Radio. Wer nicht aus der Bay Area stammte oder für Columbia Records arbeitete, hatte also noch nie von uns gehört. Es war eine Sache, vor einer so gewaltigen Menschenmenge zu spielen, aber eine andere, ihr völlig unbekannt zu sein. Doch ich hatte andere Gedanken im Kopf.

Der Rest unseres Auftritts spielte sich wie im Nebel ab – im dicken Nebel. (…) Ich war high und dachte: ‚Gott, ich bitte dich nur um eines: dass ich im Takt bleibe und sauber spiele.‘ Ich konzentrierte mich auf die üblichen Gegenstände, die mir halfen, im Einklang mit der Band zu bleiben: Bass, Hi-Hat, kleine Trommel und Basstrommel. ‚Denk nicht an die Gitarre‘, sagte ich zu mir. ‚Beobachte sie nur.‘ Sie verwandelte sich in eine elektrische Schlange, die sich drehte und wand. Das bedeutete, dass die Saiten sich lockern würden, wenn ich die Gitarre nicht gerade hielt. Immer wieder befahl ich der Schlange, sich nicht zu bewegen, und betete dafür, dass sie sich nicht verstimmte.

Später sah ich mich auf Fotos und im Woodstock-Film. Die Grimassen, die ich beim Spielen schnitt, erinnerten mich daran, dass ich versuchte, die Schlange zum Stillhalten zu zwingen. (…) In Woodstock spielten wir nur fünfundvierzig Minuten, aber es fühlte sich doppelt so lange an. Jeder Ton, den ich spielte, schien als Blutkörperchen zu beginnen, das in einer Ader durch meinen Körper floss. Mir war, als spiele sich alles langsam ab; ich spürte, wie die Musik in mir aufstieg und aus meinen Fingern floss. Ich schaute zu, wie ich auf der Gitarre einen Ton anschlug und wie die Schwingung in den Tonabnehmer eindrang und sich durch die Schaltung im Inneren des Instruments und das Kabel bis in den Verstärker ausbreitete, dann durch dessen Lautsprecher ins Mikrofon und durch das Kabel in die großen Lautsprecher an der Seite der Bühne und von dort hinaus in die Menge und auf den Hügel hinauf, wo sie abprallte und als Echo zurück zur Bühne kam.“

An die erste Hälfte des Auftritts kann Carlos sich absolut nicht mehr erinnern. „‚Fried Neckbone‘ spielten wir als Zugabe, das weiß ich noch genau. Und natürlich ‚Soul Sacrifice‘, das auch im Film zu hören und zu sehen ist. Ich höre heute noch die Menge schreien und klatschen. Ich ging von der Bühne und drehte mich um. Gregg [Rolie] war noch oben, und seine Siegermine schien zu sagen: ‚Ja! Wir haben’s geschafft!‘ Dann fing Bill [Graham] seinen Blick auf und bedeutete ihm, sich noch einmal umzudrehen, als wolle er sagen: ‚Nicht so schnell – schau dir die Menge an. Genieß diesen Moment!‘ Gregg drehte sich um und machte ein Gesicht wie ein kleines Kind – total verzückt. Ich drehte mich ebenfalls um und machte es ihm nach. Ich glaube, Bill war vermutlich stolzer auf uns als wir selbst, weil wir alle ein wenig verstört waren“ (in: Der Klang der Welt, S. 222 f.).

CD mit dem kompletten Auftritt von Santana in Woodstock
Ich werde mir heute Abend natürlich den kompletten Mitschnitt des Santana-Auftritts in Woodstock anhören …

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