Mittwoch, 24. Mai 2023

Ultimate Santana (2007) – Zum Gedenken an Tina Turner

Am 16. Oktober 2007 erscheint die Compilation „Ultimate Santana“. Neben sieben alten und sieben jungen Hits enthält das Album vier neue Titel.


„The Game of Love“ ist in zwei Versionen vertreten. Einmal in der bekannten Fassung mit Michelle Branch vom Album „Shaman“ (2002), für die es einen Grammy gab (Best Pop Collaboration with Vocals 2002: Carlos Santana & Michelle Branch). Und dann als Bonus Track mit Tina Turner anstelle von Michelle Branch. Welch ein Unterschied – Tina Turner kann singen! Es ist wie Sandpapier statt Seide – eine großartige Variante.

Tina Turner konnte singen. Sie starb heute, am 24. Mai 2023, im Alter von 83 Jahren nach langer Krankheit in ihrem Haus in der Schweiz.

Wie sehr Carlos die Sängerin schätzt, deutet er drei Wochen später in einem Interview an: „Gegenwärtig höre ich nur drei Sachen: Nina Simone, Etta James und Tina Turner. Ich möchte den Klang dieser Frauen in meine Gitarre kriegen. Meine Gitarre soll wie eine Frau klingen.“

Mittwoch, 17. Mai 2023

Chico Hamilton – El Chico (1966)

In meinem Buch „Sechs Jahrzehnte SANTANA“ behandle ich die Vorgeschichte Santanas und wichtige Einflüsse für die Entwicklung der Musiker ziemlich detailliert. Auf Seite 26 findet sich beispielsweise diese Passage:

Über einen gemeinsamen Freund lernt Carlos ein Album kennen, das ihn erst umhaut und dann maßgeblich prägt. „Es war ‚El Chico‘ von Chico Hamilton – das Album mit den lateinamerikanischen Perkussionisten Willie Bobo und Victor Pantoja und einem Gitarristen namens Gábor Szabó. Mir gefiel das Album auf Anhieb. Chico trug einen Torero-Umhang, und einige Songs, etwa ‚Conquistadores‘ und ‚El Moors‘, hatten spanische Titel. Ich wusste, dass Chico ein Jazz-Drummer war, aber es klang anders als jeder Jazz, den ich je zuvor gehört hatte. Die Musik klang sehr lateinamerikanisch und war obendrein mit Soul und großartigen Grooves vermischt.


Aber es war Gábors Gitarre, die mich begeisterte. Ich hörte sie und spürte, wie die Moleküle in meinem Gehirn sich ausdehnten. Sein Sound hatte eine spirituelle Dimension und öffnete mir das Tor zu anderen Welten. Man merkte, dass er eine Menge indische Musik hörte, denn sein Sound enthielt auch Bordune. Es war Trance-Musik. Er konnte die einfachste Melodie spielen und dennoch in die Tiefe gehen. Gábor war der erste Gitarrist, der mich auf die Idee brachte, über ein Thema hinauszugehen und eine Geschichte zu erzählen, die nicht nur den Titel eines Songs oder die Licks anderer wiederkäute. Gábor sorgte dafür, dass ich B. B. King, John Lee Hooker und Jimmy Reed untreu wurde. (…) ‚El Chico‘ war eine Straßenkarte, die mir zeigte, wohin ich als Nächstes gehen musste. Ich zog sofort los und holte mir Willie Bobos Album ‚Spanish Grease‘. Im folgenden Jahr kaufte ich Gábor Szabós ‚Spellbinder‘ – darauf war ‚Gypsy Queen‘ – und Bobos ‚Uno-Dos-Tres‘ mit ‚Fried Neckbones and Some Home Fries‘. Beide Songs trugen dazu bei, den Santana-Sound zu erschaffen“ (Carlos Santana: Der Klang der Welt, S. 136 f).


Auch das mitreißende „Conquistadores“ von Chico Hamilton gehört in diese Kategorie. Santana spielt eine großartige Version unter dem Titel „Conquistador Rides Again“ (8:40) auf „Live at the Fillmore 1968“.

Sonntag, 7. Mai 2023

Herbie Mann – The Complete Recordings: Part Three 1959–1962 (4 CDs 2016)

Carlos Santana erzählt in seiner Biografie von der ersten Begegnung mit Gregg Rolie im Jahr 1966 bei einer Jam-Session: „Im Bauernhaus begann ich mit der E-Gitarre. Der Orgelspieler kam zu mir rüber und wir unterhielten uns. Er hieß Gregg Rolie. (…) Ich hatte einen Joint dabei und er trank ein Bier. Wir begannen zu reden und es machte klick, noch ehe wir zu spielen anfingen. Wie sich herausstellte, war auch er ein großer Fan der Hammondorgel und wir hörten beide die gleiche schwarze Musik.

Wir jammten mit ‚Comin‘ Home Baby‘, einem Song, mit dem Herbie Mann einen Hit gelandet hatte, den ich vom Radio kannte. Es war ein Groove, nicht kompliziert, der etwa zur selben Zeit herauskam, als ‚Sidewinder‘ und andere Jazzstücke allmählich das Mainstream-Radio unterwanderten. Heute nennen wir das Crossover. Gregg hörte diese Musik ebenfalls und er konnte sich für einen Groove begeistern“ (S. 157 f).


Also suchte ich das Livealbum „Herbie Mann at the Village Gate“ (1961), weil es den Song „Comin‘ Home Baby“ enthält. Dieses Stück hatte ich bislang nur in einer kurzen Version von Quincy Jones (1970). Tatsächlich entdeckte ich die gesuchte CD. Aber ich stieß auch auf eine Box, die acht LPs des unglaublich produktiven Flötisten Herbie Mann – darunter die gewünschte – auf vier CDs enthält und günstiger war als die einzelne CD. Selbstverständlich fackelte ich nicht lange und bestellte die Box. Hier ihr Inhalt:
  1. Flautista! (1959)
  2. The Common Ground (1960)
  3. Flute, Brass, Vibes and Percussion (1960)
  4. The Family of Mann (1961)
  5. Herbie Mann at the Village Gate (1961)
  6. Brazil, Bossa Nova & Blues (1962)
  7. Right Now (1962)
  8. St. Thomas (1962)
Jeweils zwei LPs befinden sich auf einer CD. Insgesamt ergibt das 298 Minuten – also knapp fünf Stunden – kurzweiliger Musik. Und nicht nur das …


Meine Begeisterung war groß, als ich begann, die Box durchzuhören. Denn einerseits ist das erwähnte „Comin‘ Home Baby“ ein toller Song und mit 8:39 Minuten zudem schön lang. Mindestens genauso erfreuen mich jedoch die Musiker, von denen viele von Santana oder aus dem Latinjazz-Umfeld bekannt sind, nämlich zum Beispiel …

  • Carlos „Patato” Valdez (Congas/Tambora auf 1, 6, 7, 8)
  • José Luis Mangual (Bongos/Tambora auf 1, 8)
  • Johnny Rae (Marimba/Vibraphone/Percussion auf 1, 2, 3, 8)
  • Ray Barretto (Bongos/Percussion auf 2, 3, 4)
  • Michael „Babatunde“ Olatunji (Percussion auf 2)
  • Willie Bobo (Drums auf 6, 7)
  • Johnny Pacheco (Percussion auf 7)
  • Victor Pantoja (Tambora auf 8)

Das sind natürlich nur einige der beteiligten Musiker, aber klangvolle Namen in der Szene. Die Musik groovt entspannt jazzig, afrokubanisch, brasilianisch und trotz ihres Alters in transparentem Stereo-Sound. Alles in allem ist dies eine gelungene Zusammenstellung mit etlichen Standards und ganz viel Percussion.

Dienstag, 2. Mai 2023

Die seltenen Santana-Briefmarken

Kaum jemand kennt sie: die seltenen Santana-Briefmarken. Es handelt sich dabei um reguläre, individuell gestaltete Postwertzeichen der Deutschen Post mit dem Nennwert von € 2,75 für den Versand im Inland und € 7,00 für den Versand ins Ausland.

Original ca. 33 x 55 mm
Original ca. 33 x 55 mm
Die Marken sind für Briefe von 501 bis 1.000 Gramm bestimmt. Denn das Buch „Sechs Jahrzehnte SANTANA“ mit 374 Seiten wiegt rund 540 Gramm. In den Besitz einer Santana-Briefmarke gelangt, wer dieses Buch direkt beim Autor bestellt. Die Sendung wird dann mit einer exklusiven Santana-Briefmarke frankiert.


Natürlich kann man das Buch auch versandkostenfrei im Buchhandel bestellen. Dann aber ohne Briefmarke und auch nicht vom Autor signiert. Weitere Infos gibt es hier.

Montag, 17. April 2023

Michael Shrieve & Steve Roach – The Leaving Time (CD 1988)

„The Leaving Time“ ist eine Kollaboration des ehemaligen Santana-Schlagzeugers Michael Shrieve und des Ambient-Musikers Steve Roach. Wir hören entspannten und zugleich spannenden, sphärisch-dichten und zugleich treibenden Jazzrock mit gelegentlichen Einsprengseln von Gitarre, perkussiv gespieltem Xylophon und anderen Elementen. Vieles wird allerdings von Keyboards, Synthesizern oder elektronischen Drums erzeugt, so dass oft nicht klar feststellbar ist, welche der wahrgenommenen Instrumente wirklich echt sind.


Verträumt und fast ein bisschen hypnotisierend gleitet die Musik durch 45 Minuten. Ich kann sie mir gut als Soundtrack für einen Film mit Naturaufnahmen vorstellen. Am aufregendsten und als Höhepunkt kommt für mich Track 7 „Edge Runner“ daher. Das mag auch so gewollt sein. Danach folgt nämlich nur noch ein „Reprise“ des Titelsongs als kurzer Ausklang. Alles in allem ist dies ein sehr schönes, hörenswertes Album.

Der Titel „The Leaving Time” weckte in mir die Frage, ob Michael Shrieve dabei an seine Trennung von Santana nach „Borboletta“ (1974) dachte. Denn die ergab sich buchstäblich über Nacht, als Michael mit höllischen Schmerzen ins Hospital kam und sich schwor, die Band zu verlassen, wenn er nur überlebt, weil er diesen Schritt schon länger vor sich herschob. Und prompt kündigte er am nächsten Tag. „Ich weiß nicht, was mein Abgang für Carlos bedeutete. Er kam ins Krankenhaus und fragte, warum ich das mache und ich sagte ihm, dass es Zeit für mich war zu gehen. Es gab keinerlei Feindseligkeiten gegenüber Carlos. Alles, was geschah, war okay. Es war einfach die natürliche Ordnung der Dinge. Irgendwann kommt die Zeit – und das war jetzt“ (siehe „Sechs Jahrzehnte SANTANA“, S. 119). The Leaving Time, also.


In dem Zusammenhang überlegte ich auch, ob das Cover womöglich sachdienliche Hinweise verbirgt und forschte mangels Informationen in den Credits nach, was genau es zeigt. Nun … ich kann keine Verbindung erkennen. Das Cover ist ein farblich verfremdeter Ausschnitt des Gemäldes „Die Ekstase der Maria Magdalena“ vom flämischen Maler Louis Finson aus dem frühen 17. Jahrhundert.

Samstag, 15. April 2023

Stomu Yamashta‘s Go – The Go Sessions (2 CDs 2005)

1976 versammelte der japanische Perkussionist, Multiinstrumentalist und Komponist Stomu Yamashta einige renommierte Musiker um sich für ein experimentelles Projekt, welches das asiatische Brettspiel Go zum Thema haben sollte. Heraus kam eine internationale Supergroup mit Yamashta selbst, Steve Winwood (Blind Faith, Traffic), Michael Shrieve (Santana), Al Di Meola (Chick Corea & Return To Forever), Klaus Schulze (Tangerine Dream, Ash Ra Tempel) und weiteren. Wie andere Supergroups auch war sie nur kurzlebig und das Ergebnis eines glücklichen Zusammentreffens im richtigen Augenblick. Sehr bald kehrten die Beteiligten zu ihren eigenen Projekten und Verpflichtungen zurück. Gemeinsam produzierten sie drei Alben: „Go“ (1976), „Live from Paris“ (1976) und „Go Too“ (1977). 2005 veröffentlichte das australische Label Raven Records – und nur dieses – alle drei Alben auf einer Doppel-CD mit dem Titel „The (Complete) Go Sessions“.


Auf „Go“ hören wir einen bunten Mix aus getragenen Keyboard- und Synthesizer-Passagen, rockigen und funkigen Songs. Manchmal dominiert die Stimme von Steve Winwood, dann legt Al Di Meola ein Gitarrensolo hin oder Michael Shrieve und Stomu Yamashta donnern mit Schlagzeug und Percussion dazwischen. Auch Bass, Violine, Congas und Holzbläser inklusive Oboe und Piccoloflöte sowie Blechbläser tauchen gelegentlich auf.


Die Liner Notes zu „Go“ verraten uns, dass auf diesem Konzeptalbum eine Geschichte erzählt wird, die kurioserweise mit dem ersten Song der zweiten Seite (der LP – also mit „Space Requiem“) beginnt und mit dem letzten Song der ersten Seite („Space Theme“) endet. Von der Musik her ist die vorgefundene Reihenfolge jedoch schlüssig.

„Live from Paris“ gerät deutlich rockiger als „Go“ – das Konzert war mit recht viel Show und Action untermalt. Es enthält weitgehend dieselben Stücke, nur stimmt hier deren Reihenfolge ungefähr mit der erzählten Geschichte überein, weil die zweite Seite von „Go“ vor der ersten Seite gespielt wird. Der Titel „Windspin“ ersetzt „Space Theme“ und zitiert mittendrin (CD 1, Track 3, ab 8:00) eine markante Stelle aus dem von Michael Shrieve geschriebenen „Every Step of the Way“ – vergleiche die Versionen auf den Santana-Alben „Caravanserai“ (ab 2:06) oder „Lotus“ (ab 2:58).


Bei „Go Too“ ist Steve Winwood leider nicht mehr dabei, weil er sich auf sein erstes Soloalbum konzentrieren wollte. Die Stimmen von Linda Lewis und Jeff Roden können seine nicht ersetzen. Das Album fällt souliger aus und kann insgesamt mit den ersten beiden nicht ganz mithalten, wie ich finde.

Donnerstag, 6. April 2023

Chicano Power! Latin Rock in the USA 1968–1976 (2 CDs 1998)

Die Band Santana ist wohl der bekannteste Vertreter des Latinrock. Dieser Musikstil entwickelte sich in den späten Sechzigerjahren in San Francisco und anderen Großstädten der USA aus Latinjazz, Boogaloo und Soul. Es war die Musik junger Menschen mit lateinamerikanischer Abstammung – der Chicanos – und ein Ausdruck ihrer stolzen, multikulturellen Identität.


„Chicano Power!“ ist eine Doppel-CD, die eine Reihe von Latinrock-Bands der späten Sechziger und frühen Siebziger vorstellt, darunter Santana, Azteca, Malo und Sapo mit ihrer personellen Verflochtenheit.


Da ist Raul Rekow bei Sapo zu hören, Jorge Santana, Pablo Tellez, Richard Kermode, Luis Gasca, Coke Escovedo und Victor Pantoja bei Malo sowie Victor Pantoja, Coke Escovedo, Wendy Haas, Pete Escovedo und Rico Reyes bei Azteca – sie alle haben früher oder später und kürzer oder länger zu Santana gefunden. Santana besteht aus Carlos Santana, Michael Carabello, David Brown, Marcus Malone, Bob Livingston und Gregg Rolie und ist mit einem kurzen „Soul Sacrifice“ (4:53) auf dem Sampler vertreten. Als Toningenieure und Produzenten begegnen uns David Rubinson, Fred Catero und Glen Kolotkin. Aber das sind alles nur Momentaufnahmen. Raul Rekow spielte bei Malo, bevor er zu Sapo und dann zu Santana wechselte. Viele der Musiker traten etwas später bei den Fania All-Stars auf … und so weiter. Jedenfalls bekommen wir richtig heiße Musik zu hören.




Die damalige Chicano-Szene war bunt und vielfältig und konzentrierte sich auf die drei Metropolen San Francisco, Los Angeles und New York. Doch die meisten Combos blieben bestenfalls lokale Berühmtheiten, über die das 40-seitige Booklet einiges zu berichten weiß. Es erläutert zudem die sozialen Hintergründe und die Subkultur der Chicanos. Insgesamt ist dies eine sehr informative und schön aufgemachte Box im Pappschuber, die mittlerweile schon 25 Winter gesehen hat.

Donnerstag, 30. März 2023

Wie die Band SANTANA zu ihrem Namen kam

Die Anfänge von Santana liegen im Jahr 1966, als die Musiker Carlos Santana (Gitarre), Michael Carabello (Congas), Gregg Rolie (Hammondorgel und Gesang), Tom Fraser (Rhythmusgitarre), Danny Haro (Schlagzeug) und Gus Rodriguez (Bass) sich zusammentun.

Eines Tages im Februar 1967 ruft jemand aus dem Fillmore an, wie Carabello erzählt, und sagt, dass sie die Band gerne an einem Dienstagabend sehen möchten. Dienstags dürfen lokale Musiker vor Publikum spielen. Und er fragt, wie seine Band überhaupt heißt – doch sie hat noch keinen Namen. Michael überlegt schnell: „Hmmm, Carabello Band … ich weiß nicht. Wie wäre es mit Santana Blues Band?“, denn sie sind große Fans der Butterfield Blues Band. Nach Carabellos Schilderung ist der erste Bandname also eine spontane Eingebung am Telefon.

Das „offizielle“ Gründungsdatum der Santana Blues Band liegt somit im Februar 1967.

Der erste offizielle Auftritt der Santana Blues Band unter diesem Namen findet am 1. März 1967 im „The Ark“ in Sausalito statt – einem zum Tanzschuppen umgebauten Fährschiff, das vertäut im Hafen liegt. Für den zweiten Auftritt am 17. März in der Winchester Cathedral in Redwood City wird „Santana Blues“ bereits auf einem Konzertplakat angekündigt. Hier erhält die Band eine Gage in Höhe von 75 Dollar. Im Publikum befindet sich ein junger Schlagzeuger namens Michael Shrieve, der sofort den Wunsch verspürt, irgendwann bei dieser Band einzusteigen.

Am 17. Juni 1967 ist die Santana Blues Band – wie schon am Vortag – als Vorgruppe für The Who gebucht. Doch Danny und Gus sind nicht mit dem erforderlichen Engagement bei der Sache – sie kommen zu ihrem Auftritt im Fillmore zu spät, weil sie ihren Eltern noch helfen müssen. Carlos ist richtig sauer und Bill Graham kocht. Ein Jahr lang dürfen sie nicht im Fillmore auftreten. Dazu Carlos: „Die Santana Blues Band stand auf Bills schwarzer Liste. Ich konnte es nicht fassen. Ich hatte nie einen Gig verpasst! Verspätungen waren kein Teil meiner DNS. Meine Mom und mein Dad hatten mir eingebläut, was Pünktlichkeit bedeutet: eine halbe Stunde zu früh zu kommen, wenn man eine Verabredung hat. So denke ich heute noch, und meine Band weiß das“.

Die Verspätungen haben weitere Konsequenzen. So etwas geht einfach nicht! Obwohl Danny und Gus seine ältesten Freunde sind, muss Carlos sich von ihnen trennen, wenn er als Musiker vorankommen will – eine schmerzhafte Entscheidung. Auch Tom Fraser scheidet aus. Michael Carabello macht vorübergehend Platz für Marcus Malone. Das Schlagzeug übernimmt Bob Livingston und am Bass kommt David Brown hinzu.

Gregg Rolle, David Brown, Carlos Santana, Bob Livingston, Marcus Malone
(Foto aus der Legacy Edition von „Santana“)
Nach genau einem Jahr endet der Bann von Bill Graham. Als sie am 16. Juni 1968 endlich wieder im Fillmore auftreten dürfen, legen sie das „Blues Band“ im Namen ab, nennen sich fortan also einfach Santana.

1969, während der Arbeit am Debütalbum und noch vor Woodstock, verlassen Marcus Malone und Bob Livingston die Band. Michael Carabello kehrt zurück. Michael Shrieve (Schlagzeug) und José „Chepito“ Areas (Timbales und Percussion) sorgen für einen Qualitätssprung.

Die Band trägt zwar Carlos‘ Namen. Musikalischer Chef scheint freilich oftmals Gregg Rolie zu sein, dessen Hammond B3 Orgel gemeinsam mit seinem Gesang viele Songs dominiert. Seine Bedeutung kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Man muss eigentlich nur genau hinhören, um das zu erkennen. Ein Jammer, dass viele denken, Carlos hätte bei den frühen Hits gesungen – und dass sie Greggs Namen nicht einmal kennen. Das findet er selbst nicht wirklich fair. In einem Interview 50 Jahre später (2019) meint er: „Hast du irgendwelche unserer Auftritte gesehen? Warst du jemals bei einem Konzert? Es ist immer dasselbe. Wir haben uns Santana genannt, weil das ein cooler Name ist, der sich gut liest und der ausdrückt, was damals geschah. Ja, Carlos stand vorne in der Mitte. Und so dachte jeder, dass er der Chef sei. Doch das stimmt nicht. Die Band war wirklich eine Band. Deshalb klappte es so gut“.

Was wäre wohl geschehen, wenn die Band sich ursprünglich nach einem anderen Mitglied der Gruppe benannt hätte – beispielsweise The Rolies oder Carabello Band? Ich denke Carlos hat großes Glück, dass Santana seinen Namen trägt, den er einfach mitnehmen kann, als die anderen sich nach und nach aus der Band verabschieden. Das schafft Kontinuität. Und so erbt Carlos gewissermaßen den gemeinschaftlich erarbeiteten Ruhm der ersten Jahre und kann darauf aufbauen. Wäre ein anderer Musiker der Namenspatron gewesen, hätte Carlos nach dessen Abgang für seine verbleibende Formation womöglich einen neuen Namen finden müssen. Das hätte definitiv einen Bruch bedeutet und der direkte Bezug zu Woodstock und den ersten drei Alben bis zur Trennung wäre dabei verloren gegangen.

Offen gestanden bin ich froh, dass uns ein derartiger Wirrwarr erspart geblieben ist und dass die Geschichte so lief, wie wir sie kennen.

Anmerkung: In meinem Buch „Sechs Jahrzehnte SANTANA“ erzähle ich diese Geschichte noch wesentlich ausführlicher.

Montag, 6. März 2023

Wayne Shorter (25. August 1933 bis 2. März 2023)

Vor wenigen Tagen, am 2. März, verließ uns der begnadete Jazz-Saxofonist Wayne Shorter im Alter von 89 Jahren. Er war unter anderem ein wichtiger Weggefährte von Miles Davis und Joe Zawinul, mit dem er die Jazzfusion-Band Weather Report gründete. Über die Zeit mit Miles Davis, in der sie durch Meilensteine wie „Bitches Brew“ Jazzgeschichte schrieben, meinte er einmal: „Miles und ich haben in all den Jahren nie über Musik gesprochen. Und wir haben tatsächlich nicht einmal geübt“.

The Swing of Delight (CD 1980)
Spirits Dancing in the Flesh (CD 1990)
Supernatural Live (DVD 2000)
Live at the 1988 Montreux Jazz Festival (DVD/2 CDs 2007)
Hymns for Peace. Live at Montreux 2004 (2 DVDs 2007)
Corazon (CD 2014)
Wayne Shorter war auch lange mit Carlos Santana befreundet und begleitete ihn über die Jahrzehnte bei diversen Veröffentlichungen (hier alle Santana-Alben, bei denen er mitwirkte). Ihre erste Zusammenarbeit ist auf dem Album „The Swing of Delight“ (1980) dokumentiert. 1988 gingen die beiden gemeinsam auf Tour. Sie traten mehrfach beim Montreux Jazz Festival auf. Mit Santana spielte Shorter zuletzt auf dem Album „Corazon“ (2014) den intensiven Song „Yo Soy la Luz“ (Ich bin das Licht) ein. Nun ist er selbst ins ewige Licht gegangen …

Samstag, 25. Februar 2023

Orchestra Baobab – Pirates Choice (2 CDs 2001)

Das Orchestra Baobab wurde an einem Freitag im Jahr 1970 in Dakar, Senegal als Hauskapelle des dortigen Baobab Club gegründet. Die Musiker mischten afro-kubanische Musik (insbesondere den Son Cubano) mit senegalesischer Folklore, Musik aus Mali, Jazz und Weltmusik. Neben dem Gesang schafften Gitarren, Saxophone, Congas, Timbales und Schlagzeug eine gefühlvoll swingende Musik.


In den Achtzigern wurde es still um die Kapelle und sie zerbrach 1987. Die Popularität sogenannter Weltmusik in Europa und der Erfolg des Buena Vista Social Club ab 1996 ließen freilich das Interesse am Orchestra Baobab wieder steigen und bewirkten eine Reunion im Jahr 2001. Alte Songs wurden überarbeitet und in ein modernes Gewand gekleidet.


Einige Aufnahmen aus dem Jahr 1982 erschienen zunächst nur im Senegal und nur auf Cassette. Sie wurden zwischenzeitlich als Bootlegs (Raubpressungen) gehandelt. 1989 gab die Plattenfirma World Circuit sechs der Songs in Anspielung auf diesen Sachverhalt unter dem Titel „Pirates Choice“ erstmals auf CD heraus. Meine Doppel-CD aus dem Jahr 2001 enthält auf CD 1 jene Tracks, remastered von den Originalbändern. Auf CD 2 befinden sich die übrigen, ursprünglich nicht veröffentlichten sechs Songs dieser Sessions als Bonus Tracks. Es ist feine Musik zum Genießen.


Aber was hat die jetzt mit Santana zu tun? Nun … Pirates Choice … nomen est omen.

Am 25. Januar 2019 erschien von Santana eine EP mit dem Titel „In Search Of Mona Lisa“. Auslöser war ein Traum von Carlos Santana, in dem ihm die Mona Lisa erschien. Daraufhin schrieb er nach eigenen Worten den Song „Do You Remember Me“. Der bekannte Produzent Narada Michael Walden, einst Schlagzeuger des Mahavishnu Orchestra (ab Mai 2020 Drummer bei Journey) und ein alter Freund von Carlos, schlug ihm vor, den Titel im Guajira-Stil zu arrangieren. „Die Guajira ist der sicherste Weg, das Herz einer Frau zu erobern. Dann merkt sie, wie wunderbar es ist, Frau zu sein, und tanzt auf eine bestimmte Weise. Es ist ein wahrhaftiges und bewährtes Signal, bei dem eine Frau sich wie eine Blüte öffnet“.


Mit dem fast zehnminütigen „Do You Remember Me“ hören wir das Ergebnis – eine gelungene Ballade. Ihr tastender Einstieg entwickelt sich zu einem fünfminütigen Gitarrensolo. Allmählich gesellen sich Rhythmusgitarre, Keyboards, Percussion und Bass hinzu. Langsam, emotional und mit viel Percussion bringt der Song die besten Seiten Santanas zur Geltung. Und hier schließt sich der Kreis. Auch wenn Carlos die Credits erhält – Vorlage ist der seelenvolle, fast neunminütige Titel „Utru Horas“ vom senegalesischen Orchestra Baobab, komponiert von Rudolphe Gomis.