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Freitag, 28. August 2026

Santana – Amigos (1976)

Das Santana-Album „Amigos“ feiert in diesem Jahr sein 50-jähriges Jubiläum. Nach mehreren Ausflügen in Jazz- und Jazzfusion-Gefilde und dem Streben nach spiritueller Erfüllung kehrte Santana zu kommerziellen Songs zurück. „Manchmal musst du dich verlieren, um dich zu finden“, meinte Carlos Santana später. „Wenn du dann einmal so weit draußen warst, merkst du plötzlich, dass die Top Ten sich ziemlich gut anhören.“


Gleich beim ersten Song „Dance Sister Dance“ macht Santana ernst. Die Band hält sich nicht lange mit Vorgeplänkel oder einem Intro auf, sondern springt mitten hinein, als würde der Song schon längst laufen und nur der Regler hochgezogen. Das auf über acht Minuten ausgedehnte, mitreißende „Dance Sister Dance“ ist eine fantastische Nummer, von der wir über die Jahre noch gewaltige Liveversionen hören werden.


Das vom Congaspieler Armando Peraza geschriebene „Gitano“ ist ein echter Knaller, bei dem die akustische Gitarre ruhig beginnt und noch nicht ahnen lässt, was gleich geschehen wird. Denn sehr bald entwickelt sich ein feuriges, flamencoartiges und von fröhlicher Percussion untermaltes Stück. Die Spielfreude springt dem Zuhörer förmlich entgegen. Perazas rauchige Stimme macht das Stück noch würziger. Es ist vielleicht das beste Stück, das Armando Peraza je geschrieben hat. Vor allem wird es von ihm und Santana extrem berauschend präsentiert. Sei daran erinnert, dass Armando bereits in den späten Fünfzigerjahren Songs für George Shearing komponierte und 1968 das Soloalbum „Wild Thing“ veröffentlichte.


Das von langgezogenen Gitarrentönen geprägte „Europa“ – auf einer Stufe mit „Samba Pa Ti“ einzuordnen – ist das dritte Highlight dieses Albums. Es wird uns – wie „Dance Sister Dance“ – noch in manchem Konzert viel Freude bereiten. Beide unterstreichen Carlos‘ Ruf als Melody Man. Und Gato Barbieri mit seinem Saxophon lässt sich umgehend zu einer Coverversion von „Europa“ inspirieren, die zu einer seiner erfolgreichsten Aufnahmen wird und von der Carlos überaus begeistert ist.


Alles in allem steht „Amigos“ auf den drei Säulen „Dance Sister Dance“, „Gitano“ und „Europa“, die zu den ewig besten Stücken von Santana gehören. Der Rest fällt ein wenig ab, was jedoch leicht zu verschmerzen ist.


Die Covergestaltung wurde Tadanori Yokoo anvertraut, dem wir schon das spektakuläre Artwork von „Lotus“ verdanken – es war sein zweiter Streich von vieren für Santana.

Freitag, 17. Februar 2023

Carlos Santana & Bill Laswell – Divine Light (2 LPs 2023)

Lange her sind die Kollaborationen von Carlos Santana mit John McLaughlin (1973) und Alice Coltrane (1974). Über beiden Alben schwebt der Geist von John Coltrane, einem der größten Vorbilder des Gitarristen. Carlos betont dies immer wieder, so auch in seiner Dankesrede nach der Verleihung der Grammy Awards im Februar 2000. Vielleicht gibt er damit den entscheidenden Impuls für Columbia, ihr Archiv für den einschlägig bekannten Bill Laswell zu öffnen und ihm Zugriff auf die Mastertapes zu gewähren … für wunderbare Soundbasteleien, mit denen er die beiden so unterschiedlichen Alben zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügt. Die CD erscheint 2001 (mehr darüber in meinem Buch „Sechs Jahrzehnte SANTANA“).



Am 17. Februar 2023 wird „Divine Light“ erstmals auf Vinyl (2 LPs) veröffentlicht, und zwar als Limited Numbered Edition auf „180 Gram Orange & Black Marbled Vinyl“ in einer Hochglanz-Klapphülle. Davon werden nur 1.500 einzeln durchnummerierte Exemplare hergestellt. Nummer 667 landet in meiner Sammlung.



Kleine Randnotiz: Bei meinem Händler ist von „Yellow, Red & Black Marbled Vinyl“ die Rede. Wenn man genau hinschaut, sieht man hier und da auch Gelb und Rot in der Vinylmasse. Doch vermutlich wurde der Vinylteig zu gut gerührt, so dass die beiden Farben stark vermischt sind. Daher kündet der Aufkleber auf dem Album von orange und schwarz marmoriert, was dem tatsächlichen Eindruck eher entspricht.




Während man auf der CD die ineinander übergehenden Remixe am Stück genießen kann, verteilen sich hier die neun Titel auf vier Seiten, werden also dreimal unterbrochen. Vinyl-Freunde wollen es nicht anders und erfreuen sich dafür am haptischen Erlebnis des Plattenumdrehens.


Das besondere Design der CD, deren Hülle wie eine Blüte in vier Richtungen geöffnet werden muss, wird bei der Vinyl-Ausgabe nicht reproduziert. Dafür sind die Abbildungen allesamt viel größer. Vor allem das schmale, hochformatige Bild im Inneren der Klapphülle kommt dadurch schön zur Geltung. Wer sich dabei an „Lotus“ (1974) erinnert fühlt … beide Alben wurden vom japanischen Künstler Tadanori Yokoo gestaltet.

Montag, 8. Januar 2018

Santana – Lotus (Complete Edition 2017)

„Lotus“, das legendäre Livealbum von Santana aus dem Jahr 1974, aufgenommen am 3. und 4. Juli 1973 in Osaka, ist aufgrund seiner spektakulären Gestaltung durch Tadanori Yokoo seit jeher ein Juwel für Fans und Sammler. Am 6. Januar 2017 kommt für Sound-Feinschmecker eine Hybrid-SACD des Albums auf den Markt – im Quadrophonic-Mix als limitierte und nummerierte Doppel-CD mit schlichter Ausstattung. Das geht auch besser. Am 28. April 2017 erscheint „Lotus“ als Complete Edition in Japan als Dreifach-Hybrid-SACD in einer ähnlich üppigen Aufmachung wie die Legacy Edition (2006). Dazu gehören die verkleinerten Faltposter des ursprünglichen LP-Sets, ein verkleinertes Tour-Book (in dem Sänger Leon Thomas noch nicht vorgesehen ist – er muss recht kurzfristig zur Band gestoßen sein), der Reprint einer Eintrittskarte vom 4. Juli 1973 sowie ein 64-seitiges Booklet mit vielen Fotos und (leider) japanischen Texten, unter anderem von Tomoo Suzuki und Tadanori Yokoo. Mit 18 x 18 cm fällt dieses Ensemble ungewöhnlich großformatig aus. Vor allem enthält es sieben bislang unveröffentlichte Songs – das sind insgesamt rund 35 Minuten mehr: „Japan“, „Bambele“ und „Um Um Um“ auf CD 1, „Light Of Life“ auf CD 2 sowie „Savor“ (diesmal aber wirklich), „The Creator Has A Master Plan“ und „Conga Solo“ auf CD 3.


Der legendäre und mit zwei Grammys geehrte Toningenieur Tomoo (auch Tamoo, Tom oder Tomas) Suzuki, 1973 bereits für die Aufnahme und Abmischung des Original-Albums verantwortlich, mischt 44 Jahre später unter Verwendung der Mastertapes auch diese sieben bislang unveröffentlichten Tracks ab. Tomoo Suzuki erzählt über die Entstehung von „Lotus“, das ursprünglich nur in Japan erscheinen sollte: „Anfang der Siebziger gab es kaum ‚echte’ Aufnahmestudios in Japan, um es mal ganz unverblümt auszudrücken. Die meisten Plattenfirmen oder Labels brachten einfach ihre eigenen Aufnahmegeräte mit in die Konzerthallen. Bei CBS/Sony nutzten wir damals ein spezialangefertigtes 8-Spur-Tonbandgerät für Musikaufnahmen. Es war aber so, dass Santana ausdrücklich um ein 16-Spur-Gerät gebeten hatte und zu der Zeit gab es nur ein einziges importiertes 16-Spur-Tonbandgerät im ganzen Land. Ich fragte den Firmenpräsidenten Mr. Oga persönlich, ob ich diesen 16-Spur-Recorder verwenden und eine Funktionsprüfung durchführen dürfe. Irgendwie konnte ich ihn überzeugen und der Recorder wurde nach Osaka gebracht, damit wir den Auftritt von Santana aufnehmen konnten. Seinerzeit war es keineswegs so leicht wie heute, die schweren und kostbaren Aufnahmegeräte zu transportieren. Ich stellte gar ein Team zusammen, dessen einziger Job darin bestand, die 16-Spur-Aufnahmebänder so schnell und präzise zu wechseln wie ein Formel-1-Team Reifen wechselt“.

Für die Aufnahmen zum Album „Welcome“ sowie die Japan-Tour reiht sich Sänger und Stimmakrobat Leon Thomas bei Santana ein. Zu den zahlreichen Stationen in seiner Karriere zählen Art Blakey und Count Basie sowie später Freddie Hubbard und Joe Henderson. Leser des Magazins Down Beat wählen ihn Anfang der Siebziger mehrfach zum besten Jazzsänger. Es spricht für Santana, dass die Band immer wieder solche hochkarätigen Musiker verpflichten kann. Die warme, volle Stimme kam bislang jedoch kaum zur Geltung, da sich auf „Lotus“ recht wenige Stücke mit Gesang befanden. Mit den sieben neuen Songs ändert sich dies gründlich.

„Japan“ ist ein von Santana mit Elementen japanischer Musik gelungen angereicherter Song von R. Hayashi und T. Matsushima, dessen Lyrics allerdings ziemlich pathetisch und patriotisch ausfallen. Dem Publikum freilich gefällt er.

„Bambele“, besteht aus Chants, Percussion und einigen Keyboardeinlagen. Es wurde erstmalig auf „Viva Santana!“ veröffentlicht. Jene deutlich kürzere Version stammt ebenfalls aus 1973.

„Um Um Um“ ist ein Sammelsurium von Scatgesang und vokalen Experimenten. In einem Interview (1970) erläutert Leon Thomas: „Ich verlor alle meine Vorurteile über die Begrenzungen der menschlichen Stimme, ich lernte, mich in alle Richtungen zu bewegen und begann, alle Möglichkeiten zu hören. Am Beginn von aller Musik stand die menschliche Stimme – lange bevor es noch irgendein Instrument gab. Für das, was ich tue, gibt es eigentlich keine Bezeichnung. Ich nenne es ‚ego-less music’, denn es kommt aus den Tiefen meines Unterbewusstseins. Ein Stöhnen, ein Seufzen, ein schriller Schrei – das kann alles ausdrücken, was Menschen imstande sind, zu empfinden. Was aus meinem Unterbewusstsein kommt, darf mein Bewusstsein auf keinen Fall einengen oder begrenzen – nur kontrollieren! Ich habe auf archaische Dinge zurückgegriffen: Musik aus dem Himalaya, indische Ragas, Gesänge der Pygmäen in Zentralafrika – ‚Umbo Veti’ etwa ist ein uraltes Jagdlied. Die Pygmäen singen es, bevor sie auf Elefantenjagd gehen. Viele Weiße sagen, diese Musik sei primitiv. Aber das ist nicht wahr, sie ist sehr komplex und subtil – und zugleich gibt sie der menschlichen Stimme ungeahnte Freiheiten des Ausdrucks. Es ist die Aufgabe des Künstlers, dem Zuhörer eine neue Perspektive von dem zu vermitteln, was um ihn her geschieht, es zu kommentieren – und damit zu ordnen. Die Leute hören einem Sänger zu, wenn er es versteht, sie in ihrem Unterbewusstsein zu treffen. Das kann er aber nur, wenn er sein eigenes Unterbewusstsein weit öffnet“.

„Light Of Life“ ist eines der vier auf „Lotus“ enthaltenen Stücke, die auch auf „Welcome“ erscheinen werden, jedoch erst nach der Tournee im Herbst (2003 kommt als Bonus Track noch „Mantra“ hinzu).

Den spirituellen Song „The Creator Has A Master Plan“ begleitet Leon Thomas, der ihn gemeinsam mit Pharoah Sanders geschrieben hat, bereits auf dessen Album „Karma“ (1968) in einer sehr intensiven und mehr als halbstündigen Version. Stimmungsvoll und ergreifend ist zudem sein späteres Duett mit Louis Armstrong. Santana und John McLaughlin interpretieren den Titel 2011 in Montreux. Und wenn Leon Thomas auf der Japan-Tour schon bei Santana mitwirkt, darf dieses Stück natürlich auch hier nicht fehlen. Unverständlich und bedauerlich finde ich allerdings, dass es uns bislang vorenthalten blieb. Melodisch, zart und berührend unterstützen Keyboards, Schlagzeug, Percussion, Bass und der Hintergrundgesang der anderen Musiker Leon Thomas. Für mich bildet dieses wunderbare „The Creator Has A Master Plan“ den emotionalen Höhepunkt des Albums.

Endlich klärt sich gar das Wirrwarr um „Mr. Udo“ und „Savor“. Der bislang unter beiden Namen veröffentlichte Song heißt hier „Mr. Udo“. Dies ergibt auch einen Sinn, denn das neu enthaltene „Savor“ entspricht unverkennbar dem gleichnamigen Song vom Debütalbum. Offenbar wurde „Mr. Udo“ auf der ursprünglichen LP sowie der Legacy Edition von „Lotus“ lediglich falsch benannt. Und wer nicht genau aufpasst, bemerkt kaum das ebenfalls neue „Conga Solo“ und stellt erst bei „Toussaint L'Overture“ fest, dass er sich wieder auf bekanntem Terrain befindet.

Fazit: ich möchte diese Schmuckausgabe von „Lotus“ nicht missen. Leider muss man dafür wirklich tief in die Tasche greifen. Vielleicht erscheinen die Titel ja gelegentlich auch als Bonus Tracks auf der einfachen CD-Ausgabe…