Donnerstag, 3. Dezember 2015

Brian Auger's Oblivion Express feat. Alex Ligertwood – Live in Los Angeles (2015)

Fusion – dafür ist Brian Auger seit jeher bekannt. Diesen Stil zwischen Jazz, Rock und Soul hat er in den Sechzigern mitgeprägt. Und 2013 zelebriert er ihn frisch wie eh und je, unterstützt von Alex Ligertwood (Gesang und Gitarre), der ihn bereits in den Siebzigern, nach Augers Zeit mit Julie Driscoll & Trinity, bei Oblivion Express begleitete. Ligertwood hat sich vor allem durch seine 15 Jahre bei Santana einen Namen gemacht.


Auger spielt Hammond B3 und Fender Rhodes E-Piano und lässt deren warme Sounds üppig aus dem Verstärker quellen. Wer nicht beim "Freedom Jazz Dance" zu tanzen begonnen hat, den reißt es beim treibenden Beat von "Happiness Is Just Around The Bend" vom Sitz. "Straight Ahead" kommt wesentlich funkiger daher – es geht tatsächlich sehr abwechslungsreich zu. Ligertwoods kraftvoll soulige Stimme sorgt für zusätzliche Würze, doch getragen wird die Musik von Augers intensivem Klangteppich, der immer wieder gewaltige Wellen schlägt. Elfeinhalb Minuten "Bumpin' On Sunset", im gemächlich von Karma Augers Schlagzeug bestimmten Rhythmus, lassen zwischendurch ein wenig träumen Dem folgt mit Marvin Gayes "Inner City Blues" der wohl bekannteste Titel des Albums. Yarone Levy (Gitarre) und Les King (Bassgitarre) komplettieren das Ensemble und tragen bei "Whenever You're Ready" ihren Teil zum erneut flotten Tempo bei. Einfühlsam unterstützen Schlagzeug und Kuhglocken Orgel und Gesang, als der Song in John Coltranes "A Love Supreme" mündet.

Hochklassig und kurzweilig geht es auf CD 2 weiter. Hervorzuheben ist hier das balladenhafte "I Love You More Than You'll Ever Know". Ein weiterer Höhepunkt ist die fröhliche Gitarre in der luftig-beschwingten zweiten Hälfte von "Future Pilot". Und das ausgedehnte "Compared To What" glänzt mit einem feinen Gitarren- sowie einem  mitreißenden Orgelsolo.

Die Doppel-CD "Live in Los Angeles" wurde größtenteils am 13. und 14. September 2013 im dortigen Baked Potato aufgenommen, "Future Pilot" hingegen in Riesa (Deutschland) am 10. Oktober. Herausgekommen ist ein hörenswertes Album, das für mich von Mal zu Mal besser wird. Wer nach fünf Jahrzehnten noch immer so kraftvoll spielt, muss ein großer Musiker sein.

Sonntag, 22. November 2015

Konzert in Wahlstedt – Raul Rekow zum Gedenken

Vor knapp drei Wochen ist Raul Rekow von uns gegangen. Seine letzten Konzerte gab er im Juli 2014 mit The Magic of Santana und Alex Ligertwood in Budapest und Meiningen. Gemeinsam waren sie mehrere Tage unterwegs und haben einander schätzen gelernt und Freundschaft geschlossen. Alex und Raul waren sich ohnehin seit ihrer langen Zeit (15 Jahre) bei Santana sehr verbunden.

So war es kein Wunder, dass das Konzert von The Magic of Santana und Alex Ligertwood in Wahlstedt am 21. November 2015 ganz im Zeichen des verstorbenen Freundes stand. Es war, als würde sein Geist über ihnen schweben, als sie tief bewegt seiner gedachten und ein beseeltes Spiel wie selten hinlegten. Vor allem bei "Somewhere In Heaven" floss manche Träne und Gerd Schlüters intensive Gitarrensoli hätte Carlos Santana wohl kaum besser hinbekommen.

Natürlich spürte das Publikum im Kleinen Theater, was für ein inspirierter Auftritt ihm geboten wurde. Da sprang kein Funke über, nein, sondern ein Schwarm von Sternschnuppen prasselte auf die Besucher hernieder. Immer wieder spendeten sie Szenenapplaus und zum Schluss, nach einer donnernden Version von "Jingo", lang anhaltenden Beifall. Und sie gingen nach Hause, den Refrain von "Make Somebody Happy" auf den Lippen.

The Magic of Santana – das sind derzeit Gerd Schlüter (Gitarre), Andreas Rohde (Timbales, Percussion, Gesang), Jürgen Pfitzinger (Congas, Bongos, Percussion), Pablo Escayola (Congas, Bongos, Percussion), Chris Haertel (Hammond, Keyboards), Martin "Wunz“ Hohmeier (Bass), Oliver Steinwede (Schlagzeug) sowie Olli Schröder (Gesang, Gitarre – fehlte in Wahlstedt). Alex Ligertwood war Sänger und spielte Rhythmusgitarre bei Santana von 1979 bis 1994.

Hinweis: Klicken Sie zur vergrößerten Darstellung eines der Fotos an.










Mittwoch, 4. November 2015

Raul Rekow gestorben

Am 1. November 2015 ist Raul Rekow im Alter von 61 Jahren von uns gegangen, nachdem im August bei ihm Lungenkrebs Stadium 4 festgestellt worden war. Raul spielte Congas und Percussion bei Santana von 1976 bis 2013. Damit ging für ihn ein Traum in Erfüllung, denn 1976 vertrat er den erkrankten Armando Peraza bei den Aufnahmen für das Album "Festivál". Armando kam zurück und Raul blieb in der Band – so lange wie kein anderer Musiker (außer Carlos selbst).

Für mich war Raul immer das Lächeln von Santana. Und seine Congas waren der Herzschlag dieser wunderbaren Musik. Ich möchte seiner gedenken mit einer Aussage von ihm zum Ende unseres Interviews vom 1. Juli 2014. Auf die Frage, was ihm die Percussion bedeute, antwortete er:


"Percussion ist mein Leben, meine Karriere, meine Leidenschaft. Sie ist alles für mich. Ich weiß nicht, wo ich ohne sie wäre. Sagen wir mal so: Ich glaube, egal was ich machte, ich wäre gut darin. Wie Armando, als er sich entschied, Bongos zu spielen. Das ist etwas, das ich auch meinen Kindern sage. Ihr müsst euch nicht nach mir richten. Richtet euch nach euren Vorstellungen, aber was immer ihr im Leben zu tun beschließt – seid gut darin. Findet eure Leidenschaft. Findet heraus, was ihr wirklich machen wollt. Und dann gebt euer Bestes. Wenn ihr liebt, was ihr macht, braucht ihr keinen Tag im Leben zu arbeiten. Wenn ich Straßen fegen müsste, wäre ich der beste Straßenfeger, der ich sein könnte. Und ich würde das mit Stolz und Würde machen. Es kommt nicht darauf an, was du machst – aber mache gut, was du machst. Das hab ich meinen Kindern beigebracht und sie bringen es ihren Kindern bei. Ich bin ein gutes Beispiel für sie. Darauf bin ich stolz, sehr stolz."



Das Foto zeigt Raul Rekow (rechts) mit seinem 2014 verstorbenen Freund und Mentor Armando Peraza (Bongos, links) und Graham Lear (Schlagzeug) während eines Konzerts in Hamburg 1987.

Donnerstag, 9. Juli 2015

Alex Ligertwood und Santana in Berlin 2015

Am 5. Juli 2015 gab Santana ein Konzert in der Berliner Mercedes-Benz-Arena. Auch Alex Ligertwood, Sänger bei Santana von 1979 bis 1994, war anwesend, wurde von Carlos auf die Bühne geholt und sang wie in alten Zeiten bei "Black Magic Woman/Gypsy Queen", "Oye Como Va" und "Toussaint l'Overture" (siehe das Video auf YouTube).

Carlos Santana und Alex Ligertwood (Foto: Gerd Schlüter)

Wie kam es zu diesem überraschenden Ereignis?

Alex besuchte das Konzert gemeinsam mit Gerd Schlüter, dem Gitarristen von The Magic of Santana. Vor dem Konzert wurde Alex von Karl Perazzo (Timbales und Percussion bei Santana) herzlich begrüßt und in den Backstagebereich geführt. Dort erhielt er einen VIP Pass umgehängt und wurde in Carlos Santanas Garderobe eingeladen. Carlos empfing ihn mit offenen Armen und die beiden unterhielten sich lange. Natürlich fragte Carlos ihn, ob er Lust hätte, einen Song zu singen. Sie verständigten sich auf "Black Magic Woman".

Als es soweit war, stellte Carlos Alex dem Publikum als Freund vor, für den er jederzeit eine offene Tür habe. Die meisten Fans dürften ihn sowieso erkannt haben. Die eigentlichen Sänger Tony Lindsay und Andy Vargas überließen ihm "Black Magic Woman" aus Achtung ganz alleine und dann folgten noch "Gypsy Queen", "Oye Como Va" und "Toussaint l'Overture". Carlos schien sich darüber sehr zu freuen, denn er strahlte unentwegt.

Was für ein wunderbares Zusammentreffen…

Dienstag, 12. Mai 2015

Carlos Santana – Der Klang der Welt (2015)

"Der Klang der Welt" – im Original "The Universal Tone" – so heißt die Autobiographie von Carlos Santana. Gemeint ist das Om, der Urklang, aus dem nach hinduistischem Glauben das Universum entstand und der alle Wesen durchdringt. Man meint bisweilen, dass Carlos solche verzaubernden Töne auch seinem Instrument entlocken kann. Und so ist nicht verwunderlich, dass das Om-Symbol den Kopf seiner Paul-Reed-Smith-Gitarre ziert. Und dass der Titel seines Buches sich darauf bezieht. Denn Carlos fand 1972 zu fernöstlicher Spiritualität und Meditation und folgte viele Jahre lang einem indischen Guru. Jenem geistigen Weg blieb er bis heute treu.


Dieses wunderbare Buch mit 528 Seiten erzählt nicht allein vom Musiker, sondern vom Menschen Carlos Santana. Selbstredend nehmen seine Familie und seine spirituelle Entwicklung breiten Raum darin ein. Doch hauptsächlich geht es natürlich um Musik, um den Gitarristen Carlos, um die Band Santana, um Erlebnisse, Begegnungen, Freundschaften und Einflüsse, um Songs, Alben, Konzerte, Plattenfirmen und das Musikgeschäft.

Sehr langsam und weitgehend chronologisch entwickelt sich die Geschichte. Sie wächst und entfaltet sich fast wie eine Blume. Erstaunlich, an wie viele Einzelheiten seiner Kindheit Carlos sich erinnern kann und wie er sie vor uns ausbreitet. Auf Seite 63 kommt der zehn- oder elfjährige Carlos erstmals mit einem Instrument in Kontakt, mit seiner ungeliebten Violine. Und dann bewegt sich seine Karriere in unzähligen winzigen Schritten voran. Menschen kommen und gehen. Manche bleiben und wir können fast hautnah miterleben, wie er für seine Musik und mit ihr lebt und wie sich allmählich passende Musiker um ihn scharen, die als Santana Blues Band und dann weltweit als Santana Furore machen werden.

Erst auf Seite 219 landet Santana in Woodstock. Es ist 1969 und das Debütalbum erscheint demnächst. Auf Seite 297 wendet Santana sich dem Album "Caravanserai" zu. Es ist 1972. Die internationale Karriere währt zu dem Zeitpunkt gerade mal drei Jahre und wir befinden uns bereits in der zweiten Hälfte des Buches.

So gemächlich geht es folglich nicht weiter. Etwa ab Mitte der Siebzigerjahre zieht das Erzähltempo dann auch deutlich an. Schade eigentlich, denn die vielen Details gefallen mir wirklich gut – vor allem, sofern sie die Musik betreffen. Interessant ist beispielsweise, dass es zu "Samba Pa Ti" auch einen Text gibt (in Auszügen nachzulesen auf Seite 244), den Carlos immer im Sinn hat, wenn er das Lied spielt. Besonders berührend ist für mich freilich die schmerzhafte Trennung von seiner ersten Frau Deborah nach 34 Ehejahren und das tiefe Glück, welches aus der Asche entsteht, als er Cindy begegnet, die seine zweite Frau wird.

Nicht jeder Musiker, der in all den Jahrzehnten bei Santana gespielt hat, wird im Buch genannt. Das ist nachvollziehbar. Etwas befremdlich finde ich jedoch, dass Raul Rekow, der Carlos von 1976 bis 2013 mit Abstand am längsten von allen Musikern in der Band begleitet hat, nur dreimal am Rande erwähnt wird, außerdem auf einem Foto auftaucht. Dafür widmet Carlos sich ausgiebig den Charakteren, die ihm nahe standen und stehen wie Bill Graham, Michael Carabello, Gregg Rolie, Michael Shrieve, Armando Peraza, Wayne Shorter, Miles Davis, John Lee Hooker, Clive Davis und vielen mehr.

Carlos hat das Buch nicht selbst geschrieben. Dafür waren seine Weggefährten Hal Miller, der die vielen Erinnerungen aufnahm und ordnete, sowie Ashley Kahn, der sie gefühlvoll und leichtfüßig zu Papier brachte, zuständig. Sie haben ihren Job richtig gut gemacht. Heraus kam ein Buch voller Seele und Musik, welches ich mit großer Freude gelesen habe und jedem Fan sowie jedem Musikfreund wärmstens empfehlen kann.

Montag, 23. März 2015

The Magic of Santana mit Alex Ligertwood in Bochum

Am 20. März 2015 spielte The Magic of Santana mit ihrem Gastsänger Alex Ligertwood (Ex-Santana) in der Bochumer Zeche. Es gab zwei Stunden Santana-Musik vom Feinsten – von "Black Magic Woman/Gypsy Queen" über "Samba Pa Ti", "I Love You Much Too Much" und "Aqua Marine" bis "Incident At Neshabur" und "Jingo". Der volle Saal brodelte in heißer Musik und auch für's Herz war viel dabei. Die Band spielte mit großer Freude und Alex gelang es einmal mehr, sein Publikum mitzureißen. Ein magischer Abend. Sie wollen gerne wiederkommen…

Für eine vergrößerte Darstellung können die Fotos angeklickt werden.

Alex Ligertwood

Das Publikum in der Bochumer Zeche

The Magic of Santana featuring Alex Ligertwood

Gerd Schlüter

Jürgen Pfitzinger

Andreas Rohde

Chris Haertel

Martin "Wunz" Hohmeier

Jürgen Sosnowski

Oliver Steinwede

Weitere gelungene Fotos gibt es auf dem mir sehr eng verbundenen Blog dp-galerie.

Samstag, 14. März 2015

Die Symbolik von Abraxas (1970)

"Abraxas" das zweite Album von Santana, erschien 1970. Bemerkenswert ist das etwas mystische Cover, für das ein Werk des 1932 in Hamburg geborenen Künstlers Mati Klarwein ausgewählt wurde. Das Bild mit dem Titel "Annunciation" (Ankündigung) entstand 1961 und ist eine provokative Interpretation des Moments, in dem Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria die Geburt Jesu ankündigt. Da ich im Besitz eines großformatigen Kunstdrucks (plattensigniert, Auflage 9.800 Exemplare) bin, den ich einscannen konnte, lassen sich Details hier viel klarer erkennen als auf dem Plattencover.


"Annunciation" war zunächst Bestandteil des "Aleph Sanctuary", eines würfelförmigen, als Tempel aller Religionen gedachten Raumes mit 68 Bildern, darunter auch einigen biblischen Motiven wie diesem. Carlos Santana fand eine Reproduktion in einem Magazin und wollte es für "Abraxas" haben. Neben dem Cover für Miles Davis' "Bitches Brew" und diversen anderen hat es wohl mit am meisten zu Klarweins internationalem Bekanntheitsgrad beigetragen.

"Annunciation" steckt voller Symbole und humorvoller Ideen. Auf einige von ihnen möchte ich in diesem Beitrag gerne einmal hinweisen.

Frauen und Mati


Klarwein verwendete keine Fotos als Vorlagen für seine Frauenbilder. Er brauchte die erotische Spannung echter Modelle in seinem Atelier. Für den roten, tätowierten Engel Gabriel posierte eine Frau mit ihrem linken Knie auf einem Stuhl, die sich an einem Band festhielt, welches von der Decke hing. Es war ein Bauernmädchen aus Guadeloupe, keine Tänzerin (wie der Maler betont). Durchtrainiert war sie vom Gemüse schleppen. Klarwein entdeckte sie in einer Kunstschule, wo sie für Studenten Modell saß.


Mit dem rechten Zeigefinger deutet der Engel zum Himmel auf das Aleph-Symbol, den ersten Buchstaben des hebräischen Alphabets, welches für den Anfang steht. Die Conga dient der Ankündigung, denn Trommeln benutzte man in Afrika seit jeher zur Kommunikation.


Die dunkelhäutige, nackte Maria – wunderbar passend zum Song "Black Magic Woman" – ist umgeben von Zeichen der Fruchtbarkeit wie dem geöffneten Ei, aus dem Blumen sprießen, und üppigen Früchten. Die weiße Taube vor ihr steht für Reinheit, für die unbefleckte Empfängnis. Dass die Conga eine Linie zwischen dem Schoß der Maria und dem Kopf mit Hut bildet, ist sicher kein Zufall.


Dieser zeigt nämlich Mati Klarwein selbst, der nach eigenen Worten in dem Alter von Frauen besessen war.


Ein zweites Mal taucht sein Gesicht hinter der Mauerecke links von Marias Kopf auf.


Das Bild auf dem Tisch rechts von Maria zeigt den Kopf des Engels mit vertauschten Farben – blaue Haut und rote Tattoos – und auf dem Rahmen die Worte Abdul und Mati – so nannte Klarwein sich mit Vornamen. Die hebräische Inschrift rechts des Gesichts ist ein Zitat aus den Schriftrollen Salomons und lautet "Everything is Nonsense" (Buch Kohelet 1,2: "Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch.").

Die Wodaabe


Die drei herausgeputzten Menschen hinter dem linken Selbstporträt sind Wodaabe-Tänzer, vermutlich stellvertretend für die drei Könige. Werner Herzog drehte einst den Dokumentarfilm "Wodaabe – Hirten der Sonne" über sie, enthalten als Extra auf der DVD "Wo die grünen Ameisen träumen". Es handelt sich um ein Nomadenvolk, das überwiegend in Niger lebt.


Ihr traditioneller, jährlicher Höhepunkt ist ein mehrtägiges Brautwerbungsritual, bei dem die Männer sich aufwändig schminken und kleiden und in einem Tanzwettbewerb antreten, während die Frauen die Wahl haben. Besonders attraktiv sind Männer für die weibliche Jury, wenn sie ein Auge still halten und mit dem anderen rollen können, weshalb Klarwein sie mit entsprechenden Grimassen in Szene gesetzt hat.

Die Bucht


Unterhalb der Conga ist die Bucht von Deià (Cala de Deyà) auf Mallorca zu sehen.


Klarwein lebte mehrere Jahre lang auf der Insel (und starb dort 2002). Von seinem Atelier aus blickte er auf die hier eingefangene Bucht mit ihren Häusern und einem offenen Fischrestaurant sowie den Terrassenfeldern.

Der Name


"Abraxas" ist ein symbolträchtiger Begriff und der Name einer antiken Gottheit, nämlich des Herrn sämtlicher Himmel, von denen es nach gnostischem Glauben genau 365 gibt. Zu jedem gehört ein Tag des Jahreslaufs. Nicht zufällig hat das Wort "Abraxas" (vermutlich durch einen Buchstabendreher aus "Abrasax" entstanden) den Zahlenwert 365 im griechischen Alphabet (α + β + ρ + α + ξ + α + ς = 1 + 2 + 100 + 1 + 60 + 1 + 200 = 365) und besteht aus der magischen Menge von sieben Buchstaben.

"Abraxas" begegnet den Musikern in der Erzählung "Demian" von Hermann Hesse, einer damaligen Kultlektüre junger Amerikaner, die sie auf dem Cover sogar zitieren. Der Wortlaut im Original (6. Kapitel): "Ich stand davor und wurde vor innerer Anstrengung kalt bis in die Brust hinein. Ich fragte das Bild, ich klagte es an, ich liebkoste es, ich betete zu ihm; ich nannte es Mutter, ich nannte es Geliebte, nannte es Hure und Dirne, nannte es Abraxas". Mehrfach heißt es dort, dass Abraxas sowohl Gott als auch Teufel sei, dass er die lichte und die dunkle Welt in sich trage. Und indem Santana sich ausdrücklich auf dieses Buch und diese Gestalt bezieht, pflegt die Band unterschwellig ihr Image, aufregend anders, wild, exotisch, gar einen Hauch dämonisch zu sein – wie die afrikanischen Wurzeln ihrer Musik. Man kann es sich heutzutage kaum vorstellen, aber damals hat Santana tatsächlich dieses Flair um sich verbreitet.

Das Logo


Außerdem taucht auf "Abraxas" erstmals der ausdrucksvolle Santana-Schriftzug auf, fortan ein Erkennungszeichen der Band.


Er stammt von Robert Venosa, der später auch das Cover von "Oneness" und das Logo von Carlos Santanas kurzlebigem Plattenlabel "Guts & Grace" entwirft. Mehr darüber gibt es hier.

Dienstag, 10. Februar 2015

Carlos Santana – The Universal Tone (2014)

"The Universal Tone" – so heißt die Autobiographie von Carlos Santana. Der "Universal Tone" ist ein Klang, welcher alle Wesen berührt und verbindet, also eigentlich eine spirituelle Angelegenheit. Und man meint bisweilen, dass Carlos solche Töne seiner Gitarre entlocken kann.


Dieses wunderbare Buch mit über 500 Seiten erzählt nicht allein vom Musiker, sondern vom Menschen Carlos Santana. Und so nehmen seine Familie und seine spirituelle Entwicklung breiten Raum darin ein. Doch hauptsächlich geht es natürlich um Musik, um den Gitarristen Carlos, um die Band Santana, um Erlebnisse, Begegnungen, Freundschaften und Einflüsse, um Songs, Alben, Konzerte, Plattenfirmen und das Musikgeschäft.

Sehr langsam und weitgehend chronologisch entwickelt sich die Geschichte. Sie wächst und entfaltet sich fast wie eine Blume. Erstaunlich, an wie viele Einzelheiten seiner Kindheit Carlos sich erinnern kann. Auf Seite 57 kommt der zehn- oder elfjährige Carlos erstmals mit einem Instrument in Kontakt, mit seiner ungeliebten Violine. Und dann bewegt sich seine Karriere in unzähligen winzigen Schritten voran und wir können fast hautnah miterleben, wie er für seine Musik und mit ihr lebt und wie sich allmählich passende Musiker um ihn scharen, die als Santana weltweit Furore machen werden.

Erst auf Seite 215 landet Santana in Woodstock. Das war 1969 und das Debütalbum war noch immer nicht erschienen. Auf Seite 296 wendet Santana sich dem Album "Caravanserai" zu. Das war 1972. Die internationale Karriere währte zu dem Zeitpunkt gerade mal drei Jahre und wir befinden uns bereits in der zweiten Hälfte des Buches.

So gemächlich geht es folglich nicht weiter. Etwa ab Mitte der Siebzigerjahre zieht das Erzähltempo dann auch deutlich an. Schade eigentlich, denn die vielen Details gefallen mir wirklich gut – vor allem, sofern sie die Musik betreffen. Interessant ist beispielsweise, dass es zu "Samba Pa Ti" auch einen Text gibt (in Auszügen nachzulesen auf Seite 239), den Carlos immer im Sinn hat, wenn er das Lied spielt. Besonders berührt hat mich wegen größerer Parallelen zu meinem eigenen Leben freilich die Trennung von Deborah und das tiefe Glück, welches aus der Asche entstand, als er Cindy begegnete, die seine zweite Frau wurde.

Nicht jeder Musiker, der in all den Jahrzehnten bei Santana gespielt hat, wird im Buch genannt. Das ist nachvollziehbar. Etwas befremdlich finde ich jedoch, dass Raul Rekow, der Carlos von 1976 bis 2013 mit Abstand am längsten von allen Musikern in der Band begleitet hat, nur dreimal am Rande erwähnt wird, außerdem auf einem Foto. Ansonsten aber widmet Carlos sich ausgiebig den Charakteren, die ihm nahe standen und stehen wie Bill Graham, Michael Carabello, Gregg Rolie, Michael Shrieve, Armando Peraza, Wayne Shorter, Miles Davis, John Lee Hooker, Clive Davis und vielen mehr.

Carlos hat das Buch nicht selbst geschrieben. Dafür waren seine Weggefährten Hal Miller, der die vielen Erinnerungen aufnahm und ordnete, sowie Ashley Kahn, der sie gefühlvoll und leichtfüßig zu Papier brachte, zuständig. Sie haben ihren Job richtig gut gemacht. Heraus kam ein Buch voller Seele und Musik, welches ich mit großer Freude gelesen habe und jedem Fan, der des Englischen halbwegs mächtig ist, empfehlen kann.

"The Universal Tone – Bringing My Story To Light" von Carlos Santana ist im November 2014 bei Little, Brown and Company erschienen, hat 536 Seiten plus zwei Fotostrecken und kostet in der gebundenen Ausgabe 30 US-Dollar.