Sonntag, 1. März 2026

Neshabur und Toussaint L’Ouverture im Faktencheck

Die Compilation „Viva Santana!“ (1988) enthält neben großen Hits der Band etliche Live-Mitschnitte wie „Incident at Neshabur“. Der Song stammt ursprünglich von „Abraxas“ (1970). Diese Version wird beim Abschiedskonzert des Fillmore West am 4. Juli 1971 aufgenommen und auf dem etwas wehmütigen Konzert-Sampler „The Last Days of Fillmore“ (1972) veröffentlicht. „Viva Santana!“ präsentiert ihn nun erstmals auf einem Santana-Album.


Neshabur soll der Ort sein, an dem der haitianische Freiheitskämpfer François-Dominique Toussaint L’Ouverture die napoleonischen Truppen geschlagen hat. Und „Toussaint L’Overture“ wurde ein Stück auf „Santana III“ (1971) genannt. Mit „Toussaint L’Overture“ und „Incident at Neshabur“ widmeten die Musiker also sowohl dem farbigen Revolutionär, als auch dem angeblichen Ort seines legendären Erfolges jeweils einen Song und fühlten sich tatsächlich selbst ein wenig als Rebellen, wie Carlos Santana im Booklet zu „Viva Santana!“ erklärt.

Ich fand das spannend und wollte eigentlich nur kurz wissen, wann und wo genau der besagte Zwischenfall (Incident) bei Neshabur stattgefunden hat – um nach einer langen Recherche feststellen zu müssen, dass es den Ort ebenso wenig gab wie das erwähnte Gemetzel. Lediglich die Persönlichkeit des Toussaint L’Ouverture hat einen realen, historischen Hintergrund.

Booklet zum CD-Set „Viva Santana!“, S. 18f
Faktencheck Neshabur: Weder Landkarten, noch andere Quellen liefern Hinweise auf einen Ort namens Neshabur auf der Insel Hispaniola (Haiti und Dominikanische Republik) oder anderswo. Mangels Alternative wird der Song bisweilen mit der Stadt Nishapur im Nordosten des Iran in Verbindung gebracht, die 1221 von den Mongolen unter Dschingis Khan zerstört wurde. Doch nach Carlos’ Aussage im Booklet kann dieser Ansatz getrost verworfen werden. Bleibt als leise Hoffnung, dass Neshabur in einer Sprache wie dem Kreolischen vielleicht doch existiert und einen Ort meint, den wir unter anderem Namen kennen.

Faktencheck Toussaint: François-Dominique Toussaint L’Ouverture wurde bekannt durch den von ihm angeführten Sklavenaufstand, der 1794 im Westen und 1801 im Osten Hispaniolas die Abschaffung der Sklaverei brachte. Toussaint L’Ouverture gilt zudem als Vater der Unabhängigkeit Haitis, erlebte deren Ausrufung 1804 indes nicht mehr. Er beendete zwar die französische Herrschaft, indem er Frankreichs Abgesandte entmachtete und des Landes verwies oder verhaftete. Die napoleonischen Truppen besiegte er jedoch keineswegs. Vielmehr wurde ein napoleonisches Heer erst 1801 als Reaktion auf Toussaint L’Ouvertures Erfolge entsandt und nahm ihn am 7. Juni 1802 gefangen. Am 7. April 1803 starb François-Dominique Toussaint L’Ouverture aufgrund der elenden Haftbedingungen in einem französischen Gefängnis. Die napoleonischen Streitkräfte wurden am 18. November 1803 bei der Schlacht von Vertières im Norden Haitis geschlagen. Da war der Freiheitskämpfer jedoch bereits tot.

Booklet zum CD-Set „Viva Santana!“, S. 29
Zum Gedenken an jenen Sieg befindet sich in Cap Haïtien direkt an der Route Nationale #1 (RN #1) das Monument des Héros de Vertières. Und 2003 wurde der Flughafen der Hauptstadt Port-au-Prince in „Aéroport international Toussaint Louverture“ umbenannt.

Auch wenn die Faktenlage ernüchternd ist – die Songs „Incident at Neshabur“ und „Toussaint L’Ouverture“ (erst auf dem 2016er-Album „Santana IV – Live at the House of Blues, Las Vegas“ wird der Name mit einem U vor dem V korrekt geschrieben) gehören zu den ewigen Meisterwerken Santanas und werden gerne live dargeboten.

Sonntag, 15. Februar 2026

Das Geheimnis des „Song of the Wind“ von „Viva Santana!“ (2 CDs 1988)

Im Oktober 1988 erscheint „Viva Santana!“. Es enthält viele große Hits und diverse bislang unveröffentlichte Live-Mitschnitte von Santana. Dem Album liegt ein umfangreiches Booklet bei, in dem Carlos Santana Geschichten und Gedanken zu den von ihm ausgewählten Stücken teilt. Allerdings scheint nicht jede Information zu stimmen … und so schwebt manches Fragezeichen im Raum (mehr hier).


Eines davon betrifft den „Song of the Wind“. Er wird wohl – anders als angegeben – nicht im Frühjahr 1977 in Paris aufgenommen, denn 1977 gibt es kein Santana-Konzert in Paris. Außerdem gehört der Song in jener Zeit nicht zum üblichen Tourprogramm. Allerdings sind Ausnahmen bei Santana immer möglich. Am 14. November 1976 in Edinburgh etwa findet sich der „Song of the Wind“ sogar gemeinsam mit „Just in Time to See the Sun“ – ebenfalls von „Caravanserai“ (1972) – auf der Set List. Und besser noch … Gastmusiker sind die ehemaligen Santana- und aktuellen Journey-Mitglieder Gregg Rolie und Neal Schon, was bei vielen Fans das Herz höherschlagen lässt. Denn Santana wird auf der Europa-Etappe der „Amigos“-Tour vom 5. November bis 15. Dezember 1976 – also auch vom 5. bis 7. Dezember in Paris – von Journey als Special Guests begleitet. Daher vermute ich, dass dieser Mitschnitt tatsächlich von einem jener gemeinsamen Auftritte auf der Europa-Tour und vielleicht eben doch aus Paris stammt. Und dass wir hier Gregg Rolie und Neal Schon hören, wie 1972 im Original. Das wäre freilich ein Highlight, welches uns ruhig hätte verraten werden dürfen.

Booklet zum CD-Set „Viva Santana!“, S. 30
Auf „Caravanserai“ ist es praktisch unmöglich, die phänomenalen Gitarrensoli den beiden Gitarristen Carlos und Neal zuzuordnen. Bei dieser Version stehen wir vor derselben Herausforderung. Dennoch will ich es einmal wagen und bitte andere Fans ausdrücklich darum, mich gegebenenfalls zu korrigieren, zumal meine Theorie (dass Neal Schon und Gregg Rolie hier mitwirken) immerhin falsch sein kann. Schaut und horcht doch gerne mal in eure Archive … vielleicht kriegen wir das Geheimnis gelüftet.

Ich denke, nach wenigen Akkorden von Carlos spielt Neal sein erstes Solo von 0:25 bis 1:35. Dann übernimmt Carlos von 1:39 bis 3:48. Ab 3:49 wechselt die Gitarrenarbeit fast unmerklich wieder zu Neal. Und ab 4:44 ist deutlich zu vernehmen, dass zwei Gitarren im Spiel sind, doch da wird der Song schon ausgeblendet und läuft nur noch wenige Sekunden lang. Wow, was für ein Erlebnis!

Sonntag, 1. Februar 2026

Wie James Mingo Lewis bei Santana landete

1971 zerbrach die Santana-Band, die wir vom Woodstock-Festival und den ersten drei Alben kennen, an internen Streitigkeiten. Im September und Oktober gab es tatsächlich einige Konzerte ohne Carlos Santana. Dann kehrte er zurück und David Brown (Bass) und Michael Carabello (Congas) wurden gefeuert. Santana ohne Congas funktionierte natürlich genauso wenig wie Santana ohne Carlos.

Mingo Lewis – Flight Never Ending (1976)
In dieser misslichen Situation – mit Carlos, aber ohne Congas – befand Santana sich im Oktober 1971, als mehrere Konzerte im New Yorker Madison Square Garden anstanden. Der damals 17-jährige James Mingo Lewis, in dessen Elternhaus bekannte Musiker wie Miles Davis und Thelonious Monk ein- und ausgingen und ihn schon früh prägten, erzählt in einem Interview (ab 5:38), was an jenem denkwürdigen 14. oder 15. Oktober geschah:

„Zu der Zeit arbeitete meine Mutter im Madison Square Garden. Ich war dort und wollte eigentlich etwas Geld verdienen, um am Abend einen Latin-Club besuchen zu können. Und sie sagte ‚Hey, ich habe zwei Eintrittskarten. Willst du mit einem deiner Freunde Santana sehen?‘ Das Lustige ist, dass ich gar nicht hinwollte. Aber mein Freund sagte: ‚Lass uns unbedingt hingehen. Es wird großartig!‘ Denn er kannte den Woodstock-Film und fand die Idee cool. Ich ließ mich überreden, wenigstens für einen Teil des Auftritts zu bleiben, wollte anschließend jedoch in den Latin-Club gehen und das wahre Ding erleben. Also gab sie uns die Tickets und wir waren zeitig vor Ort. Wir schauten uns um und sahen uns das Setup auf der Bühne an. Doch da standen keine Congas, keine Timbales, nur ein Schlagzeugset. Ich fragte meinen Freund, ob er sicher sei, dass sie Perkussionisten in der Band haben, denn da stünden keinerlei typische Instrumente.

Das hörte eine Frau, die auf der Bühne Fotos vom Setup machte. Sie klärte uns auf, dass die Perkussionisten gerade gekündigt hätten. Mein Freund wies auf mich: ‚Hey, er kann Congas spielen!‘ Sie sah mich an und fragte: ‚Bist du ein Congaspieler?‘ Ich meinte: ‚Ja, so die Art …‘ Und sie: ‚Wartet mal kurz.‘ Sie ging und holte den Promoter des Konzerts. Wir schauten uns weiter um … waren halt neugierige Jugendliche. Der Promoter kam und stellte viele Fragen, auch ob ich Congas spiele. Dann wollte er meine Hände sehen. Die waren arg mitgenommen, denn ich übte sehr viel. Und er: ‚Es sieht wirklich aus, als wärst du ein Hand-Drummer. Warte einen Moment … ich muss mal eben telefonieren. Meinst du, spielen zu können?‘ Ich sagte: ‚Nein, ich will nicht spielen.‘ Doch mein Freund beharrte: ‚Ach was, er ist echt gut. Er kann spielen!‘ Und so rief er Carlos und den Tourmanager Ron Estrada und die anderen Leute im Hotel an und sagte ihnen, dass da ein 17-jähriger Junge sei, der meine, Congas spielen zu können.

Sie wollten das prüfen, denn andernfalls hätten sie das Konzert und die beiden Shows am nächsten Tag womöglich absagen müssen. Also kamen sie, nahmen mich mit nach hinten, wo einige richtig schöne Instrumente standen, und baten um eine Kostprobe. Ich schnappte mir fünf oder sechs Congas und begann zu spielen. Offenbar waren sie beeindruckt, tuschelten miteinander und fragten mich, ob ich ihre Songs kenne. Ich kannte keinen davon. Sie waren recht erstaunt und irritiert. Und Michael Shrieve meinte: ‚Lasst uns doch kurzerhand die Rhythmen aufschreiben.‘ Sie fragten mich, ob ich spielen wolle und ich entschied: ‚Werde ich wohl. Nun bin ich schon mal hier, da kann ich genauso gut auch spielen.‘ Sie notierten also für jeden Song die Rhythmen, brachten die Congas nach draußen und zehn Minuten später schritten wir auf die Bühne und ich begleitete sie vom ersten Stück an.

Nach vielleicht 45 Minuten trat Carlos zu mir und sagte: ‚Du bist dran!‘ Das werde ich nie vergessen, denn er spielte Gitarre in ‚Soul Sacrifice‘. Plötzlich sollte ich dran sein und wunderte mich, was er damit meint. Alle hörten auf zu spielen. Auch ich hörte für eine Sekunde auf und da merkte ich, oh Shit, es ist mein Solo! Also legte ich los. Und das Verrückteste ist, dass sie von der Bühne gingen und mich ganz alleine ließen. Du meine Güte, was sollte ich jetzt machen? Ich spielte und spielte und fragte mich, wo zur Hölle sind sie alle? Niemand kam zurück und so lief es wohl zehn Minuten lang. Schließlich hörte ich einfach auf. Da erschienen sie wieder und das Publikum begann zu rasen, erhob sich und es gab Stehende Ovationen. Am Ende der Show sagten Sie: ‚Wir wollen uns bei diesem jungen Mann bedanken – wie ist noch dein Name?‘ Ich sagte ihnen meinen Namen und meine Mutter, die im Publikum saß, konnte es nicht glauben.

Nach dem Konzert ging es im Hotel weiter und sie fragten mich, ob ich morgen erneut dabei sein wolle und ich sagte, vielleicht. Am nächsten Tag rief ich sie an und fuhr zur Show und es war wieder genauso. Am Morgen darauf riefen sie bei meiner Mutter an und sagten, sie wollen mich mit auf Tour nehmen und ich solle zur Band gehören – ob das für sie okay sei. Und sie sagte, das sei meine Entscheidung. Das war‘s. Fortan war ich mit Santana unterwegs. So lief es zwei oder drei Jahre. Dann wechselte ich zu Chick Coreas Band Return to Forever.“

Auf den drei Alben „Carlos Santana & Buddy Miles! Live!” (1972), „Caravanserai“ (1972) und „Carlos Santana & Mahavishnu John McLaughlin – Love Devotion Surrender“ (1973) begleitete er Santana.

Anschließend machte James Mingo Lewis als Session-Musiker weiter. Unter dem Namen Mingo Lewis produzierte er 1976 das Soloalbum „Flight Never Ending“ und spielte für einige Jahre bei Al Di Meola, The Tubes und anderen.

Doch das Schicksal meinte es nicht besonders gut mit ihm. Zum Schluss schlug er sich als Obdachloser durchs Leben. Nun ist sein Flug beendet. James Mingo Lewis starb am 27. Januar 2026 im Alter von 72 Jahren.

Montag, 26. Januar 2026

Michael Shrieve – Two Doors (2 CDs 1995)

Heute möchte ich ein weiteres Album des ehemaligen Santana-Drummers Michael Shrieve vorstellen. Eigentlich sind es zwei: „Deep Umbra“ entstand im Mai 1995 mit Shawn Lane (Guitar, Voice) und Jonas Hellborg (Bass). „Flying Polly“ wurde im November 1993 mit Bill Frisell (Guitar) und Wayne Horvitz (Organ) aufgenommen. Das sind also die beiden Türen, durch die wir hier gehen, um auf Pfaden zwischen Jazz, Rock und Fusion zu wandeln.


„Deep Umbra“ bietet mitunter recht sphärische Klänge, etwa bei „Sorcerer“. Bei „The Smiling Tarshishm“ finde ich besonders auffällig, wie langgezogene Sounds die Basis für die Drums liefern, während es meist doch eher umgekehrt ist – indem nämlich Drums die Grundlage für alles andere bilden. So wie hier ist es freilich völlig okay, weil der Schlagzeuger auf „seinem“ Soloalbum natürlich im Vordergrund stehen darf. Das differenzierte Spiel von Michael Shrieve kommt durchweg sehr klar rüber, belohnt den Hörer und erzeugt gemeinsam mit den anderen Instrumenten eine stets präsente Spannung. Anfangs fand ich die Musik ein wenig herb, irgendwie leicht schräg, und musste mich erstmal reinhören. Inzwischen jedoch gefällt sie mir richtig gut.


„Flying Polly“ ist teilweise etwas experimenteller geraten. Mehrere sehr kurze Fragmente von weniger als einer Minute und Schnipsel zwischen einer und zwei Minuten sind eher kleine Intermezzi – Ideen, die zumindest hier nicht weiter ausgebaut wurden. Ihnen stehen extralange Songs gegenüber wie das zwölfminütige „Queen Bee“. „Stella“ und „Stella (Reprise)“ kommen zusammen auch auf über zwölf Minuten und bilden vielleicht das Highlight der CD, die mich insgesamt aber weniger zu überzeugen vermag als „Deep Umbra“.

Frisell und Horvitz haben auch auf „Fascination“ (1994) mit Shrieve gearbeitet, welches ebenfalls im November 1993 in denselben Studios in Michaels Heimatstadt Seattle eingespielt wurde, vermutlich also bei ebendiesen Sessions. Während „Deep Umbra“ ungefähr auf einer Ebene mit „Fascination“ steht, wirkt „Flying Polly“ für mich ein bisschen wie Resteverwertung, ist aber trotzdem gut hörbar.


„Two Doors“ wurde auch als Reissue mit einem orientalisch anmutenden Cover aufgelegt, welches mir persönlich besser gefällt als das ursprüngliche. Es läuft unter dem Titel „Two Doors ‚In the Palace of Dreams‘“ und enthält nach meinen Recherchen nur eine CD. Die Musik scheint jedoch identisch und vollständig zu sein.